Der Bundeskanzler hat gesprochen. Zuletzt gerade eben. In seiner Neujahrsansprache via TV legte Friedrich Merz nah, nicht auf die „Schwarzmaler und Angstmacher“ zu hören, sondern dem eigenen Mut zu vertrauen. Der eigenen Tatkraft. Er sagte dann noch was vom „großartigen Land“ und einer „liebenswürdigen Heimat“. In der man es „selbst in der Hand“ habe, zu entscheiden, wohin die Reise gehe. „Wir sind nicht Opfer von äußeren Umstände. Wir sind kein Spielball von Großmächten. Unsere Hände sind nicht gebunden“. Man weiß nicht genau, wie die Merz-Nacht war, bevor die Ansprache aufgezeichnet wurde. Was träumte der Kanzler, dass er so sprach? So, nennen wie es mal: verpeilt. So sorglos an den Sorgen der Menschen vorbei. Grundlegende Reformen werden es 2026 geben. Hatte er nicht schon eine Sommeroffensive und einen Herbst der Reformen für 2025 angedroht?
Man kann ja meist froh sein, wenn seine Worte nicht wahr werden. Verpuffen. Dann möchte man ihm sogar seine Verpeiltheit angesichts der Realitäten verzeihen. Lieber Merz, glaube du nur, was du sagst. Mach dir selbst Mut. Nur bitte keine Reformen. Man wünscht sich, dass auch die Neujahrsansprache verpufft. Bitte ganz ruhig, Brauner. Nix anfassen. Ist alles fragile. Kein Satz von Merz, wie es um die Sozialsysteme steht. Um die Nöte etwa der Abgehängten in Ostdeutschland. Um das Erstarken von rechts. Was zu tun sein könnte, um der AfD Durchmärsche bei nächsten Landtagswahlen zu versperren. Statt dessen Arglosigkeit und Unternehmenssprech. „Ich sag Ihnen: Wir sorgen für Frieden“. Hat er Trump und Putin nicht gerade gehört? Dafür Festigung des Sozialstaats. Da hat die Wirtschaft ein paar echt gute Ideen. Für Ottonormalverbraucher. Nicht für die Geldsäcke, versteht sich.
Nach Bundesministerin Reiche will jüngst mit Gruß zum Jahreswechsel auch Bankenpräsident Sewing, dass länger gearbeitet wird. Arbeitgeber holen die Äxte Richtung Lohnfortzahlung im Krankheitsfall raus. Die Krankenkassen erhöhen ihre Beiträge. Die Kassenärzte möchten neue „Kontaktgebühren“ für jeden Arztbesuch. Der öffentliche Nahverkehr und Bahn-Fahren werden teurer. Rentenkommission? Lieber nicht nachdenken. Die Wachstumszahlen dürften weiter lahmen. Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit steigen. Das Bürgergeld erhält einen neuen Billig-Anstrich. Die Wehrerfassung kommt. „Deutschland wird bestimmt kein leichtes Jahr haben“, so der „Tagesspiegel“. Ach nee. Aber man könne „in jedem Fall neu anfangen“. Und „an den Herausforderungen wachsen“. Und dann könne „wirklich vieles besser werden“. Wenn’s nach der CSU geht, mit neuer Atomkraft voraus!
Optimistisch stimmen klingt anders. Gut, ein paar Verbesserungen sind hier unterschlagen. Aber machen die den Kohl fett? Schaut man zurück, dann darf man, ohne sich Lügen strafen zu müssen, konstatieren: Nein! Stets war es so, dass das, was vermeintlich besser wurde, von dem, was schlechter kam, aufgezehrt wurde. Vielen Dingen werden tolle Namen gegeben. „Aktivrente“ etwa ist so ein Name. Der unterschlägt, dass es Rentner bei Allem, was teurer wird, eher an den Kragen geht. Zumal Visionen vom Längerarbeiten am Unvermögen der Wirtschaft scheitern dürften. Weswegen manche drüber nachsinnen, ob man den Menschen das Leben an sich nicht mitleidig verkürzen helfen sollte. Indem man ihnen teure Medikamente verweigert. Insgesamt bleibt unsere „liebeswürdige Heimat“ ein Hort der Daumenschrauben. Wer nicht im Reformenstadl mitzieht, dem zieh’n wir sie an.
Wir können, wohl seligen Glaubens, froh sein, dass der Kanzler so milde sprach. Sein Nachweihnachtsgesicht aufsetzte. Und nicht den Bierdeckel rausholte. Das kann er nämlich auch. Und das kommt noch, wenn die „liebeswürdige Heimat“ sich nicht fügt. Dann bricht nämlich das Sauerländische gänzlich durch. Bei „KI“ steht: Typische Eigenschaften des Sauerländers seien etwa „die einmalige Art zu quasseln, die Leidenschaft für das Schützenfest und die Freude am Frickeln“. Neben dem Hang „zum Echten und zur Heimatverbundenheit“. Das könnte Merz, wenn wir nicht guter Dinge sind, endgültig zur Kür machen. Was wir im Jahr 2025 erlebt haben, war Vorgeschmack. 2026 könnte der Kanzler zur Höchstform auflaufen. Noch ist „Kriegstüchtigkeit“ nur ein Schlagwort. Droht Russland und hilft Rheinmetall. Aber wehe dem, der innere Kriege anzettelt.
Das gilt auch für den Fall, dass die AfD in einem oder mehreren ostdeutschen Bundesländer nach den Landtagswahlen 2026 an die Schalthebel des Regierens drängt. Dann sollten wir, so kolumnieren Medien und Intellektuelle landauf, landab, ein bisschen Verständnis haben für die, die nicht anders konnten, als ihr Kreuzchen bei den Rechtsextremen zu machen. Und nicht gleich die Nazi-Keule rausholen. Im Zweifel können, das kennen wir ja, Millionen Menschen halt auch mal irren. Wem diese Sichtweise nicht passt, sei der Mey-Song empfohlen: Gute Nacht Freunde / Es wird Zeit für mich zu gehen / Was ich noch zu sagen hätte / Dauert eine Zigarette / Und ein letztes Glas im Stehen. Man kann nur hoffen, dass einem schlimmestenfalls noch so viel Zeit bleibt. Und einem in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder am Teupitzer Park nicht die Beine gebrochen werden.

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