Hallo, hallo: Wichtige Nachricht für Josef Schuster und Volker Beck! Man muss nicht antisemitisch sein, um dem Staat Israel den Rücken zu kehren. Schon gehört? Wenn nicht: Aufgepasst! Ein eindrücklicher Bericht des FAZ-Korrespondenten Christian Meier zeigt, wer aus welchen Gründen auswandert. Immer mehr Israelis fühlen sich in Israel nicht zu Hause, so die Überschrift. Obschon sie fürchten, im Ausland antisemtisch bedroht zu werden. Kann es mithin – Achtung, bisschen Kopfarbeit – sein, dass die Politik der israelischen Regierung für bedrohlicher gehalten wird als Ressentiments, die Jüdinnen und Juden anderswo in der Welt entgegenschlagen? Die militante Rhetorik, der Gazakrieg, im Grunde der Zionismus selbst trieben einen davon, lässt im Beitrag eine israelische Familie wissen, deren Töchter in Athen studieren möchten. Die ganze Familie überlegt, nach Griechenland zu ziehen.
Nochmal zum mitschreiben: Den Zionismus als Auswanderungsgrund hat nicht der Autor dieses Blogs gewählt, sondern eine israelische Familie. Nur damit es nicht immer wieder breit getretene Missverständnisse gibt. Gell, Herr Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gell Herr Vorsitzender der Deutsch-israelischen Gesellschaft? Man tausche sich schon über WhatsApp über nicht antisemtische Restaurants in Athen aus, heißt es in dem FAZ-Beitrag. Es wäre aber auch recht, in Restaurants zu gehen, die nicht darunter fielen, merke die Familie sarkastisch an, so Autor Meier; dort treffe man dann wenigstens keine anderen Israelis. Nun, bis hierher. In dem Artikel steht, dass in einer Ende 2025 veröffentlichten Erhebung des Israelischen Demokratieinstituts (IDI) mehr als ein Viertel der jüdischen Israelis erwögen, das Land zu verlassen. Im Frühjahr des laufenden Jahres seien es immerhin noch 15 Prozent gewesen.
Vor allem jüngere, säkulare und gutverdienende Israelis hätten den Wunsch, Israel den Rücken zu kehren. Wer durch Berlin geht, und das nicht erst gestern oder heute, wird feststellen, dass es schon länger Israelis in „fremde“ Metropolen zieht. Selbst nach Deutschland, dem Land des Holocaust. Neben steigenden Lebenhaltungskosten, so gibt der FAZ-Schreiber wieder, spielten heute gerade auch die Politik von Benjamin Netanjahus rechter Regierung, die zunehmende Religiosität und die Kriege seit 2023, also seit dem brutalen Massaker durch die palästinensische Hamas, bei dem Hunderte Israelis starben, eine Rolle. Dazu sei eine generelle Entfremdung spürbar, ein moralischer Verfall, wie die erwähnte Familie erzählt. Manche würden die Frage stellen, ob das Projekt eines „jüdischen Staates“ womöglich gescheitert sei und es sich in der Diaspora, also außerhalb Israels, vielleicht doch besser leben lasse.
Der ehemalige deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, hat dieser Tage mit einem Blick auf die Siedler-Gewalt im Westjordanland im ZEIT-Magazin deutlich gemacht, was unter anderem das Unwohlsein junger Israelis im eigenen Land ausmachen könnte: Die Vertreibung von Palästinenser:innen mit Mitteln der psychologischen und realen Gewalt. Die von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel hoffähig gemachte Staatsräson in Sachen Israel unterstütze er nach wie vor, sagte er laut Agenturberichten gegenüber der ZEIT. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Unterstützung jegliches staatliches Verhalten Israels einschließt, zum Beispiel nicht die Besatzung, die nun ins 60. Jahr geht. Die deutsche Selbstverpflichtung gelte nur für ein Israel in den international anerkannten Grenzen von 1967. Aber sie gelte nicht gegenüber den Siedlern im Jordantal. Nach internationalem Recht handele es sich um illegale Siedlungen.
Israels rechtsradikale Ministern ist das allerdings völlig egal. Sie stützen den Siedlungsbau. Umso gewichtiger sind Seiberts Worte, wenn er erklärt: Gaza und das Westjordanland sind für uns besetzte Gebiete. Ostjerusalem ist Teil einer Stadt, deren Endstatus noch nicht definiert ist. Quasi affektiv weist Israel international jede Kritik an seiner Politik zurück. Man verurteile jede Gewalt und dulde keinen Extremismus, so die taz zur Position des israelischen UN-Botschafters Danny Danon. Organisationen, die die Lage im Westjordanland im Blick haben, sprechen eine gegenteilige Sprache. Vom Gazastreifen, den Israels Armee bereits in Schutt und Asche gelegt hat, ganz zu schweigen. Spötter, so Christian Meier, sagen, linke Israelis kündigen vor jeder Wahl an, auszuwandern, sollte wieder eine rechte Regierung gewählt werden – und täten es dann doch nicht. Kann es sein, dass diese Spötter sich Mut zusprechen, Realitäten auszublenden?
Wissenschaftler der Universität Tel Aviv sprächen, wie Christian Meier erhellt, von einem Trend, der 2023 begonnen habe. Seither sei die Zahl der Auswanderer im Vergleich zum vorhergehenden Jahrzehnt um 50 Prozent gestiegen. Die Entwicklung sei sehr beunruhigend. Sie könnte die zukünftige Sicherheit und Wirtschaft des Landes gefährden. Zwar wandern auch Viele nach Israel ein, aber bei weitem nicht so Viele, wie gehen. Das Thema sei auch schon im Parlament, der Knesset, zur Sprache gekommen. Ein Abgeordneter habe von einer Epidemie gewarnt. Ein anderer mahnte, wenn es so weiter gehe, drohe die Zerstörung des Zionismus. Sind das Jahr 2023 und die Auswanderungswelle eher ein Hinweis auf Ängste vor islamistischem Extremismus? Wer der Familie in Meiers Bericht und anderen Berichten folgt, kommt darauf, dass es vornehmlich die extreme Rechte in Israel ist, die die Menschen vertreibt.
In der Jüdischen Allgemeinen kam dieser Tage der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), Pinchas Goldschmidt, zu Wort. Linke mögen ihn nicht gern hören, weil er grundsätzlich zu Israel und seiner Politik steht und in diesem Sinne gern als eine der Speerspitzen gegen Antisemitismus zitiert wird. In der JA forderte er jetzt moralische Klarheit gegen Siedler-Gewalt, die im Namen des jüdischen Volkes ausgeübt werde. Brennende Moscheen im Westjordanland und die Zerstörung der Häuser palästinensischer Familien in Sichtweite der israelischen Armee – dazu dürfe ein verantwortungsvolles Judentum nicht schweigen. Unsere Stimme gegen Gewalt, die im Namen des jüdischen Volkes ausgeübt wird, muss ebenso klar und deutlich vernehmbar sein wie gegen die Gewalt, die sich gegen uns richtet. In Israel stünden Moscheen unter staatlichem Schutz. Das gelte, so Goldschmidt, leider nicht für das Westjordanland.
Da können sich in dieser Frage Einige vom Karlspreis-Träger Goldschmidt was abgucken. Auch wenn er kritisiert, dass es Verurteilungen der Gewalt gegen Palästinenser:innen durch Menschen wie Israels Präsident Isaac Herzog gab, aber ohne echte Konsequenzen Worte nur Lippenbekenntnisse blieben. Anklagen und Verurteilungen seien die Ausnahme, Verdächtige kämen oft rasch wieder auf freien Fuß. Insgesamt fürchtet Goldschmidt um die moralische Substanz des jüdischen Staates. Das klingt ein bisschen wie die Kritik von Israelis, die Meier schilderte – die vom Zionsmus die Nase voll haben, wenn er scheinheilig daher kommt und als Kitt dient, jene Politik zu rechtfertigen, die die Regierung Netanyahus vollzieht. Vielleicht ist ja by the way auch Goldschmidts Warnung an jüdische Wähler in Europa von Belang – davor, aus islamfeindlichen Erwägungen rechtspopulistische Parteien zu wählen.
Nach wie vor brandet aus dem Beck-Schuster-Lager vor allem Empörung auf, wenn Antisemitismus von links kommt. Antisemitismus von rechts scheint weniger der Rede wert. Hat das damit zu tun, dass der Blick nach rechts auch den Blick auf die Politik Israels weiten könnte? Und man gewahr würde, dass diese Regierung nicht zuletzt gegen die friedlichen Interessen von Jüdinnen und Juden steht? Und dass es deswegen wünschenswert wäre, man würde Netanyahu und seine Entourage mal daran erinnern, dass sie mit ihrer Politik jene Belange verraten, die sie zu verteidigen vorgeben? Andererseits sollte man Stimmen wie die derer, die (auch) vor Israels Politik das Weite suchen, hören, wenn sie in Restaurants in Athen und Berlin ihre Bestellung aufgeben. Ihnen antisemitisch gefärbte Abwehr und Rauswurf zu servieren, wird der Sache der Palästinenser:innen keineswegs gerecht.

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