Fast klingt es wie ein Akt der Selbstberuhigung, wenn der Freitag dieser Tage darüber berichtet, dass Autor*innen des Westend Verlags die Reißleine gezogen und dem Laden den Rücken gekehrt haben. Endlich, müsste man sagen. Denn das, was dazu bewogen hat, ist seit Längerem hinlänglich bekannt. Und der offenen Brief von 32 Publizist*innen kommt, ich würde sagen, fast ein Bisschen spät. Selbstberuhigung des Freitag deshalb, weil er, das sei ihm freilich gegönnt, erwähnt, dass auch prominente Persönlichkeiten aus seinem Beritt unter den Protestler*innen sind. Die deswegen nicht mehr unter dem Dach des Westend Verlags veröffentlichen wollen, weil der sein Programm, so die Kurzform, erheblich nach rechts gerückt habe. Welcome im Reich der publizistischen Erkenntnis!
Die hätte man schon deutlich früher haben können. Etwa zum dem Zeitpunkt, als der Freitag ein Interview mit Gabriele Gysi veröffentlichte. Das war zum Ende des vorigen Jahres hin. Gysi ist eine Westend-2.-Liga-Promi mit Draht zur ostdeutsch-rechten Seele. Und durfte im Freitag allerlei weichgespülten Kack zu AfD und Konsorten von sich geben. Fein durchs Feld gespielter Unschuld geführt. Vom damaligen Redakteur Dorian Baganz. Der sich gefühlt nur einen Augenblick später zur Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) von Holger Friedrich absetzte. Um dort allerdings an die Wand zu fahren. Selbst Baganz, dem auch nicht gerade Lichter aufgehen, fühlte sich im Friedrich-Stall, in dem sich alle möglichen fragwürdigen „Journalisten“ verdingen, nicht wohl. Und zog von dannen. Immerhin, möchte man ihm zurufen.
Das ändert freilich nichts am Umstand, dass beim Freitag immer noch allerlei schreibende Zunftkamerad*innen unterwegs sind, die sich bei der OAZ allem Anschein nach nicht so unwohl fühlen wie Baganz. Als da sind: Marlen Hobracht oder Christian Baron. Die offenbar keine Probleme haben, es sich neben journalistischen Rechtsauslegern der OAZ-Redaktion (oder „Freien“ ) einzurichten. Im Journalismus ist mittlerweile möglich, was selbst in christdemokratischen Kreisen noch hinter eher vorgehaltenen Händen erwogen wird: Die Brandmauern nach rechts einzureißen. Alles prima Kolleg*innen. Meinungsvielfalt und so. Das ist auch das Programm vom Westend Verlag. Nur Gregor Gysi neben Ulf Poschardt – das bedeutet alle Integrität tötende Nachbarschaft. Und es ist gut, dass endlich zu schnallen. Gerade noch.
Es scheint so, als würde Poschardt nicht der einzige sein und bleiben, der im Westend Verlag das Portfolio nach rechts bürstet. Wendepunkt war den 32 das Buch Links-Deutsch/Deutsch-Links, herausgegeben von Nius-Chef Julian Reichelt und Pauline Voss. Zu ihm muss man nichts mehr sagen. Sie kommt aus der Video-Welt, war bei der rechtskonservativen Neuen Zürcher Zeitung – bevor sie zu Nius stieß. Im Buch, so die 32, kämen Autor*innen zu Wort, die der AfD nahestünden und damit einer demokratiebedrohenden Partei. Das Spektrum, so ließen sie den Verlag wissen, reiche bis hin zur extremen Rechten. Sie hätten ehedem den Verlag gewählt, weil es geheißen habe, er verstehe sich ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit. Diese Passage sei von der Homepage verschwunden.
Nun, es ist nicht überall (mehr) drin, was (ehedem) Stoßrichtung zu sein schien. Insofern ist es konsequent, dass der Westend Verlag die Passage gestrichen hat. Ebenso, wie es konsequent ist, dass Autor*innen, die um ihre publizistische Integrität bemüht sind, dem Verlag den Fehdehandschuh hingeworfen haben. Einen anderen Weg sahen die 32 nicht mehr. Ein gefordertes Gespräch habe der Verlag nicht wollen. Und wie sollte es anders sein: Irgendwie Anlass zur Selbstreflexion sehen die Verleger auch nicht. Was sich in der erwidernden Bemerkung erkennen lässt, dass, was man unmissverständlich klar machen wolle, abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen werden.
Darüber hinaus übliches Meinungsfreiheitsgeschwurbel, das man aus derlei Kreisen kennt. Und das, wenn es nicht so unterschwellig gefährlich daherkäme, langweilig ist. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Schön wäre es. Denn was es noch bräuchte, wäre die Einsicht, dass nicht nur beim Westend Verlag die Spannbreite hin zu streitbaren, rechtsdriftenden Beiträgen groß ist. Das kann man unter dem Stichwort Meinungsvielfalt gut finden. Und sich quasi dem Westend Verlag, wenn auch nicht ausdrücklich, anschließen. Ich bin der Auffassung, dass U-Boot-Journalismus nicht Tiefgang-tauglich ist. Im Übrigen ist es Journalist*innen allesamt unbenommen, dort zu schreiben, wo sie eine ungetrübte Heimat haben. Früher nannte man Zeitungen Tendenzbetriebe. das war gar nicht mal so schlecht. Jedenfalls einigermaßen transparent. Gilt auch für Verlage.

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