Ich gestehe, Die Zeit nicht abonniert zu haben. Ich kann nicht alle „Zeitungen“ abonnieren. Und auf deren Online-Portalen für Geld unterwegs sein. Also wähle ich aus. Das Medien vom Hamburger Speersort ist, Asche auf mein Haupt, unter die Räder geraten. Oder auf den Müll? Nie würde bei mir das geschriebene Wort im Müll landen. Selbst die dümmsten Beiträge sind es wert, aufgehoben zu werden. Als Zeugen der Zeit. Der Gedanken. Seien sie auch noch so abstrus. Insofern verspreche ich auch Wlada Kolosowa, dass ihre Zeit-Prosa bei mir nicht sinnbildlich im Müll landet. Auch nicht, da sie gestanden hat, die Werke ihrer vierjährigen Tochter nachts zu kuratieren, wie sie das, was sie tut, vornehm nennt. Sie räumt – so in der Medienschau von Monopol zu lesen – ein, dass kreatives Schaffen Kindern guttue. Sie aber keine Wohnung voller Kinderkunst haben wolle. Also würde sie aussortieren. Sechs Bilder pro Jahr kämen in einen Best-of-Karton. Das solle bis zum Schulabschluss reichen. Der Rest? Kolosowa: Werfe ich alle in den Müll. Das arme Kind, die arme Kunst.
Schon das zu lesen, bereitet mir, der ich selbst hin und wieder so etwas wie Kunst herstelle, Schmerzen. Nicht zuletzt, weil auch ich einen beträchtlichen Teil meiner Werke in den Müll geworfen habe. Entweder, weil ich sie selbst kuratiert habe. Und nicht nur nachts. Sondern auch tags. Oder weil die Werke von Frauen an meiner Seite kuratiert wurden. Sie sortierten Bilder (oder anderes) weniger nach subjektivem gut oder schlecht aus. Sondern danach, welche Erinnerungen an jeweilige Vorgängerinnen darin verhaftet sein könnten. Farbig oder schwarz-weiß, Zeichnungen oder Malereien. Weg damit! In den Müll. Selbst oder fremd kuratiert. Es tut mir heute noch in der Seele weh. Die Tatsache freilich, dass ich, unglücklicherweise dem Journalismus verfallen, nicht zu künstlerischer Berühmtheit gelang, hat mir wenigstens erspart, dass ich finanzielle Verluste erleiden musste. Im Übrigen ist es zu spät, heute über derlei zu klagen. Weg ist weg. Verschluckt. Verbrannt am Ende. Auf nimmer Wiedersehen. Kunst im Müll: Eine wahrlich traurige Finissage!
Besagte Zeit-Autorin allerdings handelt möglicherweise voreilig. Was, wenn ihr Töchterchen eines Tages dank der jährlich sechs kuratierten Werke und vieler mehr, dereinst erwachsen, selbstkuratierend und weniger unachtsam handelnd, eine berühmte Künstlerin werden sollte. Muss sich da die Frau Mama nicht höllisch ärgern? Weil sie – im Nachhinein betrachtet – quasi ein Vermögen im Müll versenkt hat? Dass Wlada Kolosowa zum Vergleich mit Prominenten aus der Kunstwelt neigt, auch das zeigt ihr Beitrag, so jedenfalls kolportiert es Monopol. Darin erwähnte sie bezüglich ihrer häuslichen Praxis des Kuratierens den nicht unbekannten Maler Picasso. Auch bei ihm müsse, wie sie augenzwinkernd verriet, für Ausstellungen ja radikal aussortiert werden. Die Kuratorin Janet McLean habe, so Monopol, darüber gesagt: Wenn man alles hineinnimmt, kann man nichts mehr sehen. Das allerdings macht dann doch einen gravierenden Unterschied zu Kolosowa aus: Sorgt sie doch dafür, dass man das, was sie nicht hineinnimmt, schlechterletzt NIE MEHR sehen kann.
Wlada Kolosowa scheint alles in allem Opfer einer gewissen Hybris zu sein. Aber so ist das bei Eltern, die nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben ihrer Nachkommen kuratuieren wollen. Sie geben nicht nur den Takt ihres Daseins und Schaffens vor, sondern auch den des Daseins und Schaffens ihrer Kinder. Beides hat Folgen, schlimmstenfalls schlimme oder wenigstens blöde Folgen. Schaue ich mir Kinderzeichnungen oder -malereien an, denke ich nicht nur bisweilen, sondern oft: Wie klar und ausdrücklich kann Kunst doch von Dingen oder Menschen erzählen. Wie ungeschminkt kommt das doch daher. Und so gar nicht auf einen Markt schielend, für den gezeichnet oder gemalt werden möchte. Vielleicht ist es ja das, was Eltern gerne zu Kuratoren macht (mag sein, auch Wlada Kolosowa). Könnten die kindlichen Werke doch im Zweifel ein Bild vom Elternhaus bieten. Klar und ungeschminkt. Und eines Tages nicht bloß ein Bild, sondern auch dessen Entstehungsgeschichte enthüllt werden. Also landet das ganze Gemale am Besten einfach so im Müll.
Meine Schwester schenkte mir mal ein Buch über Picasso. Weniger, damit ich einen tieferen Einblick in seine Kunst gewänne. Sondern damit ich begreife, welch gruselige Mannhaftigkeit bisweilen in berühmten und von mir verehrten Künstlern und ihren Werken steckt. Und auch in Möchtegernkünstlern. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Auch das kann, zugegeben, Kunst leisten: Den Blick auf das Eigene freilegen. Und auch als solche ist es ausgesprochen fahrlässig, sie in den Müll zu werfen. Erinnert sie doch eines Tages Erschaffende daran, was aus ihnen hätte werden können, wenn sie mittels ihrer eigenen Werke in den Spiegel geschaut hätten. Vielleicht echt tolle Typen. Was könnte das Wlada Kolosowa signalisieren: Es gibt so viele Gründe, Kunst, auch die Kunst der Kinder zu bewahren, dass es garadezu schrecklich ist, sie in den Müll zu werfen. Frei nach Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler. Und es macht Sinn, jedes seiner seit Geburt geschaffenen Werke zu bewahren. Weil jedes Werk zeigt, wie es um die Menschen und die Welt steht.

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