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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Radeln Versus Aufrüstung

Was hat die deutschen Rüstungspolitik mit Radeln zu tun. Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten schon. Ich weiß, dass, was jetzt geschrieben steht, eine ungeheuerliche Ungeheuerlichkeit ist. Aber es muss angesichts eigener Erfahrungen und einem Beitrag von Velten Schäfer im Freitag von der Seele getextet werden. Der berichtet darin (Titel Leben an der Fahrradstraße: Vergesst das Hipster-Bullerbü, denn Verkehr bleibt Verkehr) von einer bei allem Verständnis für besondere Vorfahrt doch einigermaßen überheblichen, bisweilen militanten Haltung, mit der sich Fahrradfahrer*innen Raum im Straßenverkehr schaffen. Und stellt eine zunehmende Kulturkampfrhetorik fest, die die Fronten unnachgiebig zu verhärten droht. Man ist froh, wenn man unverletzt bleibt. Die Gefahren sind groß wie wenn man vom fetten SUV mitgeschleift würde. Speiche gegen Blech. David gegen Goliath – ein Spaß?

Velten Schäfer berichtet in sarkastisch-ironischem Ton vom Leben an und auf den in Berlin immer häufigeren Fahrradstraßen. Und davon, wie eine Straße von einer „normalen“ zur Fahrradstraße umgewidmet wurde. Dass dies zunächst mit einer gewissen Hochstimmung einhergegangen sei. Die später allerdings der Enttäuschung wich. Denn speziell Eltern erwies sich die Entschärfung des Verkehrs durch das quasi Auto-Verbot als Täuschung. Statt gewohnt nicht ungefährliche Karossen näherten sich nun Pulks von jeweils 15 bis 30 Rädern in beiden Richtungen Zebraüberquerungen. Nicht selten aufgepeppt durch teils motorisierte Cargo-Boliden, bis 75 kg schwer. Mit oft hoher Geschwindigkeit, mal hinter-, mal nebeneinander. Mit der Folge, dass es häufiger zu Crashs kam, als zur Zeit, da Autoverkehr durch die Straße rollte. Das Bild von ungetrübter, familienfreundlicher Radler-Idylle: Passé.

Man kann es, wie Velten Schäfer, gutmütig als kulturellen Lernprozess betrachten, dass man sich im Zuge der Umwidmung von Straßen altem Frust übers Auto nicht durch neue fahrradüberhöhte Aggressivität entledigt. Was etwa Kindern und älteren Menschen, deren unmittelbare Wehrhaftigkeit eingeschränkt ist, Angst einjagen kann. Hinzu kommt, davon sind auch und vor allem Mittelstands-Elektro-Biker auf mehrere Tausend Euro teuren Carbon-Maschinen nicht befreit, die typisch deutsche Selbstgefälligkeit. Sie ist hier ausgesprochen verkehrsmittelunabhängig zu spüren. Wer sich nicht im Griff hat, verfällt auch auf dem Zweirad schnell in gewaltsame Attacke. Ich habe, ehemals in Hamburg wohnend, erlebt, wie überambitionierte Liebe zum Fahrrad ungefiltert zu Auto-Hass mutiert. Ohne Aussicht auf eine auch nur vorübergehend Gemüter beruhigende Waffenruhe.

Damals ging es darum, dass die Hauptstraße durch einen Stadtteil, über die tageszeitenabhängig Auto- und Lieferverkehr rollte, von einer Initiative zur autofreien Zone gemacht werden sollte. Das war für motorisierte Gäste ok. Aber auch etwa Anwohner mit Behinderung & Anlieferer, die schwere Lasten zu den Geschäften in der Straße transportierten, sollten ausgeschlossen werden. Für das Projekt, das von den Behörden, denen Grünen-Parteimitglieder vorstanden, genehmigt wurde, wurde eine eigene Seite im Internet eingerichtet. Öffentliche Meinung war gefragt.Den Initiatoren wäre es lieb gewesen, nur Jubel zu lesen. Aber es kam auch nicht unerhebliche Kritik. Eben daran, dass die komplette Autofreiheit speziellem Verkehr nicht zuzumuten sei. Und dass dies, sagen wir, von ein bisschen viel Ignoranz zeuge. Die Kritik war der Auftakt zu unversehens bedrohlichen Debatten.

Allen voran die Phalanx der Fahrradcommunity bäumte sich auf. Als das Projekt startete, waren SUV-Piloten und Fußgänger, auch die gehörten zur kritischen Masse, quasi zum verbalen Abschuss freigegeben. Anlieger, Lieferanten und auswärtige Autofahrer*innen, die das testweise Durchfahrtsverbot aus Unkenntnis oder Absicht missachteten, wurde im wahren Wortsinn aufs Dach gestiegen. Die Fußgänger, die dachten, die autofreie Zone sei auch zu ihrem Wohl, wurden mit Klingelstürmen aus dem Weg komplimentiert. Als auch ich mich in die Internet-Debatte einmischte und darauf hinwies, dass das Projekt vielleicht ein bisschen aus dem Ruder läuft, wurde mir damit gedroht, dass man wisse, wo ich wohne. Und dass man mir, wenn ich weiter gegen die Initiative moppere, die Beine brechen würde. Die Drohung kam zuvorderst von Vertretern des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Ich verzichtete darauf, mit Verweis darauf, dass sich hier die Gründung einer Art terroristischer Vereinigung anbahnen könnte, Anzeige zu erstatten. Weil ich ein grundsätzlich friedfertiger alter weißer Mann bin, zog ich es allerdings vor, mich von dem Portal zu verabschieden. Seitdem weiß ich freilich, dass sich Fahrradfahrer*innen nicht per se heilig sprechen können. Bisweilen kann man an Kleidung und Behelmung erkennen, wes Geistes Kind sie sind. Je strenger Wind- und Kopfschutz am Körper liegen, desto gefährlicher wird es. Denn es handelt sich um eine Art Rüstung. Und wer die trägt, will im Zweifel in den Kampf ziehen. Insofern hat die angestrebte deutsche Kriegstüchtigkeit durchaus, wenn auch sehr entfernt, etwas mit Radeln zu tun. Ich plädiere – auch hier – für Frieden und Vernunft. Dafür wäre ich sogar bereit, über eine Mitgliedschaft im ADFC nachzudenken.



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