Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich, seit die Nachricht vom Tod von Abdullah Ibrahim auf meinem Handy erschien, einen Anfang gesucht habe, dem Jazz-Pianisten etwas hinterherzuschreiben, was meiner Bewunderung und Demut gegenüber diesem Ausnahmemusiker gerecht werden könnte. Kein Satz, so scheint ist, kann auch nur ansatzweise den Klang entfalten, den dieser Mann, der 91 Jahre alt wurde, in die Welt hinausgetragen hat. Tiefgründig, meditativ, spirituell. Derlei Beschreibungen tauchen auf, wenn man fragt, wie seine Musik auf andere gewirkt hat. So wirkte sie auch auf mich. Zweimal habe ich ihn erlebt, wie er hinter dem Flügel saß und Blue Bolero spielte. Das Stück ist für mich die Inkarnation dessen, was meine Seele füttert, aufwühlt, beruhigt. Wenn ich Abdullah Ibrahim eines Tages auf dem Weg in neue Sphären folge, ich wünschte, dieser Blue Bolero würde mich begleiten.
Was mich Abdullah Ibrahim seit jeher bewundern und demütig sein lässt, ist, dass er dem Flügel Flügel verleiht. Ohne sie akademisch zu beschweren. Was ich damit meine: Wenn er spielte, dann ging es nicht, wie man es so häufig hört, darum, die Tasten mit vor allem technischen Finessen der Fingerfertigkeit zu malträtieren. Es ging ihm darum, dass die Töne tragen. Dass die Botschaften, die Musik senden kann, im wahren Sinne ankommen. Manchmal dauerte es gefühlt eine Ewigkeit, bis das Publikum Abdullah Ibrahim nach einem Spiel applaudierte. Ich wertete das als Hommage an das, was auch ich spürte: Ergriffenheit. Nicht kitschig. Sondern geräuschlos mächtig. So mächtig, wie diese Hände, ihre filigranen Finger zartfühlend über die Tasten wanderten. Die Kraft der Musik Abdullah Ibrahims entstand, weil er sie scheinbar kraftlos fühlen ließ. Mir flossen häufig die Tränen. Sie fließen noch.
Wann immer ich Abdullah Ibrahim höre, höre ich im Hintergrund die Klänge seines Geburtslandes Südafrika, die Klänge aus den Townships. Wenn es jemand verstand, Jazz so vollkommen mit der Musik seiner Heimat zu verschränken, dann war es dieser Mensch. Dass dieser Jazz im Laufe der Zeit auf andere Kontinente hinüberwehte, war vor allem Dollar Brand zu verdanken, als der Ibrahim anfangs unterwegs war. Der Township-Sound war ihm Inspiration. Und künstlerischer Appell. 14 Minuten trägt die Studio-Version von Mannenberg – ‚Is Where It’s Happening. 1974 in Kapstadt entstanden. Mannenberg symbolisiert den Widerstand gegen die damalige Apartheidspolitik in Südafrika. Und Mannenberg erklang, von Ibrahim und einem Sinfonieorchester gespielt, als Nelson Mandela 1994 ins Amt des Präsidenten eingeführt wurde. Der hatte Ibrahim zuvor in die Heimat Südafrika zurückgeholt.
In seiner Rezeption wird Mannenberg, so heißt ein Township nahe Kapstadt, das es heute noch gibt und ein eigener Stadtteil ist, all das zugesprochen, was Abdullah Ibrahims Musik vereint. Basierend auf einer Mbaqanga-Melodie des Trompeters Elijah Nkoyne, so bei Wikipedia zu lesen, verbindet es jenen Stil mit anderen autochthonen Stilen. Bisweilen werden dem Stück auch Farben weißer Musik zugeschrieben. Was bedeutet, dass Mannenberg außer Ausdruck des Protests auch Angebot der Versöhnung sein könnte. Und auf einen besonderen Wesenszug Mandelas abheben würde, der nach Jahrzehnten weißer Unterdrückung auf Vergebung und Dialog statt Rache setzte. Wäre dem so, kein anderer wäre in der Lage, ähnlich versöhnlich klingende Stücke zu schreiben wie Ibrahim. Die schon früh die Symbiose mit westlichem Jazz suchten. Diese Symbiose ist es, die schließlich zum Cape Jazz firmierte.
Auf IbrahimsHomepage https://abdullahibrahim.co.za wurden, als ich zuletzt reinschaute, noch drei Konzerte angekündigt, die er in Bayern geben würde. Dorthin hatten ihn die Liebe geführt. Dort wohnte er. Leben mochte er überall auf der Welt. Meine Heimat ist die Menschheit. Ein Konzert sollte in München sein, die beiden anderen im Gasthof Hirzinger im Chiemgau, in dem der Kosmopolit hin und wieder aus Respekt vor den Menschen spielte, die ihn seit Jahren neu umgaben. Ich wäre liebend gern hunderte Kilometer dorthin gefahren. Denn ich sah in Vicenza, als ihn seine Liebe auf die Bühne führte und wieder von dort herunter, dass sein altes Leben demnächst Leichtigkeit in einem neuen Leben erfahren würde. Nun muss ich ein Bisschen warten, bis ich diesem wunderbaren Musiker, mit viel Glück, wiederbegegnen kann. Es wird mir eine Ehre sein, vor allem aber eine ganz und gar große Freude.

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