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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Die Meditative Republik

Man fragt sich, ob das jetzt schon Vorboten dessen sind, was passiert, wenn der Klimawandel nicht mehr zu stoppen ist. Wovon, wenn sich die Welt weiter so dreht wie derzeit, auszugehen ist. Die Hitze scheint jedenfalls die Politik bereits komplett dehydrieren zu lassen. Erst verlieren ihre Vertreter Körperwasser mit der Folge von Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Dann kommt neben Herzrasen, Muskelkrämpfen und Schwindel ein spürbarer Abfall der Leistungen, in Stadium 3 stehen Verwirrtheit und Bewusstseinsstörungen. Und am Ende Renten- und Gesundheitspläne, die AfD und eine schon aus rhetorischen Gründen abgedrehte Linke. Das ist nach deren Lesart das Stadium kurz vor dem Faschismus. Da sind dann die Temperaturen auch schon egal. Die Synapsen sind durchgebrannt. Und es hilft nur noch, sich auf den Rücken zu legen, die Arme auszubreiten und möglichst ganz flach zu atmen.

Oder besser nicht? Meditieren, und die genannte Stellung hat etwas davon, ließ Thomas Gesterkamp in Berufung auf eine Autorin namens Kathrin Fischer im Freitag wissen, ist nicht das letzte Mittel der Wahl, wenn die Zivilisation ihr Leben aushaucht. Sondern ein Ursprung gesellschaftlichen Übels. Meditation, Yoga oder Qigong, für Millionen Deutsche zur Praxis geworden, dienen zwar als heilsames Rezept gegen Seelenschmerz. Doch die Sicht ins Innen verliere das Politische aus den Augen. Achtsamkeit, so ließe sich Frau Fischer sinngemäß zusammenfassen, sei zu einer Ideologie geworden, stabilisiere damit krank machende Verhältnisse, blockiere politisches Handeln und verhindere emanzipatorische Handlungsperspektiven. Wer ruhig atmet, ist, ich paraphrasiere, nicht mehr klassenkampffähig. Das Geschäft mit dem Buddhismus kann ergo nur vom Privatkapital in die Welt gesetzt worden sein. Der Dalai Lama ist quasi ein Musk-Bro.

Neu ist die Erkenntnis, der Privatbesitz an Meditativ-Mitteln sei mitschuld an mangelndem Klassenbewusstsein der Gesellschaft, nicht. Laut Gesterkamp ist Fischer nicht die erste, die auf entpolitisierte Grundhaltungen in der Esoterikszene und deren Umfeld hinweist. Der kalifornische Professor Ronald E. Purser habe bereits von der neuen Spiritualität des Kapitalismus, die aktiven sozialen Wandel verhindere und stattdessen dem Neoliberalismus den Weg ebene, gesprochen. Weswegen etwa der Soziologe Jacob Schmidt in seinem Buch Viel Lärm um Achtsamkeit dafür plädiere, für eine bessere Welt zu streiten, statt sich aufs Kissen zu setzen. Wer ernsthaft den Klassenkampf propagiert, muss demgemäß den Kampf gegen das subversiv Meditative einschließen. Wer Krieg den Palästen ruft, darf den Krieg gegen Millionen Yoga-Läden und Qigong-Gruppen nicht vergessen. Die Feinde sitzen längst auch im Räucherstäbchen-Nebel.

Auf dem Portal der National Library of Medicine des National Center for Bionatchnology Information mit Sitz in den USA ist ein gewisser Holger Cramer, laut KI einer der führenden deutschen Forscher in der Komplementärmedizin und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde, Daten auf die Spur gegangen. Demnach meditieren rund 15,7 Millionen Menschen in Deutschland oder sind am Meditieren interessiert. Allen voran Frauen oder Menschen mit Abitur oder Hochschulabschluss. Manche meditieren und machen nebenher Yoga, bei Vielen läuft es andersrum. Nach einer Studie des Bundesverbands der Yoga Vidya Lehrer*innen und der Gesellschaft für Konsumforschung nimmt besonders die Zahl junger Menschen mit Interesse an Meditation zu. Hauptgründe sei das Streben nach geistiger Gesundheit und körperlichem Wohlbefinden. Und jetzt kommt’s: Immerhin 21 % der etwa 2000 repräsentativ Befragten waren Arbeiter*innen.

Das könnte einerseits die These von Purser untermauern, wonach gerade jene, die für die oberen Klassen schuften, dazu angehalten werden oder sich dazu bewegen, dem Kapitalismus spirituell zu begegnen, sich also nach harter Arbeit zu entspannen, um sich so wieder fit für den Reichtum anderer zu machen. Es gibt aber auch Andere, wie den amerikanischen Psychologen Richard Davidson, einem Freund des Dalai Lama, der übers Meditieren und seine Auswirkungen auf das Gehirn an Weltveränderung glaubt. Schönfärberei nennt dies der britische Soziologe Theodore Zeldin. Der Welt, meint Zeldin, fehle es nicht an Meditation, sondern an inspirierenden Gesprächen. Das ist zwar vermutlich nicht das, was Kathrin Fischer erwartet, wenn Menschen statt zu meditieren politisch handeln sollten. Doch vielleicht ließe sich da ja eine Brücke bauen. Vom wohlsortierten wachen Geist und Konversationsbereitschaft zum lauten Widerstand.

Schöne Vorstellung, würde der slowenische Philosoph Slavoj Žižek dazu sagen. Nur funktioniere sie nicht. Wie der Berliner Psychologe Dr. Dirk Stemmer in einem Aufsatz über den Themenkomplex schreibt, habe Žižek in einem Essay mit dem Titel From Western Marxism to Western Buddhism dargelegt, dass derlei Aneignung fernöstlicher Traditionen nicht als Gegenmittel zum unterdrückenden Neoliberalismus tauge, sonder ihn unterbaue. Und zwar in Form fetischistischer Verleugnung. In dem man sich in die Realität fügt, ja fleißig mitspielt – und zugleich etwas tut, was Alles erträglich macht oder mehr noch, einen geradezu gesund fühlen lässt. In fernöstlichen Religionen würde diese Ertragenskultur zu regelrechter Perversion getrieben, etwa im Corporate Zen. Eine Art Wiederbelebung des Marx’schen Spruchs, wonach Religion Opium fürs Volk ist. Meditation würde somit zu einer effizienten Methode, das ausbeuterische System am Laufen zu halten.

Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf: Mit diesem Buch hat der Jean-Philippe Kindler von sich reden gemacht. Seine Message, wie Dafni Tokas bei literaturkritik.de auf den Punkt bringt: Nehmt die Gurkenmasken ab, erwacht aus der Meditation und verbündet euch wieder – jetzt ist Zeit für Revolte! Kindler fordere dazu auf, sich in den Bereichen Armut, Glück, Klimakrise, Demokratie, Linkssein und das gute Leben nicht länger mit sich selbst zu beschäftigen und hinter spirituellen Methoden der Glückfindung zu verstecken, um gesellschaftliche Probleme wegzuatmen. Vielmehr müsse der Schmerz als kollektiver begriffen werden – und frei nach der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno die Liebe zu sich selbst und seiner eigenen Unversehrtheit als Potenzial gesehen werden, den Verhältnissen gemeinsam mit anderen entgegenzutreten. Die durch die Wirklichkeit verletzte Psyche also in Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand zu transformieren.

Das Beschriebene, Phänomene wie Auswege, hat insofern was mit der aktuellen Situation zu tun, als dass es scheint, als würde auf die Dehydration der Politik erst Ohnmacht folgen. Weil sich im Laufe der Erhitzung von Geist und Körper ader Neoliberalismus implosiv hochkocht. In diesem Stadium scheint ihm nicht mal mehr die von ihm selbst betriebene Deformation der sozialen Verhältnisse und der Demokratie messbar. Er knallt – an Renten-, Gesundheits- und anderen Plänen erkennbar – durch. Und trägt nicht nur in den USA Trump’sche Züge. Flach atmend auf dem Kissen sitzen hilft da nicht. Auch wenn Millionen Gummimatten ausgerollt werden, um darauf in wohlige Sphären zu entschwinden und dem Kapitalismus seinen freien Lauf zu lassen. Ein bisschen Meditieren ist möglicherweise gut, um für einen Moment Kraft zu schöpfen. Dann aber heißt es: Matten zu Schwertern! Und liebend gern mit einem Lächeln im Gesicht.

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