Angst essen Seele auf. So hieß ein Film von Rainer Werner Fassbinder. Mit der wunderbaren Schauspielerin Brigitte Mira. Ein Gastarbeiter-Drama von 1974. Das die soziale Unterdrückung und Ausgrenzung der Menschen zum Thema hatte, die damals in Deutschland die Arbeit taten, die andere nicht tun wollten. Wie heute die zehntausenden Flüchtlinge, ohne die unser Land aufgeschmissen wäre. Angst war damals für die Menschen, die in Deutschland geboren wurden und lebten, kein so großes Thema. Die Wirtschaft prosperierte, der Kalte Krieg schien die Großmächte in Schach zu halten, es gab Krisen, aber die erschienen uns weit weg.
Freilich, auch im damaligen Jahrzehnt gab es politische Konflikte quasi vor Haustür. Sie waren aber lösbar, so das Gefühl. Oder es wirkte, als würden die Konflikte das Land am Ende nach vorn bringen. Als würde aus den Konflikten, die sich überschaubar zeigten, auch wenn sie teils tief ins Mark des Staates reichten, etwas greifbar Positives erwachsen. Heute fordern uns Krisen und Kriege, polarisierende Debatten, ihre Komplexität auf eine Art und Weise heraus, die etwas Disruptives hat. Und kaum mehr einordenbar, geschweige denn einzufangen ist. Die Politik mäandert. Zerfleddert. Schwankt in ihren Haltungen. Ohne Halt zu geben.
Angst war denn das Thema eines Gesprächs, zu dem dieser Tage Michael Friedman ins Berliner Ensemble lud. Gäste: der Soziologe Heinz Bude und die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff. Auf den Zuschauerrängen saßen Menschen, die, so sei es anzunehmen, sich ein bisschen Flankenschutz angesichts der zunehmenden Unübersichtlichkeiten von Alltag, Weltlage und der darin operierenden Politik erhofften. Geboten bekamen sie ein Kaleidoskop der Ratlosigkeit, auch wenn die Gäste das anders sehen mögen. Professor:innen lassen sich nicht gern der Unsicherheit bezichtigen. Wenn hier doch, so zeigt das die Dramatik.
Die US-amerikanische Politwalze Donald Trump, der zu lange in seiner großrussischen Attitüde verkannte Diktator Wladimir Putin, ein Israel, dessen rechte Regierung brutal alle Friedensaussichten im Nahen Osten zerstört, das offenbar unaufhaltsame Erstarken der Rechtspopulisten in einem zerrissenen Europa versetzen uns von außen in Angst. Im Innern kämpfen wir mit sozialer Aushöhlung, fallen tausende Jobs einer aus allen möglichen Gründen kollabierenden Wirtschaft zum Opfer, werden als Ausdruck von Angst Hass und Angriffe gegen das System, Demokratie und Rechtsstaat hoffähig und hoffähig gemacht.
Dass in der Gesprächsrunde im Berliner Ensemble dazu wenig klare Strategien erkennbar waren, zeigte, wie schwer sich selbst kluge Köpfe dazu verhalten. Ist der Staat, sind seine Parteien die Subjekte, von denen wir einen klaren Kurs erwarten sollen und dürfen? Ist es das gesellschaftliche Individuum, das sich kollektiv aufmachen sollte und müsste, um sich eigener Positionen und eigenen Selbstwusstseins zu vergewissern. Und sich und anderen einen verlässlichen Weg aus dem Chaos zu weisen? Sollen die Menschen wieder mehr Einmischung wagen? Sollen wir unsere Demokratie im Zweifel auch mit der Waffe verteidigen?
Michel Friedman zeigte sich, wie auf vielen Demonstrationen der letzten Wochen, verzweifelt. Heinz Bude und Nicole Deitelhoff verhedderten sich in Irrgärten einer sich im Wind öffentlicher Diskussionen wiegenden Wahl zwischen Aufklärung und Mainstream. Deutlich wurden Versäumnisse, dem gesellschaftlichen Individuum Handlungsfähigkeiten aufzuzeigen. Sie als unabdingbaren Bestandteil einer lebendigen und wehrhaften demokratischen Gesellschaft zu sehen und zu festigen, die auch nach außen selbstbewusst ist. Und die die Chance ergreift, gerade in selbst zugestandener Angst Stärke zu entwickeln.
Doch schon bei der Frage, wie denn diese Stärke aussehen könnte, kam von der Politologin und dem Soziologen nichts sonderlich Pragmatisches. Wie so oft, bleiben Theoretiker in der Theorie stecken. Was sie denn auch, wenngleich kleinlaut, zugaben. Und was deutlich macht, dass es in dieser Zeit schwierig scheint, Mut zu belastbaren Standpunkten zu haben. Denn alle Standpunkte stoßen auf Gegenstandpunkte. Wer nach vorne prescht, muss ein dickes Fell haben, bisweilen auch in physischem Sinn. Von Risiko sprachen die Gäste und der Gastgeber. Das eingegangen werden müsse, doch wenigstens nicht gescheut werden dürfe.
Doch welches Risiko für welches Engagement? Da blieben am Ende mehr Fragezeichen als Antworten. Heinz Bude verlangte der Politik ab, offen wegweisend zu sein. Nicole Deitelhoff spornte den Einzelnen an, sich mit mehr Chuzpe zu gemeinsamem Handeln durchzuringen. Die Gesellschaft und die Politik (Heinz Bude meinte damit das parlamentarische Gefüge) müssten sich wegen der vielen Herausforderungen stärker aufeinander zubewegen. Und aus dem Aufeinanderzubewegen die Energie schöpfen, die aus Angst konstruktives Miteinander macht. Doch allzu nebulös blieb, wohin denn die Reise im Kern gehen sollte.
Sitzen wir Trump aus, hoffen wir drauf, dass solche Autokraten sich selbst erledigen? Halten wir aus historischen Gründen einer israelischen Regierung die Stange, auch wenn sie das Völkerrecht mit ihrem Vorgehen in Gaza und im Westjordanland strapaziert oder gar beugt? Rufen wir zum Boykott von Türkeireise auf, wenn Präsident Erdoğan seinen Staat und die Menschen darin unterjocht? Investieren wir weiter in einen Krieg in Osteuropa, auch wenn er weiter keinen Sieger kürt und das Potenzial zu einem umfassenden Krieg in Europa, eventuell auch nuklerar, hat? Ist Kriegstüchtigkeit sinnhaft über den Begriff hinaus?
Die Tatsache, dass auch hier mehr Fragen gestellt werden, als dass es von Antworten zu berichten gäbe. Und dass auch Michael Friedman am Ende des Gesprächs im Berliner Ensemble den gleichen ratlosen Eindruck machte wie am Anfang der Runde. Und dass den Gästen blieb, sich am Ende vor einem Publikum zu verbeugen, das brav applaudierte, aber nicht mit neuer Weisheit gesegnet schien. All das zeigt: Debatten sind nötig. Offenere, mutigere als an diesem Abend und derzeit öffentlich erwünscht. Wo sie geführt werden, auch mit Risiko, werden sie über Mahnungen zu wachsamer Duldung & Staatsräson abgewürgt.
Die, die Mut im Kampf gegen den russischen Diktator Putin einfordern, scheinen den gleichen Mut nicht im Kampf gegen Trump, Erdoğan und Netanyahu aufzubringen. Obschon man aus dem Verhältnis zum Kreml-Zaren gelernt haben sollte, dass Abwarten und Naivitäten von autoritären Herrschaften nicht goutiert werden. Auch Abwarten im Kampf gegen Rechts schafft Rechts nicht ab. Schon gar nicht, wenn man nach einem Urteil wie dem gegen die französische Rechtsnationalistin Marine Le Pen als erstes das Urteil angreift. Mutig sind auch nicht Milliarden Sondervermögen, wenn sie nicht ins Soziale fließen.
Heinz Bude brachte als einen wichtigen Faktor einer proaktiven Politik das Wort Priorisierung ins Spiel. Den Menschen ihre Angst nehmen zu wollen, indem man die Angst ängstlich befeuert, nur weil das so ausschaut, als sei man bereit, Stärke zu beweisen, ist die Priorisierung, die sonst von Halbstarken gepflegt wird. Faustrecht ist aber auch in der Politik nicht überzeugend. Und Handeln abseits von Waffen, vor allem wenn es eindeutig ist, bis hin zu Ignoranz, Abweisung, Sanktionen und Boykotten (das Beispiel Tesla könnte helfen), ist nicht zahnlos. Wer Kriegstüchtigkeit vor die Tüchtigkeit alternativer Optionen setzt, wird am Ende Opfer seiner getarnten Feigheit. Immer wieder.

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