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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


DieBlüten Des Maulbeerbaums

Auf Facebook tauchte kürzlich ein Beitrag der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) auf. Von einem gewissen Ramon Schack. Es ging um den Berliner Stadtteil Friedrichshagen. Und um eine Bäckerei in der Haupteinkaufsstraße. Weil mich seit jeher die Autoren von Geschichten interessieren, begab ich mich auf die Spur auch dieses Autoren. Sie führte mich zunächst auf ein Portal namens maulbeerblatt (.com). Und dort zum Magazin Der Maulbär. Die Internetadresse hat historische Bewandtnis. Friedrichshagen wurde, so wird erzählt, anno 1753 vor allem gegründet, um dort Maulbeerbäume anzupflanzen und Seidenspinnereien anzusiedeln. Die Bäume sind für die Seidenraupenzucht nötig. Friedrich II. ließ diese Bäume damals preußenweit pflanzen, um unabhängiger von chinesischer Seide zu werden. In der Bölschestraße in Friedrichshagen gibt es, wie es heißt, noch immer ein paar Maulbeerbäume. Und die kleine Bäckerei im Artikel von Ramon Schack.

Nun könnte man meinen, Ramon Schack sei ein kleiner Provinzschreiber, der sich mit derlei Geschichten über Wasser zu halten versucht. Doch weit gefehlt. Der Maulbär nämlich trägt mehr oder weniger auffällig seltsame politische Blüten. Eine ist Ramon Schack. Er schreibt nicht nur über die kleine Bäckerei in der Bölschestraße. Sondern widmet sich auch der Pflege fragwürdiger Personen öffentlichen Lebens. In der Rubrik Schack spezial des Magazins Der Maulbär, das als regionaler Kulturwegweiser daherkommt, werden allerlei Leute interviewt. Unter ihnen die AfD-Versteherin Gabriele Gysi, der rechte ÖRR-Kritiker Alexander Teske und der russlandfreundliche Autor Hauke Ritz. Der wiederum ploppt im Gespräch mit Gesinnungsfreund und Journalisten-Darsteller Florian Warweg (früher Kreml-Abzweiger RT Deutschland, jetzt OAZ) und G.Gysi im Talk des meinungsflexiblen Westend Verlags auf. Der mal als halbwegs verlässlich links galt, doch längst nach rechts driftet.

Der Maulbär hat noch andere Namen auf Lager. In Gesprächsrunden unter Maulbär KLIPP kommen Figuren zu Wort wie: Thomas Fasbender, der wie Warweg für RT Deutschland arbeitete und jetzt wie Warweg im Medien-Imperium des Ostalgikers Holger Friedrich (Berliner Zeitung, OAZ), ein Verleger mit ebenfälligem Hang zu Russland; Lars Günther und nicht wenige andere AfD-Parteigänger; Vertreter*innen des einst streng auf Sahra Wagenknecht gedrillten BSW; der Ex-DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz und weitere Ex-DDR-Promis. Dass würde nicht weiter auffallen, weil sich auch weniger umstrittene Gäste bei Maulbär KLIPP tummeln. Und weil das Brummen des Friedrichshagener Bären sonst harmlos klingt. Würde sich nicht der Verdacht aufdrängen, dass Autoren wie Ramon Schack das Portal für, sagen wir: ein weithin verschwurbeltes Agenda-Setting nutzten. Forscht man weiter, verdichtet sich der Verdacht eher, als dass er schnell verflöge.

Es gibt die Theorie, dass rechtslastige Lager, sofern sie sich nicht wie die AfD auf parteipolitischem Weg Raum verschaffen, den Weg der Einflussnahme über das suchen, was man institutionelle Kultur nennt. Der Maulbär könnte willent-, wissentlich oder nicht, als Beispiel dafür herhalten. Etliche, die sich da unter Gesprächspartnern finden, sind zumindest auf den zweiten Blick mehr oder weniger mit rechtsdriftenden Lagern vernetzt. Wer genauer hinguckt, findet es heraus. Gabriele Gysi etwa bespielt mit dem erwähnten Florian Warweg und Valeri Schiller (Nachdenkseiten, Overton Magazin) den YouTube-Kanal Wir drehen durch. Der wiederum mit dem umstrittenen Vertrieb Buchkomplizen und dem Westend Verlag verbandelt ist. Das YT.Format hat sich nach eigenem Bekunden zum Ziel gesetzt, mit unangepassten Gästen aktuelle gesellschaftliche Themen zu beleuchten. Es gibt nicht wenige Westend-Autor*innen, die auf ihre Weise unangepasst sind.

Wir drehen durch hat ein ungeschriebenes Programm. Betrachtet man, wer auf dem YouTube-Kanal unterwegs ist, findet etwas mehrfach den Namen Michael von der Schulenburg, der auch gern vom in Berlin ansässigen Freitag zu Rate gezogen wird. Der BSW-Europaabgeordnete hatte laut Wikipedia diverse Verbindungen zu Russland. Danach war er etwa 2025 beim Tag des Sieges über Nazi-Deutschland in Moskau. Im selben Jahr traf er laut Wikipedia zusammen mit einer BSW-Parteifreundin Vertreter des Kreml-Propaganda-Netzwerks Voice of Europe, das in Europa sanktioniert wird und mittlerweile in Kasachstan sitzen soll. Kasachstan wiederum ist Stichwort für Ramon Schack. Man findet ihn auf einem Bild mit OAZ-Verleger Friedrich. Beide sitzen auf dem Podium der 45.Sitzung des Berliner Eurasischer Klub und diskutieren mit kasachischen Medienvertretern über die mangelnde Präsenz Zentralsiens in deutschen Medien.

Sein Reportagen-Buch Das Zeitalter der Idiotie. Wie Europa seine Zukunft verspielt brachte Ramon Schack in der Edition Ost der Eulenspiegel Verlagsgruppe heraus. Sie bietet literarisches Asyl für politische DDR-Legenden. Und ähnelt strukturell dem Westend Verlag. Es gibt honorige Autor*innen, aber auch solche mit fragwürdigem Background. Die Eulenspiegel Verlagsgruppe firmiert als Marke unter der Berliner Traditionsverlage GmbH. Dort konnte sich bis vor Kurzem Baldur Bachmann einnisten. Ein rechtsextremistischer Geschäftsmann, so zu lesen. Der in Sachsen-Anhalt bekannt sei für völkische Siedlungsprojekte . Und dem Vernehmen nach die Verlagsgruppe erst verlassen musste, als die taz darüber schrieb. Zur Edition Ost meint die FAZ: Das Programm…mutet nostalgisch an, die DDR und ihre Sicherheitsorgane werden kaum kritisch betrachtet, dafür umso mehr die Nato und die Öffentlich-Rechtlichen.

In der Edition Ost wird der Begriff Querfront mit literarischem Leben gefüllt. Der erwähnte Thomas Fasbender taucht auf (inzwischen bei Berliner Zeitung und OAZ tongebend). Auch Michael Meyen, ein scharfer Kritiker des ÖRR, dem bisweilen Nähe zu antisemitischen, verschwörungstheoretischen und rechtszugewandten Dunstkreisen nachgesagt wurde (BDS-Kampagne, das Magazin Manova und die Neue Rechte). Mitgründer der Edition Ost ist der Ex-Stasi-Mann Frank Frank Schumann, der unter anderen die Honecker-Eheleute ins Programm nahm. Schumann zeichnet auch für den Deutschen Militärverlag, einst literarischer Arm der NVA, heute nach eigener Lesart Botschafter des Friedens. Dass Schumann nach der Wende auch für prominente Politiker der Linken in Diensten war, macht seine Person nicht weniger dubios, es schien wie eine Art Unterschlupf. Die Mitteldeutsche Zeitung nannte Schuhmann einen Hüter der DDR-Erinnerungen.

Immer mehr, so scheint es, sickern Verschwörungstheoretiker, Querfrontler, Corona-Leugner, alte kommunistische Kader, zu Friedensengeln mutierte Alt-Militaristen mit nationalem Pathos und rechtsdriftende Propagandisten in eine Verlagswelt ein, die ihre Portfolios aus purem Geschäftsinteresse oder aus ideologischem Ehrgeiz weit öffnet. Dass sie sich darauf berufen, auch weniger oder nicht mit politischen Zweifeln belastete Autor*innen zu verlegen, wirkt wie ein Täuschungsmanöver. Dessen Subversivität viele, vielleicht aus literarischen Ambitionen, offenbar gern übersehen. Und so kommt es, dass sie mithelfen, Verlage wie den Westend Verlag oder die Eulenspiegel Verlagsgruppe am Laufen zu halten. Was im Großen erkennbar ist, schlägt sich, das ist anscheinend viel kopiertes Muster, auch in Nischen durch. Womit wir wieder beim Maulbären sind. Dem Portal also, auf dem Ramon Schack fleißig und gern unterwegs ist.

Dass Ramon Schack seine politischen Fühler weit ausstreckt, eben bis zum Portal Maulbeerblatt und seinem Maulbären, könnte man als Teil einer breit angelegten Strategie begreifen. Man könnte auch sagen einer zur Neuen Rechten hin grenzenlosen Strategie. Kontrafunk, die Nachdenkseiten, das Overton Magazin gehören ebenso zu seinen publizistischen Spielfeldern wie Medien, die noch als konservativ durchgehen. Sein Reportagen-Buch wurde vom Buchdienst der Jungen Freiheit beworben. Kontrafunk sitzt in der Schweiz, wurde von Burkhard Müller-Ulrich gegründet und zählt zu den rechtskonservativen Alternativmedien. BMU schlug sich nach Jahren, in denen er meist für seriöse Medien tätig war, bis zur AfD durch, deren Mitglied er Berichten zu Folge heute ist. Er posaunt gegen etablierte Medien, und gehört, wie viele im Kontrafunk-Schlepptau, ins Lager der Corona-Querdenker und der Verfechter fragwürdiger Meinungsfreiheiten.

Ramon Schacks Namen taucht auf, wo andere Namen für ebenso zweifelhafte politische Begleitmusik sorgen. Darunter Marco Gallina, Rocco Burggraf, Josef Ender, Stefan Lillis, Cora Stephan oder Frank Wahlig. Wer ihre Namen googelt, landet etwa beim rechten Portal Tichy Einblick, der rechtslastigen Achse des Guten von Henryk M. Broder oder der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Sie war laut Wikipedia ursprünglich liberal orientiert. Dann gesellten sich Politiker*innen wie Alice Weidel, Beatrix von Storch und Vera Lengsfeld dazu – der Verein wurde zum politischen Rechtsausleger. Der Spiegel sprach, wie zu lesen ist, von einem Prozess der Unterwanderung. Etliche Mitglieder sind wieder ausgetreten,zB Weidel. Hintergrund war offenbar Streit darüber, inwieweit der Gesellschaft durch AfD-Einflüsse Schaden entstehen könnte. Er schlug hohe öffentliche Wogen. Was zeigt: Der Grat rechts der „Mitte“ ist bisweilen ebenso schmal wie heikel.

Die kleine Geschichte von Ramon Schack, dem Maulbär und den Ausläufern journalistischen Engagements zeigen, wie mehr oder weniger eng die Kreise der Neuen Rechten doch miteinander korrespondieren. Ohne dass dies bisweilen sonderlich gezielt vonstatten zu gehen scheint. Es geschieht einfach, mögen die Einen sagen. Es ist ausgeklügelte Absicht, die Anderen. Dass es nur so etwas wie ein blöder Zufall ist, dafür hängt, wie beschrieben, doch zu Vieles mit zu Vielem zusammen. Die Versuche, insbesondere medial Einfluss zu gewinnen, mehren sich. Die einschlägigen und rechtsdriftenden Netzwerke sind reich an Varianten. Bis hin zu Projekten wie denen des Verlegers Holger Friedrich. Mag es anfangs noch harmlos aussehen, wird schnell deutlich, welche Agenda hier verfolgt wird. Der Prozess der Unterwanderung, von dem der Spiegel schrieb, ist nicht von der Hand zu weisen. Und viele, die mitmachen, scheinen bestenfalls ahnungslos.



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