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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Die Falsche Schöpfungsgeschichte

Als Gott Adam und Eva schuf, warnte er, von der Frucht des Baumes zu essen, der im Garten der Schöpfungserzählung stand. Alle Narrative konzentrieren sich seitdem auf diese eine Frucht. Angeblich ein Apfel. Eine Schlange überredete Eva, Gottes Rat in den Wind zu schlagen. Und Eva naschte wider besseres Wissen. Adam tat es ihr vertrauensselig nach. Und die Dinge nahmen ihren Lauf. Auch als Ur- oder Erbsünde bekannt. Was verschwiegen wird: In diesem Garten standen damals schon in drohender Vorwegnahme der Menschheitsgeschichte: Ein Lastenfahrrad, ein SUV, ein großer Kinderwagen und Regenschirme, die später als Gehhilfe dienen sollten. Natürlich sahen die Dinge nicht aus wie heute. Und sie hatten auch noch keine Namen. Doch es war absehbar, dass sie, einmal von Eva und Adam angefasst, Unheil bringen würden.

Im Berliner Tagesspiegel wird dieser Tage von einem Café im Schiller-Kiez in Neukölln berichtet. Sein Name: 180 Grad. Man könnte meinen, dies sei schon ein Menetekel gewesen, als sich Sarah Klausen vor fünf Jahren mit diesem Café und Bistro einen Lebenstraum erfüllte. Mitten in der wegen der Apfel-Story von Gott spätstrafend über die Welt gebrachten Corona-Pandemie. Denn der Traum von Sarah Klausen erwies sich als sein Gegenteil. Nämlich als Albraum. Und der ging so: Weil das Café berühmt war für seine Kuchen, Torten und Desserts, so besagt es der Tagesspiegel, der deswegen auf seinen Genuss-Seiten eine Empfehlung aussprach, kamen die Menschen von überall her. Um von den Früchten des Schaffens der Inhaberin zu kosten. Das Café wurde für viele mit der Weile ihr erweitertes Wohnzimmer, wie es heißt.

Es war nie nur ein Café…es war ein Zuhause auf Zeit, so Sarah Klausen einen Stammkunden zitierend. Manche hätten ihr gesagt, sie würden sich im Café mit all den Kuchen quasi als Teil der Familie fühlen. Doch weil Kunden bisweilen nicht weit von ihrem häuslichen Stamm zu Stammkunden werden, hätten sie vor Begeisterung die Teller abgeleckt und ihre Etikette verloren. Das Bild an sich reicht schon, um sich zu ekeln. Doch dessen nicht genug, fühlten sich Stammkunden immer wohler. Gäst*innen zogen vor lauter Wohlgefühl ihre Fahrradanhänger samt schlafenden Kindern in die enge, gute Café-Stube. Wieder welche lümmelten mit ihren vermutlich nicht sehr sauberen Schuhen auf den Polstern der Stühle. Andere packten ihre Laptops aus, tippten wild hinein und zogen aus Rücksäcken ihr mitgebrachtes Essen.

Was denken die Menschen, wie das Café so dauerhaft überleben soll?“ fragte und fragt sich Sarah Klausen. Gäste*innen aber fragten sich, wie sie der Inhaberin noch ein bisschen mehr ihre Träume austreiben könnten. Also hätten sie – jetzt müssen Leser*innen ganz tapfer sein – das Klo mit Exkrementen geschmückt. Einmal ließ ein Vater, wie der Tagesspiegel die Träumerin weiter erzählen lässt, sein Kind direkt vor der Tür des Cafés sein großes Geschäft verrichten. Eine Mutter habe die Windeln ihres Säuglings im Hand-Waschbecken gesäubert. Eine dreiste Variante beschreibt, wie sich Stammkunden vermutlich mit einem Ast ihres Stammdaseins im Bistro den Hundekot von den Sohlen kratzten. Der wiederum auf dem Fußboden des Café als Andenken zurückgelassen worden sei. Gottes Fluch scheint grenzenlos.

Halbe Sonntage lang, so Klausen zum Tagesspiegel, habe sie mit Schrubben verbracht. Jetzt, da Probleme nicht nur mit Gästen*innen, sondern auch mit dem Personal dazugekommen seien, sei Schluss. Sie mache ihren Laden dicht. Dem zudem Konkurrenz von einer Patisserie-Kette das Leben schwer mache. Wie zuletzt auch mutwilliger Vandalismus. Einbrüche. Hakenkreuze an den Fensterscheiben. Ich weiß nicht, was sich der liebe Gott dabei gedacht hat, die Menschen derart für das harmlose pflücken einer Frucht zu strafen. Und es nicht dabei zu belassen, was er zunächst in die Welt setzte: Nämlich die Mühsal, vom Ackerboden zu essen, Disteln und derlei dort wachsen zu lassen, auf dass einem das Leben zur Hölle werde. Nein, es mussten auch die anderen Dinge im Garten mit der Zeit zum Fluch werden.

Neben das Lastenfahrrad, das in Cafés gesteuert wird oder über Gehwege brettert, dass einem angst und bange wird, kamen die SUVs. Tonnen schwere Panzer-Fahrzeuge, in denen vornehmlich Männer die Kriegstüchtigkeit erproben, die ihnen Verteidigungsminister Pistorius abverlangt. Während junge Leute abseits urbaner Pisten in schlammigen Gräben angeblich freiwillig an der Waffe geschult werden, versuchen sich selbstüberschätzende Paviane, in kleinste Parklücken zu rangieren. Was Minuten, bisweilen gefühlt Stunden dauern kann. Abgesehen davon, dass, wer nicht bis aufs Blut Elektronik-affin ist, es trotz Kamera und piepender Parkhilfe fertig bringt, Vorder- und Hintermännern ihre ebenfalls heißgeliebten Karossen zu zerbeulen. Touchieren nennt das der SUV-Pilot. Und biegt im Dunkeln die Schäden zurecht.

Tags traut er sich nicht. Weil Heerscharen rauchender und (sorry Denis Scheck, das muss sein) schnatternder Mütter ihre Arsenale glänzender Kinderwagen für die Prosecco-Tour geöffnet haben. Und ihm, die Wägen vorzugsweise nebeneinander über Trottoirs schiebend, auf die Schliche kommen könnten. Wenn, ja wenn sie nicht gerade das ein oder andere mit einem Roller anrollende Kind auf die Hauptstraße drängen würden. Dessen handyverlorenes Elternteil wird kreischend und geifernd drauf hingewiesen, dass Rollern auf Gehwegen nun echt nicht gehe. Das rollernde Kind also warten müsse, bis sich besagte Mütter bequemen, ihre Gehweg-Blockade aufzugeben. Die Straße von Hirnriss. In Reih und Glied marschieren, das ist nämlich, siehe oben, Männersache. Wenn die, auch siehe oben, nicht gerade Panzer einparken.

Wenn alle Café-Gästinnen ihre wohnzimmerartigen Cafés vollgekotet haben, Kunden mit Lastfahrrädern vor Kuchenvitrinen bremsen, SUV-Kommandeure in Parklücken gefunden haben, Kinder auf Hauptstraßen gedrängt wurden und Kinderwägen schiebende Mütter ihre Lungen ruiniert haben, dann wird es auch schon Abend. Lebensabend. Dann wird die letzte Waffe menschlichen Daseins gezückt. Der Regenschirm, der der bei voranschreitendem Verfall nötigen Gehhilfe zur Tarnung dient. Verfall, wie oben beschrieben, auch dem der Sitten, hat man ja geübt. Der Regenschirm wird also aufgespannt und Passanten in der Nähe gezielt ins Auge gestochen. Oder zur Todesdrohung gegen rollernde Kinder oder schnatternde und paffende Mütter gezückt. Und wehe dem, dem nicht Alter vor fehlendem Anstand geht. Der kann aber beten!

Man sieht, die Schöpfungsgeschichte muss umgeschrieben werden. Eva und Adam haben eben nicht nur die Früchte vom Baum ihres Gartens gekostet. Sie haben sich auch an den anderen Dingen inmitten des Grüns vergriffen. Und nun haben wir den Salat. Was Sarah Klausen nach den Folgen des Sündenfalls machen wird, steht nicht geschrieben. Die autofreie Stadt, die eine Berliner Initiative ansteuerte, ist gescheitert. Rollern, sofern sie Key-less wie von selbst rollern, wird der Kampf angesagt, er dürfte verloren gehen. SUVs, Lastenräder und Kinderwägen im Parallelschwung werden Stadtbild bleiben. Die Alten, sofern die Union ihnen nicht weiter den Medikamentsfluss abdreht, bis zum bitterem Ende weiter zwischen Vergesslichkeit und Schirmherrschaft pendeln. Gott-sei-dank! Oder sind das alles nur dumme Fake-News?



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