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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Geist Von Ankara

Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz beim Nato-Gipfel in der Türkei den Geist von Ankara beschwört, dann sollte man in Deckung gehen. Denn welchen Geist möchte er da beschwören. Den von Präsident Recep Tayiip Erdoğan? Der die Rechtsstaatlichkeit in seinem Land mit Füßen tritt und die Opposition mundtot machen will. Oder den von US-Präsident Donald Trump, der wiedermal seiner Enttäuschung Luft machte, dass die Europäer nicht so spuren, wie er möchte? Und nebenher kundtat, dass sein Deal mit dem Iran. der so gut wie in trockenen Tüchern schien, ins Wasser fällt. Wie nahezu alle Deals, die er vermeintlich schon geschlossen hat. Nein. Was Merz als Geist von Ankara in seine Heimat hinüberhauchte, war der Geist, der in Form milliardenschwerer Rüstungsgeschäfte den Weg aus der Flasche fand. Eingewickelt in das Geschenkpapier eines nach eigenständiger Verteidigung strebenden Europa. Na dann: Allerherzlichsten Glückwunsch!

U-Boot-Handel x Wirtschaftsbooster x Arbeitsplätze = gute Nachricht für unsere gemeinsame Sicherheit, die Merz beschwor. Minus Straße von Hormus? Ach was, seien wir nicht so pessimistisch. PR trifft Wirklichkeit, textete The Pioneer in einem Morning Briefing. Aber was, bitte schön, ist für unseren Kanzler Wirklichkeit? Das ist immer was aufm Zettel steht. Und jetzt gerade ist es eben der Geist von Ankara. Und weil es der so gut mit Deutschland meint, fuhr zum Gipfel diesmal, wie in Berichten zu lesen ist, nicht nur die Gattin des Kanzlers mit an den Bosporus, sondern auch alle, die sich in der Sekundensonne des Chefs von der Spree wärmen wollen. Als da sind: Verteidigungsminister Boris Pistorius und Außenminister Johann Wadephul. Die Türkei ist schließlich ein beliebtes Reiseziel. Und, wie gern gebucht: All inclusive. Reiseleiter: Nato-Generalsekretär Mark Rutte. Wo der ist, ist freilich das passende Animationsprogramm nicht weit.

Ein Gefühl von Zuneigung hatte denn der Kanzler als Souvenir mitgenommen. Und Trump gar enorme Liebe verspürt, Rutte machte es nicht unter einem großen Gefühl der Einigkeit. Das alles an Schönfärberei, die am Ende eines Nato-Gipfels aufschien, der mit Schimpfkanonaden des US-Präsidenten begann, brauchte es offenbar auch. Denn parallel zu der Runde der sich selbst hörnenden Regierungschefs entflammte erneut der Iran-Krieg. Was Trump gestern noch nette Verhandlungspartner in Teheran waren, war quasi über Nacht Abschaum geworden, kranke Menschen. Die neuen Begehrlichkeiten Richtung Grönland wurden weggelächelt, ebenso der schwelende Konflikt mit einem Spanien, das sich nicht von Trump tyrannisieren lassen will. Über allem standen Milliarden-Zusicherungen für die Sicherheit von einer Milliarde Menschen (Rutte). Dass die dafür an anderer Stelle bluten müssen, scherte die Versammlung nicht.

Damit sich die Regierungschefs, die dem von Merz beschworenen Geist von Ankara huldigten, auch nachhaltig an den Gipfel erinnern können, der Milliarden für Rüstung und Rüstungsgeschäfte freischaufelte, hatte Erdoğan ein besonderes Geschenk im Sinn. Er überreichte, welch friedliche Note, den Abreisenden zum Abschied jeweils einen scharfen Revolver samt einer Schachtel mit Munition (Tagesspiegel). Natürlich mit eingraviertem Namen. Der Revolver durfte freilich nicht so einfach ins Handgepäck. Sondern wurde, wie berichtet, der Botschaft übergeben, damit er ordnungsgemäß eingeführt und dann in der Sammlung offizieller Geschenke inventarisiert werden kann. Vom türkischen Präsidialamt kam laut dpa kein Wort dazu, was das mit den Revolvern zu bedeuten hatte. War es nur ein martialisches Goodbye nach einem scheinbar glimpflich verlaufenen Gipfel. Oder ein Geschenk für den Fall, dass es doch irgendwann zum Rosenkrieg kommt…

Denn die Liebe, die sich die Regierungschefs da nach Zweifeln und immer wieder aufflammenden Unwägbarkeiten in Gestalt des US-Präsidenten in die Seelen hauchten, dürfte kaum von Bestand sein. Die weiteren Milliarden, die die Nato-Partner in die Ukraine pumpen wollen, dürften auch dort einen unendlichen Krieg eher befördern als dass sie eine Friedensbotschaft aussenden. Ein gutes Zeichen? Die horrenden Rüstungszusagen, die man sich in Ankara gegenseitig ins Stammbuch schrieb, werden die Waffenkonzerne in Europa euphorisieren. Die Frage aber, wer am längsten mit der Unterstützung eines ziellosen Kriegs durchhält und wer wem hilft oder helfen muss, könnte die Nato-Beziehungen schnell wieder auf ungeahnte Probe stellen. Unendlich belastbar sind westliche Demokratien nicht. Kriegstüchtigkeit bedeutet längst nicht Demokratietüchtigkeit. Vielleicht war ja in sofern der scharfe Revolver eine Art symbolisches Geschenk.



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