Dass Springer-Ceo Mathias Döpfner in einem Essay in der Jüdischen Allgemeinen (JA) unter der Überschrift Warum ich Zionist bin ohne einen einzigen Satz zum Leid in Gaza auskommt, wundert nicht. Es hätte zwar zur Passage gepasst, die da lautet: Wir sind am Tiefpunkt menschlicher Zivilisation angekommen . Aber Universalismus war nie Döpfners Ding. Das würde auch der Agenda der Springer-Medien widerstreben, vor allem der des Flaggschiffs BILD. Vieles an Döpfners ausführlichem Plädoyer zur Unterstützung jüdischen Lebens in Israel, der Welt, auch in Deutschland, ließe sich unterschreiben. Doch dass aus dem aufrechten Anti-Antisemiten und Unterstützer der derzeitigen Politik Israels und seines Ministerpräsidenten Netanyahu jemand würde, der Menschenrechte für Alle einfordert, auch für Palästinenser*innen, die in der Westbank terrorisiert und gemordet werden, das käme Döpfner nicht in den Sinn. Schon gar nicht in einem Beitrag‘ für die JA.
Das muss auch nicht sein. Selbst dann nicht, wenn Menschen wie Döpfner an anderer Stelle empört darauf reagieren, wenn in Stellungnahmen für die Sache der Palästinenser*innen und gegen die Verbrechen in Gaza mit keinem Wort das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 erwähnt wird. Einseitigkeit und Ignoranz sind nicht einem Lager eigen. Auch Döpfner und die Jüdische Allgemeine pflegen sie eifrig. Sonst könnte es nicht passieren, dass die Leo-Baeck-Medaille in Ehren des vor fast 70 Jahren verstorbenen Vertreters des deutschen liberalen Judentums, der 1924 die Weltunion für progressives Judentum mitbegründete, ausgerechnet an Dieter Nuhr vergeben wird. Die Medaille ist die höchste Auszeichnung, die der Zentralrat der Juden in Deutschland zu vergeben hat. Ob Baeck den Kabaretisten für medaillenwürdig gehalten hätte, ließe sich bezweifeln.
Denn Leo Baeck hat sich für ein progressives jüdischen Leben gerade auch in Deutschland stark gemacht. Und sich stets aktiv, selbst unter Lebensgefahr, dafür eingesetzt. Nuhr dagegen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er sich gegen die wendet, denen Empathie für Jüdinnen und Juden im weitesten Sinn abgesprochen wird. Wann immer Nuhr auf der Bühne steht, werden rechtspopulistische Ressentiments bedient. Inklusive niederen Polemisierens gegen muslimische Migranten. Das scheint Ausweis genug dafür zu sein, den Segen des Zentralrats und seinem Zentralorgan, der Jüdischen Allgemeinen, zu bekommen. Nach dem Motto: der Kritiker unserer Feinde ist unser Freund. Und aller Leo Baeck’schen Ehre wert. Es ist mithin, sagen wir: eine Art Negativ-Auszeichnung. So leicht ist es heute ganz offenbar, eine wertvolle Medaille im Kampf gegen Antisemitismus zu erhalten.
Wenn Dieter Nuhr, vornehmlich in seinen „satirischen“ Beiträgen im Fernsehen, auf Antisemitismus zu sprechen kam (und kommt), bleibt der Antisemitismus von rechts außen vor. Dabei belegt die offizielle Statistik, dass die meisten antisemitischen Straftaten (Sachbeschädigung, Beleidigung, körperliche Gewalt) noch immer vom rechten, nicht vom linken oder vom so genannten Milieu mit ausländischer Ideologie ausgehen. Aber Nuhr bespielt am Liebsten die Seite, die mainstreamtauglich ist, auch wenn sie Realitäten übertüncht. Dass dies Teil seiner Haltung ist, mag in einem Humor begründet sein, dem es an Fragwürdigkeit nicht mangelt. Der ging 2018 so: Man sagt ja immer, der 9. November sei ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte, aber eigentlich ist der wichtigere Tag der 8. November, denn da kommt wieder ’Nuhr im Ersten’. Ist ja nu(hr) ein Scherz.
Der 9. November ist verschieden konnotiert. Mehr als mit dem Mauerfall mit dem 9. November 1938, der Reichspogromnacht, in der Synagogen zerstört, Jüdinnen und Juden von Nazis massenhaft angegriffen, deportiert und ermordet wurden. Der Trailer zu Nuhr im Ersten lief damals sinnigerweise unmittelbar nach Ausstrahlung eines Antisemtismusreports, wie der Spiegel berichtet, wofür sich der rbb damals entschuldigte. Das machte den Clip freilich nicht besser. Doch derlei spielt heute keine Rolle mehr, wenn Dieter Nuhr ausgezeichnet wird. Auch nicht, dass Nuhr wegen rassistischen und sexistischen Gedankenguts scharf kritisiert wird, wegen abwertender Satire zur Klimabewegung, wegen Islamophobie und Angriffen auf eine angebliche Cancel Culture, die aus dem rechten Lager bekannt sind. Das scheint am Bild des Zentralrats von Nuhr nicht zu rütteln.
Weil der Zentralrat der festen Überzeugung ist, dass mit Dieter Nuhr, jemand geehrt wird, der sich in seinen Beiträgen mit herausragender Klarheit gegen Antisemitismus stellt, konsequent Doppelstandards in der deutschen Debatte um Israel offenlegt und einen Kontrapunkt zu antisemitischen Narrativen in der deutschen Medienlandschaft setzt, macht es nichts aus, wenn er auf der anderen Seite zweifelhafte Narrative stützt. Und weil dem so ist, ist es auch nicht verwunderlich, dass ausgerechnet Ahmad Mansour die Laudatio auf Nuhr halten wird. Der Bro Nuhrs im Geiste. Der in der JA freudig der Auszeichnung für jemanden entgegensieht, der es wagt, sich heute so klar gegen linken und muslimischen Antisemitismus zu positionieren, den Nahostkonflikt offen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anzusprechen. Auch hier spielt Antisemitismus von rechts keine Rolle.
Baeck war, wie es heißt, geprägt von tiefem ethischen Bewusstsein und von intellektueller Klarheit. Als Vertreter des liberalen Judentums habe er Religion verbunden mit Vernunft und Philosophie. Er habe das Judentum als eine tätige Religion verstanden, die sich in ethischem Handeln zeige. Toleranz habe neben Zivilcourage zu seinen Wesenszügen gehört, schrieb 2023 das evangelische Sonntagsblatt. Und Ernst Gottfried Lowenthal, einstiger Redakteur der C.V. Zeitung, der seit 1929 als Redakteur der meistgelesenen Zeitung Deutscher jüdischen Glaubens arbeitete, ließ einmal wissen: Baeck sei eher ein Mann des Schreibens als ein Mann des Redens gewesen. Vielleicht wäre es gut gewesen, der Zentralrat hätte sich das Reden Nuhrs nochmal durch den Kopf gehen lassen. Und einen anderen Medaillen-Träger und Laudator gefunden. Das wäre ganz im Sinne Leo Baecks gewesen, sollte man meinen.

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