Der Wal hat keine Wahl. Auf diesen Punkt kann man die Geschichte bringen, die sich derzeit – da ich das schreibe: noch in der Ostsee abspielt. Es ist im Grunde längst nicht mehr nur das tragische Schicksal des armen Tiers selbst, das einen fassungslos macht. Sondern die tragische Selbstgerechtigkeit derer, die seit Beginn der Story, die teils im live-Stream die online-Portale flutet(e), die Seele malträtiert. Schon als der Vorhang aufging für das Drama hatten sich weise Tierschützer dafür stark gemacht, den Säuger in Ruhe zu lassen. Doch Horden von Retterinnen und Rettern überboten sich im Klugscheißen. Jetzt soll eine Tierärztin aus Hawaii wutentbrannt über Streit in ihrem Team abgereist sein. Gut so! Good bye. Und schönen Untergang. Sie beschwerte sich über Fehler angeblicher Wahlflüster*innen – und war doch selbst nur eine von denen, die glaubten, eine tiefere Eingebung zu haben.
Nicht nur selbsternannte Helferinnen und Helfer in der Not haben sich in der Causa Timmy überboten. Auch Umweltschutz- und Tierorganisationen wirkten quasi dankbar für den widerlichen Voyeurismus, der sich als tierliebende Aufmerksamkeit tarnte. Die Umweltschützer von WWF (World Wide Fund For Nature) verzeichneten eine Vielzahl neuer Walpatenschaften. Und führen das, wie sollte es sonst auch anders sein, auf die buckelwalige Prominenz zurück. Die Menschen wollen was tun, tippen wir, so Zitat t-online. Ach nee. Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepard berichtet über eine steigende Zahl von Dauerspendern. Nebst telefonischer und email-mäßiger Anteilnahme. Es ist gut, wenn diese populationsnotwendigen Organisationen Zuspruch erfahren. Der aber dürfte, wenn Timmy sein Leben aus“gehaucht“ hat, schnell wieder versickern.
Das klingt, sorry liebe Tierschützer, ein bisschen böse. Nicht so gemeint. Wer die Organisationen kennt, weiß, wie wichtig ihre Arbeit ist. So kümmert sich der WWF mit Unterstützung unter anderen von Spender*innen um die Kontrolle des Walfangs, die Ausweisung von Meeresschutzgebieten und den Schutz der Meerestiere vor Umweltgiften. Es gibt sei Jahrzehnten ein internationales Moratorium für kommerziellen Walfang. Länder wie Japan, Norwegen und Island jagen den Wal zu wissenschaftlichen Zwecken, wie sie sagen. Nichts weiter als üble Camouflage, so der Vorwurf von Kritikern. Und selbst wenn der Walfang, der oft mit brutalen Methoden einhergeht, ruht und viele Arten schützt: Die Nachwehen des 20. Jahrhunderts und bestehende Ignoranz gegenüber dem ozeanischen Ökosystem bleiben bedrohlich. Dabei gibt es kaum noch einen erträglichen Markt für Walfleisch.
Da hätten & haben Politiker*innen noch eine Menge zu tun. Statt dessen würde Michel Backhaus (SPD), Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, so der Eindruck, am Liebsten die Luftmatratze auf dem Rücken von Wal Timmy aufpumpen. Vor der Wahl im Herbst wird alles in Bewegung gesetzt, um den derzeitigen Umfragerückstand gegenüber der AfD (26 zu 34 Prozent) aufzuholen. Dass die rechtsextreme Partei, vor allem ihre bundespolitischen Galionsfiguren, nicht die blaue Fahne auf der Ostsee gehisst hat, wundert nicht. Ist doch der AfD alles, was übers Wasser kommt suspekt. Syrer, Afrikaner, jetzt auch noch der Wal. Soll der Kerl doch remigrieren. Und sei es, wenn es nicht anders geht, mit Hilfe ehrgeiziger Umweltschützer. Nicht dass er am Ende noch ein paar Flüchtlinge ausspuckt. Das hätte den Rechtspopulisten vor der Abstimmung im September gerade noch gefehlt.
Die private Retterinitiative, von der allenthalben die Rede ist, hat, wie bei Bild zu lesen, sogar eine Freifrau von als Pressesprecherin. Weil das, was Timmy an erbarmungsloser Liebe entgegenschlägt, nicht mehr zu ihren Werten passe, wie sie sagte, trat sie mittlerweile mit sofortiger Wirkung zurück. Professionelle Zusammenarbeit sei nicht mehr möglich. Deshalb mache ich den Weg frei, wie sie wissen ließ. Aber für wen? Wo der Job doch vermutlich nicht wirklich eine Perspektive bietet. Keine Perspektive? Das wäre doch was für Bundeskanzler Friedrich Merz oder seinen dummen August Lars Klingbeil. Von der Spree im Neopren an die Küste. Nun mal hurtig das Schlauchboot gesattelt. Besser als permanent an der Tankstelle stehen und auf niedrige Spritpreise hoffen. Derweil sprach Backhaus von Missverständnissen im Rettungsfieber, die gegen das Tierwohl stünden. Sich selbst meinte er nicht.
Und was sagt Walter Gunz, der greise Walfreund, der die private Rettungsinitiative anführt und ehedem chefmäßig Staubsauger im MediaMarkt anpreisen ließ: Es sei unschön, wie es gelaufen ist. Die Querelen um das Projekt Timmy, so in der Bild, würden ihn traurig machen. Ich sehe schon, wie der 79jährige heulend am Strand steht und aufpassen muss, dass er keinen Herzkasper kriegt. Bis dahin freilich heißt es laut Grunz: Alle Konzentration auf den Wal! Der sitzt dem Eifer seiner Rettungsversucher*innen zum Trotz weiter vor Poel fest. Dort rückte nach kleinem schweres Gerät an. Unterdessen verkündete der NDR, ebenfalls ganz dicht dabei, als kurze Einordnung in eigener Sache: dass er angesichts der Kosenamen, die dem Wal gegeben würden (neben Timmy auch Hope), bei der Emotionalisierung und Vermenschlichung nicht mitmache. Will einen der Sender verarschen?

Hinterlasse einen Kommentar