Es hängt wohl damit zusammen, dass ich kürzlich 70 geworden bin. Jedenfalls machte ich mir heute Morgen ein Brot. Getoastet. Mit reichlich Paté darauf. Es müssen diese permanenten Ratschläge sein, die die Medien überfluten, dass ich beim ersten Bissen nicht etwa daran dachte, wie sehr ich derartigen Brot-Belag schon immer mochte. Sondern daran dachte, ob denn solcherlei herzhafter Aufstrich, mit dem ich noch nie sparte, altersangemessen sei. Sprich: Ich nicht damit irgendwelche Blutwerte in die Höhe treiben und meine physische Perspektive beschädigen könnte. Warum, so ging es mir zugleich durch den Kopf, kann denn nicht Paté im Alter genauso unbeschwert den Weg aufs Brot finden, wie damals, als ich jung war und mir nicht im Geringsten darüber Gedanken machte, was das einmal mit mir anstellen könnte.
Derlei lukullische Ressentiments sind, finde ich, Strafe genug dafür, dass man sich 30 Jahre lang beruflich gemüht hat, der Gesellschaft zu geben, was ihr durch gutes Einkommen verdient zusteht. Sprich: schon pekuniär gesehen, im Sinne des Solidargedankens, der unsere Gemeinschaft prägt. Viele in meiner Generation haben sehr viel weniger verdient. Und sich trotzdem den Hintern fürs Miteinander aufgerissen. In die Sozialsysteme eingezahlt. Konsumiert, damit es der Privatwirtschaft und ihren Bros gut geht. Nachhut großgezogen, die weitermacht, wo sie aufgehört haben. Mit der sie in rund 30 Tagen Urlaub, die sich sich nehmen durften, etwas Erholung gesucht haben. Dabei freilich wieder Geld in die Kassen der Tourismusindustrie gescheffelt haben. So ging es über Jahrzehnte. Ohne Murren und Revolution. Und nun, liebe Leute?
Ist unser Sozialsystem am Ende. Insolvent, würde man in der Wirtschaft sagen. Überall klaffen Milliardenlöcher. Gesundheit. Renten. Alterssicherung. Alles gewissermaßen am Arsch. Und was fällt der Regierung ein? Dafür, dass wir Jahrzehnte in die Systeme eingezahlt haben, sollen wir endlich mal ein bisschen Einsicht dahingehend zeigen, dass es so nicht weitergeht. Was konkret heißt: Nicht darauf drängen, dass sich auf der Einnahmeseite des Staates, den wir ein Leben lang nach Kräften gepudert haben, was ändert. Sondern auf der Seite der Ausgaben. Weniger Leistungen für die Leistung, die wir erbracht haben, so die Losung. Während sich die Wirtschaft über Gewinne und Aktienmärkte weiter am Laufen halten darf. Ja soll. Denn, so das Kalkül: Wo die Wirtschaft brummt, da ist der Wohlstand aller nicht weit. Ein Märchen, das seit der Erfindung des Kapitalismus erzählt wird.
Denn selbst, als die Wirtschaft über alle Branchen hinweg mehr brummte als derzeit, war es nicht so, dass Wohlstand über alle Maßen an die Gesellschaft verteilt wurde. Auch in prosperierenderen Zeiten mussten sich die, die der Wirtschaft den Wohlstand verschafften, also jene die arbeiteten, während andere andere, vor allem aber Geld für sich arbeiten ließen, ziemlich aus dem Fenster hängen, um ausreichend davon abzubekommen. Das klappte mal mehr, mal weniger gut. Aber, so könnte man sagen, noch in erträglicher Weise. Nun, da alles brach zu liegen droht, Wirtschaft und Sozialsysteme, wird nicht etwa die gesamte Solidargemeinschaft in die Pflicht genommen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Sondern die, die ohnehin dafür zuständig waren, die, so würde Bundeskanzler Merz sagen: Drecksarbeit zu machen.
Mich, wie erwähnt nun 70, interessiert vor allem, wie das für die älteren Menschen aussieht. Und das sieht so aus: Die Pflegekosten steigen wie ehedem das Wasser im Ahrtal. Und mit ihnen steigen die Eigenanteile der Menschen, die der Pflege bedürfen. Wer die Unterbringung nicht von seiner Rente zahlen kann, dem wird zunächst aufs Vermögen geschaut. Mit dem es sich Betroffene eigentlich etwas nett machen wollten. Nun soll das Vermögen dafür herhalten, inmitten miesen Mobiliars und schlechtem Essen eine Art Gnadenzeit zu fristen. Betreut von unterbesetzten Pflegestationen. Wenn das Vermögen des Pflege“falls“ nicht reicht, geht es an das Vermögen des Ehe- oder Lebenspartners. Dem dann schlimmstenfalls die eigene Vorsorge für die Versorgung im Alter wegbricht. Das ist doch prima, oder?
Weil das noch nicht reicht, werden dem, der meist nicht gerade mit üppiger Rente versehen ist, im Zweifel nicht nur Vermögenswerte unterm Hintern weggepfändet. Er soll auch noch, neben anderen steigenden Kosten, immer höhere Pflegebeiträge gezahlt haben. Damit aber ist der Sozialstaat längst nicht am Ende, jedenfalls nicht, wenn es nach Union und anderen geht, die die Zukunft am liebsten auf Bierdeckeln zeichnen. Sie haben sich eine weitere Volte zurechtgelegt. Demnach soll der Mensch, dem in der Vergangenheit auch staatlicherseits medizinischer Fortschritt ein längeres Leben versprach, wieder auf ein belastbares Maß an gesundheitlicher Versorgung runtergebeamt werden. Sprich: Gemacht wird nur, was unbedingt nötig ist. Was wünschenswert wäre, obliegt persönlicher Kassenlage. Ansonsten ab, und wohin?
Wenn’s nicht anders geht, in die Kiste. Diese Kiste gerät angesichts der Lebens-Qualität deutscher Pflegeeinrichtungen fast schon zur paradiesischen Vision. Ein Angehöriger von mir gab dazu die Losung aus: Raus aus meinem Wohnumfeld, für das ich viele Jahre geschuftet habe, nur in der Horizontalen. Ich selbst, mit zwei Renten ausgestattet, aber überschlägig auch nur in der Lage, daraus, ohne dass es an mein Vermögen oder das meiner Lebenspartnerin geht, ein ein 0815-Pflegeheim bezahlen zu können, studiere eifrig, ob ich mir mit Blick darauf schonmal einen Satz Rasierklingen bereitlegen sollte. In der Hoffnung, etwa im Moment fortschreitender Demenz noch irgendwie den klaren Gedanken fassen zu können, dem Spuk des Staates, dessen Solidargemeinschaft ich über Abgaben geschmiert habe, ein rettendes Ende setzen zu können. Dann fällt mir alter Elan ein.
Der wird auf meine älteren Tage besonders angefacht, wenn ich zusehen und -hören muss, wie eine Talkshow-Moderatorin die Diskussion allen Ernstes auf die Ebene manövrieren will, wonach Parteien, die dem sozialen Ausverkauf einen Riegel vorschieben wollen, Schuld am Erstarken rechter Kräfte seien. Weil ja nicht etwa dieser Ausverkauf, verursacht durch eine wenig solidarische Phalanx von Wirtschaft und Besser- und Bestverdienenden plus einem Staat, der seine sehenden Hände darüber hält, Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen den Rechten hinterherrennen. Sondern jene schuld sind, die nicht begreifen, dass wir diesen Ausverkauf dadurch bremsen müssen, indem wir uns – endlich mal! – ein Bisschen selbst bremsen. Schmeißen wir also unser Erspartes in den Topf! Wenn es die Großen nicht machen.
Derlei politische Logik, die einmal das Steckenpferd der FDP war, die jetzt ein greiser Reiter endgültig zugrunde reiten will, die schon immer auch eine Logik konservativer Kapitalismus-Anbeter war und zunehmend von vergesslichen Sozialdemokraten (ist das Nichterinnern an ihre Tradition schon Zeichen fortschreitender Demenz? Dann aber ab ins Pflegeheim!) mitgetragen wird, bringt mich, das ist ein Vorteil des Älterwerdens, darauf, mir mal unverbindlich die Französische Revolution ins Gedächtnis zu rufen. Solange mir das noch möglich ist. Ist es nicht so, dass wir uns in Europa bei allen möglichen Ereignisse auf die Aufklärung berufen, die Grundlage dieser Revolution war? Und dass diese Revolution, wenn ich mich nicht täusche, mit dem Sturm auf die Bastille einherging. Und später Schlimmerem, hier ausgespart.
Vor allem war die Gefechtslage – kriegerische Terminologien sind ja derzeit an der Tagesordnung, also scheue ich mich nicht – der heutigen gar nicht mal so unähnlich. Frankreich stopfte unter Ludwig XVI. massenhaft Gelder ins privilegierte Leben – und in den Krieg. Das Reich rutschte in die Pleite. Es musste ein Weg aus den Staatsschulden her. Eine Weile wurde versucht, das Volk aus den Prozessen herauszuhalten, die dafür nötig schienen. Das gelang nur bedingt. Zumal die Menschen immer stärker unter einer Herrschaft litten, die sie sozial geknechtet hatte und knechtete. Ich verkürze: Am 14. Juli 1789 stürmten die Menschen in ihrem Unmut die Bastille, das Gefängnis in Paris, das ihnen als Symbol ungerechter Willkür-Herrschaft galt. Wenig später wurde die Monarchie gestürzt und 1792 die französische Republik errichtet.
Es kann also alles vergleichsweise schnell gehen, wenn dem Volk die Hutschnur reißt. Nun ist es leider so, dass sich der Unmut des Volkes derzeit einigermaßen weit rechts ausrichtet. Auch Dank in die Irre führender Analysen und eines öffentlichen Diskurses, der von einer auf ganzer Linie scheiternden Politik und opportunistischer Medien inszeniert und befeuert wird, die ihre Schuld und Mitschuld an der Pleite auf Ottonormalverbraucher im Land abwälzen will, indem sie ihm alleinige rettungsmäßige Verantwortung zuschiebt. Und dies mit der Drohung verknüpft, dass, wenn die Menschen dies nicht begriffen, sie auch Schuld an neuer rechter Machterlangung hätten. Politik und Medien stellen sich quasi schonmal berüchtigte Persilscheine aus, die sie vorzeigen können, wenn es eines Tages arg werden sollte.
Man kann, auch wenn wir in einer Bundesrepublik leben, durchaus so etwas wie monarchische Züge bei Kanzler Friedrich Merz erkennen. Und auch, wie SPD-Chef Lars Klingbeil an Posten und Ämter gekommen ist, hat durchaus etwas Könighaftes. Es wäre also ganz hilfreich, wenn sich die deutsche Regierung zurückerinnert. Gern weit zurück, in die Zeit von Aufklärung und Revolution. Und nicht soweit zurück. Wenn sie daran denkt, dass sie nur regiert, weil ehedem ein Diktator, auch wenn nicht aus eigener nationaler Kraft, vom Hof gejagt wurde. Die Linke beginnt für Juni zu breiten Protesten gegen den massiven sozialpolitischen Ausverkauf zu trommeln. Und hier gemeinsam mit Organisation wie Gewerkschaften und Sozialverbänden auf die Barrikaden zu rufen, wie die taz schrieb. Das kann und sollte, finde ich, was werden.
Unterdessen bleibe ich dabei, mir möglichst dick die Paté aufs Brot zu schmieren. Nicht zuletzt in Gedanken und zu Ehren der Französischen Revolution und der Aufklärung, die sie im Geiste formte und begleitete. Ich werde einen Teufel tun, mir den Appetit von Union und SPD verderben zu lassen. Mein Vermögen werde ich bis auf den Grund des Nichts abschmelzen, statt dem Staat, der beschlossen hat, die Menschen im Land zu schächten, die Messer schleifen zu helfen. Es ist nicht das Dümmste, sich dieser Tage der Aufklärung und der Französischen Revolution zu erinnern – und wenigstens diesbezüglich die deutsch-französische Achse zu ölen. Sollte das im Juni mit den Barrikaden klappen, wäre das ein Hoffnungszeichen. Dass außer rechten Winden auch weiter linke Lüftchen wehen. On y va et santé!

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