Dieser Tage blätterte ich gedankenversunken im extra für die Biennale in Venedig herausgegebenen Sonderheft Monopol, dem Magazin für Kunst und Leben. Das tue ich öfter. Nachträglich schauen, was mir ein Ereignis hätte bescheren und sagen können. Um im ungünstigsten Falle mir gegenüber einräumen zu müssen, dass ich Wichtiges übersehen habe. Oder mir erst im Nachhinein nochmal den tieferen Sinn der ein oder anderen Zurschaustellung nahezubringen. Dieses Mal kann ich froh sein, neben den Besuchen der Musts meinen eigenen Intuitionen gefolgt zu sein. So fand ich etwa den Weg in den Palazzo Mora, wo unter dem Titel Gaza – No Words – See the Exhibit zu sehen war (und ist), was der Krieg, den die israelische Regierung bis heute als Feldzug gegen die terroristische Hamas gegen alle Palästinenser:innen führt, angerichtet hat und anrichtet. Im Monopol–Sonderheft (5/26) davon kein Wort.
Obschon auch diese 61. Biennale von der Auseinandersetzung um Israels Krieg in Gaza (und anderen Palästinenser-Gebieten im Westjordanland) begleitet war und ist, ist die Ausstellung im Palazzo Mora Monopol keinen Satz wert. Die Jury für die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen wollte in diesem Jahr keine Künstler:innen aus Staaten berücksichtigen, deren Regierungen und/oder Staatschefs vom Internationalen Strafgerichtshof mit internationalem Haftbefehl belegt sind – was neben Russland auch Israel betrifft. Und trat im Konflikt darüber geschlossen zurück. Auch das wäre zumindest mittelbarer Grund gewesen, der Ausstellung über Gaza Platz im Monopol–Sonderheft zu widmen. Dass dies nicht geschah, ist bedauerlich. Mehr noch: Ich sehe darin einen eklataten Mangel an publizistischer Courage. Wer dies übertrieben findet, sollte sich die deutsche Medienlandschaft zu Gemüte führen.
Faisal Saleh heißt der Kurator, an dessen Familie sich der leidvolle Weg der Palästinenser:innen bis in die Gegenwart nachvollziehen lässt, der im Palazzo Mora eine eindrucksvolle wie bedrückende künstlerische Darstellung der Geschichte und der Folgen des Krieges möglich gemacht hat. Frauen aus Flüchtlingslagern im Libanon, dem Westjordanland und Jordanien hielten Szenen daraus in aufwändigen Stickereien fest, die aus der Distanz fotografisch anmuten – und aus der Nähe die immense Anstrengung und Last spüren lassen, mit der sich Kunst und Realität verbinden. Saleh, der in Ramallah aufwuchs, ging vor 50 Jahren in die USA, wurde erfolgreicher Geschäftsmann und ist Gründer des Palestine Museum US (Woodbridge/Connecticut). Dem +972-Online-Magazine erzählte er, wie die Ausstellung über das entstand, was er, mittlerweile Mitte 70, unumwunden einen Genozid nennt.
Dass er nicht Fotografien zeigen wollte, hat, wie er sagt, damit zu tun, dass Menschen die erschütternden Bilder von Social-Media-Plattformen kennen würden. Ein Foto, so Faisal, zeige auf den ersten Blick direkt und offen, was zu sehen ist. Eine Stickerei dagegen bestehe aus jeweils unzähligen Stichen. Der Betrachter könne sich, immer mehr heranrückend, langsam der horrenden Wirklichkeit nähern. Zweieinhalb Monate säße eine Frau an einer dieser Stickereien. Eine Arbeit, die noch einmal langsam Geschichte nachzeichnet. Und diese um so greifbarer macht. Zwölf Jahre würde es dauern, um 100 dieser Kunststücke nach und nach herzustellen. Er, Faisal, wollte mit der Ausstellung in Venedig gleichsam die Dringlichkeit des Gaza-Schreckens deutlich machen. Ein Jahr nur brauchten die Künstler:innen, um zu zeigen, wie es um das „Schicksal“ der Palästinenser:innen bestellt ist.




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Wem die kunstvollen wie eindrücklichen Stickereien nicht nah genug gingen, der konnte sich – dann doch – Videos anschauen. Auf einem Screen, der jedenfalls größer war als der, auf dem ich zuhause Bewegtbilder von Kriegen und deren Ausmaßen und Folgen für gewöhnlich betrachte. Zu sehen waren Aufnahmen von Gaza aus der Luft. Ein Trümmerfeld. Und in den Trümmern Menschen, die nicht wissen, wie sie die nächsten Stunden, Tage, Wochen. Monate überleben können. Wenn überhaupt. Bilder, die nichts, rein gar nichts an Rechtfertigung rechtfertigen, die Israels Regierung nach dem verheerenden und ebenfalls durch nichts zu rechtfertigenden Massaker der Hamas an Bürgern Israels anführt. Man braucht nicht über Begriffe streiten, um dieses Unbegreifliche zu verurteilen. Es gibt nichts, nicht mal Terror, der diesen Terror beschönigen oder entschuldigen könnte.
Um so unbegreiflicher ist es, wie ein Magazin für Kunst und Leben, diese Kunst vom Ende allen Lebens in einem Sonderheft zur 61. Biennale aussparen kann. Wie es sich auf diese Weise über den Kern des Konflikts, über den die Jury der größten Kunst-Schau der Welt fassungslos ihre Rolle hinwarf, aus der Affäre ziehen konnte (kann). Auf einem Button, der die Printausgabe des Heftes „ziert“, wird auf die wichtigsten Künstler, Events und Ausstellungen hingewiesen – im Heft dann werden die Frauen, die mit ihren Stickereien auf das weiter schwelende Palästina-Drama hinweisen, vergessen. Wie textete gerade der Tagesspiegel in Berlin: Gaza – Im Toten Winkel der Weltpolitik. In dem nach und nach der Lebenraum für Palästinenser schwinde. Das Sonderheft von Monopol zur diesjährigen Biennale in Venedig trägt erschreckend dazu bei. Die verantwortlichen Macher des Kultur-Magazins sollten sich schämen. Mindestens!
Vielleicht ist ja die Stickerei-Kunst, die im Pallazo Mora in Venedig zu Gaza und den Palästinenser:innen zu sehen ist, zu filigran (wobei filigrane Kunst in Venedig durchaus zu sehen ist) oder zu folkloristisch (auch das angesichts der sonstigen Kunst auf der Biennale nicht außergewöhnlich) – zu wenig bombastisch? Obschon sich hinter den Stickereien im wahren Wortsinn Bombastisches verbirgt. Das auf Jahrzehnte nachwirkt. Und für Generationen von Palästinenser:innen ein Dasein voller Traumata bedeutet. Die selbst, wenn irgendwelche Pläne zur Befriedung des Konfliktes, die freilich bislang nicht erkennbar sind, umgesetzt werden sollten, nicht verschwinden werden. Faisal Saleh hat ob seiner Geschichte, die ihn aus dem Westjordanland in die USA führte, die Palästinenser:innen in seiner Heimat nicht vergessen. Kunst-Magazine scheinen dagegen wenig aufmerksam. Das ist äußerst betrüblich.

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