Es ist zum Kotzen. Anders kann man es nicht formulieren. Da haben Julia Ruhs, ihr Format Klar und der Bayerische Rundfunk ganze Arbeit geleistet. Ich sage es gleich vorweg: Der einzige Ausweg, um da anständig rauszukommen, wäre es, das Format schleunigst einzustampfen. Schämen reicht nicht. Worum geht es? In ihrer Folge unter dem Titel Wo Islamisten Deutschland unterwandern hat Julia Ruhs einen Zusammenschnitt allerlei mehr oder weniger tragfähiger Beispiele präsentiert, der nahelegt, dass selbst ein harmloser Streit unter Schüler*innen ums Pausenbrot während des muslimischen Fastenmonats Ramadan der Anfang aller religiös-fundamentalistischen Auswüchse sein kann. Bis hin zur brutaler Gewalt. Das fügte sich nicht einfach so. Sondern das war unverkennbar Strickmuster eines mit Ressentiments beladenen TV-Stücks. Der Schaden wird nun immer größer.
Befragt worden waren bei den Dreharbeiten Kinder einer Schule in Berlin-Neukölln. Bilder und Stimmen waren in einer ersten Fassung nach Ansicht der Eltern derart missbräuchlich zusammengesetzt worden, dass ihnen nur ein Fazit blieb: Hier wurde Fernsehen im Sinne eines, wie sie dem Freitag sagten, vorgefertigten politischen Narrativs gemacht. Und dieses Narrativ hatte nichts mit Diversität an Neuköllner Schulen zu tun, um die es angeblich gehen sollte. Nachdem sich Eltern beim BR beschwert hatten, wurden Bilder und Stimmen der Kinder aus dem Beitrag herausgeschnitten. Andere Szenen, in denen Kinder ein Toleranz-Lied singen, wurden gepixelt, also unkenntlich gemacht. Der Unmut freilich blieb. Jetzt kursieren laut Freitag die Bilder und Stimmen im Internet. Auf Portalen wie TikTok und YouTube. Verbreitet von Accounts mit einer islamophoben und rechtspopulistischen Anmutung.
An der Schule wurden offenbar tatsächlich Kinder von anderen Kindern gemobbt, die ihnen wegen des Auspackens von Pausenbroten an Ramadan den Garaus machten. Es gab Briefe zu dem Konflikt, der durch die Öffentlichkeit ging. Es gelang dann aber, wie im Freitag zu lesen ist, den Streit behutsam beizulegen. Ein Erfolg, auch für Diversität. Der Vorwurf: Davon war/ist weder in der Ur- noch in der nun geänderten Fassung der Klar-Folge die Rede. Der Spin, so der Freitag-Autor Velten Schäfer, bleibt. Auch andere würden dies so sehen. Da scheint es kaum verwunderlich, wenn es stimmt, was der Freitag berichtet. Und offenbar irgendwo irgendwie weiterhin kursierenden Passagen mit den Kindern von rechten Kreisen als prototypisch für islamistische Unterwanderung im Land ins Netzt eingespeist werden. Wenn man Anschauungsmaterial für schlechten Journalismus mit ausgesprochen bitteren Folgen braucht: Bei Klar und Julia Ruhs wird man schnell fündig.
Wie es kam, dass die Bilder der Kinder, die der BR auf Bitten der Eltern aus dem Unterwander-Drama von Klar nahm, jetzt offenbar im Netz kursieren, wird vermutlich auf ewig ein Geheimnis bleiben. Beim Münchner Sender heißt es laut Freitag, man habe eine urheberrechtliche Prüfung angestoßen. Ansonsten gebe es, so wird zitiert, für eine unauthorisierte Weitergabe (…) aus dem BR heraus keinerlei Anhaltspunkte. Im Übrigen sei den Eltern von Beginn an, so sinngemäß, über den Fokus des Drehs reiner Wein eingeschänkt worden. Nämlich: Fasten im Ramadan als Konfliktthema auf dem Schulhof und die Bedeutung religiöser Toleranz. Man muss den Beitrag, auch in geänderter Fassung, nur anschauen, um sich ein Klar-es Bild zu machen. Das neue Stelldichein von Julia Ruhs ging, so sage ich es mal, gehörig in die Hose. Ob es da hilft, dass man, wo auch immer, aus Schaden klug werden kann?
Die Eltern der Neuköllner Schule werden es, davon kann man ausgehen. Beim BR bleibt abzuwarten, ob Klar und Julia Ruhs auf diesem Niveau weitermachen wollen. Interessant wäre noch, was der FAZ-Medienmann fürs Grobe, Michael Hanfeld, der die Sendung als Vorbild dafür lobte, wie öffentlich-rechtlicher Journalismus im besten Falle sein kann, nach dem Freitag-Bericht an Schlüssen zieht. Es wäre ihm mehr Klar-Sicht zu wünschen. Und dem Medienexperten Stefan Niggemeier, dass er sich in seiner neuen Rolle bei der SZ mehr Aufregung gönnt. Er fand die neueste Ruhs-Sendung alles in allem unaufregend. Abschließend würde ich sagen: Ja, es gibt Gefahren, die vom Islamismus und seinen Protagonisten ausgehen. Und es gibt einen Boden, auf dem sie wachsen. Wer aber den Anschein erweckt, Ramadan-Zoff auf dem Pausenhof bereite Fatwa und Terror das Feld, verspielt alle Chancen auf einen kontrovers-gewinnbringenden Diskurs und friedlichen Weg.

Hinterlasse einen Kommentar