Michael Angele vom Freitag hat jetzt endlich Franz von Assisi aufgespürt und befragt. Ist Franz von Assisi nicht schon tot? Bingo. Der Ordensbegründer, stets als wahrer Schutzpatron der Tiere, der Umwelt und der Ökologie unterwegs, hat, so besagt es die Geschichtsschreibung, im Jahre 1226 den Weg ins Jenseits gefunden. Jetzt aber ist er wiederauferstanden. Im Gewand von Markus J. Karsten, Verleger des Westend Verlags. Also solcher hat ihn Angele gefunden und zur Rede gestellt. Nicht, wie man meinen könnte, kritisch. Wie es sich für einen gestandenen Journalisten gehört. Sondern in aller Demut, wie es dem Mann, der sich für die Schwächsten und Schutzlosesten der Gesellschaft ins Zeug schmeißt, gerecht werde. Dessen Wohltätigkeit freilich 32 Autor*innen, die in seiner Kirche verlegt haben, immer weniger geheuer ward. Weshalb sie ihm den Rücken gekehrt haben.
Was gemerkt? War es Franz von Assisi zugeschrieben, sich vor allem um Tiere, Umwelt und Ökologie zu kümmern, ist bei der Reinkarnation Markus J. Kasten, der Mensch hinzugestoßen. Konkret geht es in dem Interview, das wird am Ende deutlich, um die Menschwerdung des BSW, das ich hier mal als Bündnis Sarah’scher Wallfahrt ins Spiel bringen möchte. Ich nehme es vorweg: Am Ende des weniger für Karsten, dessen wolhfährtiges Geseiere man schon kennt, als vielmehr für den Freitag aufschlussreichen, im Sinne sanfter Nächstenliebe geführten Gesprächs, fragte Angele den Verleger: Kritischer Blick auf das Narrativ zum Ukrainekrieg, Friedenspolitik, soziale Gerechtigkeit, Aufarbeitung der Coronapolitik und gegen die Verengung des Meinungskorridors. Wäre Ihr Verlag eine Partei, wäre es das BSW, einverstanden? Der antwortete kurz und knapp: Durchaus. Damit wäre alles gesagt.
Aber um der Ausführlichkeit Willen seien hier zentrale verlegerische Aussagen wiedergegeben, die zum eben genannten Ziel führten. Demnach sei man, auch bezüglich der 32 Abtrünnigen, immer zum Gespräch bereit. Dass jüngst ein Buch aus der rechten Meinungsschmiede Nius von Ex-Bild-Galionsfigur Julian Reichelt wie durch einen Wink des Herrn Einlass ins Portfolio des Westend Verlags erhielt, hat nach der Glaubenslehre von Karsten einen Hintergrund: Der Eindruck hätte sich zuletzt verstärkt, dass ein Nichtzurkenntnisnehmenwollen von grundsätzlich anderen Meinungen eher dazu führe, dass gerade den an den Rand gedrängten Menschen…den Notleidenden, den Bedürftigen, nicht nur nicht geholfen ist, sondern, dass sie dadurch sogar gänzlich aus dem Blick gerieten. Siehe etwa die seit der Ampel-Koalition laut Statistik gestiegene Kinderarmut. Glauben Sie, daran ist NIUS schuld?
Das Buch Links-Deutsch/Deutsch-links, das Reichelt herausgibt und das eine geballte rechtsdriftende Autorenschaft vereint (Henryk M. Broder, Gloria von Thurn und Taxis, Harald Martenstein, Waldemar Hartmann, Birgit Kelle, Norbert Bolz etc.), war der Kipppunkt für die abtrünnigen Autor*innen. Der Verlag freilich steht länger in der Kritik, das Tor von linken Protagonist*innen immer weiter zur Querfront- und Verschwörungszene bis hin zu AfD-nahen Kreisen aufgestoßen zu haben. Vielen platzte die Hutschnur schon, als der geistige Überflieger Ulf Poschardt bei Westend erschien. All das wird in dem Freitag-Interview bloß knapp gestreift. Statt dessen darf Karsten allerlei Gewäsch in die Welt setzen, das man zuhauf bei jenen, die die Meinungskorridore weit öffnen wollen und dabei mehr oder weniger klandestin zum rechtskonservativen Kulturkampf blasen, wiederfindet.
Und so darf Karsten im Assisi-Sound, vor dem Hintergrund einer Implikation des Sozialen, auf die der Verlag Wert lege, mal ganz unverblümt sagen, was es mit dem Linkssein auf sich habe: Linkssein ist ja ganz schön, aber werden andere durch mein Linkssein satt? Soviel zum Thema ideologische Geschlossenheit – oder eben nicht, nach der Angele fragte. Der Begriff „links“ sei seit der neoliberalen Revolution von oben, also spätestens seit den 90er Jahren, durch eine sich selbstgerecht als „links“ deklarierende Pseudolinke, die sich jedoch nicht mehr für die Schwächsten und Schutzlosesten einer Gesellschaft einsetzt, sondern sich den Mächtigen andient, entleert und missbraucht. Unter den Abtrünnigen seien glühende Kriegstreiber und fanatische Russenhasser. Das ist bestenfalls BSW, sollte man meinen. Angereichert durch eine gar durchaus weiterreichende Scharfsinnigkeit.
Bereits die Berliner Zeitung des Verleger-Bros Holger Friedrich hatte – ohne Assisi zu nahetreten zu wollen, dessen Integrität mit dem Vergleich vorne nicht angetastet werden soll, aber er lag mir angesichts der Unschuld, mit dem dieses Interview geführt wurde, irgendwie nah – dem Westend-Chef Karsten schon reichlich Platz für seine Gegenrede zur Kündigung der Freundschaft durch die abtrünnigen Autor*innen gewidmet. Da klingt Vieles ziemlich ähnlich wie im Freitag. Nun ist es gute journalistische Sitte, alle Seiten zu einem Konflikt zu hören. Die Frage ist nur, ob der gleichen guten Sitte, nämlich den Konflikt zu erhellen, ebenfalls nachgekommen wird. Ich kann das Gefühl nicht loswerden, dass es hier eher darum geht, einen offenkundig BSW-, wenn nicht gar anderen Kräften zugeneigten Verleger zu verharmlosen. Wer hätte daran mehr Lust, als jene, die ihm nahestehen?

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