Neulich las ich auf einem Medienportal den Slogan, mit dem eine Spitzenkraft der ARD die Trommel für öffentlich-rechtlichen Journalismus rührte. Wir sind Anwalt der Wirklichkeit – nicht der Schwachen. Das hätten glatt vom Kanzler sein können. Und locker auf einen Bierdeckel gepasst. Mit Merz’scher Präzision wurde da ein Fauxpas gelandet, der in seiner semantischen Wirrnis von einem seltsamen Verständnis gesellschaftlicher Realitäten kündet. Denn er besagt, dass die Schwachen vielleicht gar nicht zur Wirklichkeit gehören. Auch das ist ein Gedanken, der durchaus zum Regierungschef an der Spree passt. Schwache? Nix da! Passen nicht ins Stadtbild. Und zur ARD? Eine provokante These, so war der Beitrag auf dem Portal überschrieben. Das ist, möchte man meinen, reichlich vornehm formuliert.
Das Medienportal zitierte aus einem Interview. In dem es um so genannten Qualitätsjournalismus ging. Danach meinte die Spitzenkraft, eine solche Art Journalismus dürfe nicht, so das Portal sinngemäß wiedergebend, der klassischen Dramastruktur folgen: David gegen Goliath. Das sei zwar eine wunderbare Geschichte, die immer funktioniert. Aber nicht das, was Er, die ARD-Spitzenkraft, unter Perspektivenvielfalt verstehe. Unternehmen etwa, die mit allen möglichen Widrigkeiten zu kämpfen hätten, bräuchten eine stärkere journalistische Einordnung aus ihrer Perspektive, so das Portal über den Standpunkt des ARD-Menschen. Kritischer Journalismus sei nicht, was möglichst viele Gegenstimmen finde. Man müsse unbedingt aufpassen, dass man nicht in die False-Balance-Falle tappe.
Das beträfe auch technische Dinge. Etwa das Thema KI. Da bedürfe es etwas mehr Technikfröhlichkeit. Fact-Checking und so. Der Fokus liege zu sehr auf Risiken und Nebenwirkungen. Und überhaupt schleiche sich bei Journalist*innen zu sehr eine Haltung ein, es besser zu wissen als Politiker oder wirtschaftliche Akteure. Alle würden doch um nichts weiter als die beste Lösung ringen. Eben deswegen dürfe es keinen Freifahrtsschein fürs Verbiegen der Wirklichkeit geben. Erstmal verstehen, dann debattieren, so im Original-Interview nachzulesen. Daran müsse sich Journalismus messen. Quasi Tiefe vor Diskussionen etc. Nicht den Untergang des Sozialstaats an die Wand malen, bevor man kapiert habe, worum es geht. Und kein despektierlicher Ton. Es müsse drum gehen, die Demokratie effizienter zu machen.
Nun, das hört sich nach einem ziemlichen Durcheinander einer Arbeitsplatz- Beschreibung für Journalist*innen an. Aber so ist es, wenn man Viel von seinen Gedanken unterbringen will. Bei jeder Rechnung, die Posten aufzählt, gibt es freilich am Ende eine Summe. Und man fragt sich, was die Spitzenkraft der ARD einem in Rechnung stellen möchte. Und ob es angemessen ist, dort, wo Einiges des Gesagten vernünftig erscheint, dann doch an einer Stelle selbst in die False-Balance-Falle zu tappen, vor der man den Journalismus hüten möchte. An dieser Stelle ist davon die Rede, dass selbstverständlich auch die Perspektive der – und jetzt aufgehorcht: vermeintlich Schwachen, der Machtlosen, der Opfer vorkommen müsse. Das Wörtchen vermeintlich ist es, dass einem Fact-checking durch fröhliche KI zuwiderlaufen dürfte.
In Abgrenzung der Schwachen zu einer Realität, wie sie die Spitzenkraft gern ausgewogen dargestellt haben möchte, ist das Wörtchen vermeintlich, das in Frage stellt, ob es tatsächlich gesellschaftlich Schwache gibt, verräterisch. Es suggeriert – ein Trick unsicheren Journalismus‘, der sich nicht unschöne Gegenreden einfangen will -, dass es vielleicht gar keine Schwachen, Machtlosen oder Opfer geben könnte, die zum Beispiel durch den Rost der Sozialpolitik fallen. Da allerdings bleibt die Spitzenkraft, der es vor allem um Fakten geht, bevor Debatten einsetzen, ziemlich weit hinter den Fakten zurück. Ausgewogenheit, darauf sei hingewiesen, sollte auf keinen Fall hinter Fakten, also der Beschreibung der Wirklichkeit herhinken. Sonst ist es um die anfangs genannte Anwaltschaft unversehens geschehen.

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