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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Was FürEin Tag!

Irgendwer im Zeit-Orbit muss sich in einer recht vergnüglichen Stunde dieses Entree ausgedacht haben: Was für ein Tag! Jeden Abend stolpere ich drüber. Bringt die Newsletter-Ansage, die einem mit Ankunft der Mail ins Auge springt, meine nachrichtenhungrige Seele ins Straucheln. Was für ein Tag! wird dieser Seele entgegengeworfen…und sie ergänzt wie von selbst: So wunderschön wie heute. Die Zeit, dachte ich früher mal, geht m Detail behutsam mit der Zeit. Kriege, Krisen noch und nöcher. Nichts, worüber es sich auch nur ansatzweise freuen ließe. Doch das Hamburger Bürgermedium bleibt beharrlich bei seiner Schlageranleihe. Das Lied wurde 1952 von Walter Rothenburg getextet, Musik Lotar Olias. Ein Karnevalsklassiker. Für die Mainzer Hofsänger. Tausend Male geschmettert von Ernst Neger, Heino und Freddy Quinn.

Bomben im Iran, im Libanon. Bomben auf die Ukraine. Sterbender Wal und trudelnde Wirtschaftsministerin. Leistungskürzungen und alte weiße Männer, denen die Synapsen um die Ohren fliegen. Aber, hey!: Was für ein Tag! brüllt es mir vom Speersort unweit der Elbe entgegen. Da kommt gleich hinterm Papst-Bashing von Trump die Hey-was-für-ein-Tag-Frage Welche der Musikerinnen, Musiker und Bands, die dieses Jahr in die Rock N Roll-Hall-of-Fame aufgenommen werden, ist Ihr Favorit? Und anderntags vorm Buchenwald-Gedenken der kulinarische Zeit-Wochenmarkt mit Obst- und Gemüsebildchen. Die Ungarn-Wahl vor der italienischen Cover-Version von Deine blauen Augen machen mich so sentimental. Nebst trauriger Koalition. Es ist, man verzeihe mir diese ja aber nur weitere Geschmacklosigkeit, zum Schießen.

Seit neun Jahren gibt es diesen Newsletter schon, verrät die Zeit. Seit ein paar Jahren suchen wir von Montag bis Freitag ein unterhaltsames Meme für Sie, als kleiner Gruß zum Schluss. So heißt es zu einem Bildband, der Kunst und Kaviar mit Memes verbindet. Vielleicht ist es ein bisschen moralinsauer so zu denken. Aber muss man auf Biegen und Brechen auch in finstersten Zeiten an einem Format festhalten, dass auf gezwungen unterhalsame Weise den Schrecken mit dem Bunten verknüpft? Klar, kann man meinen, it’s constructive journalism. Halt auf kurios. Wir können ja nicht immer nur heulen. Kann sein. Was für ein Tag! freilich suggeriert, dass unsere Erde, auch wenn Köpfe rollen, immer noch irgendwo gleichstark Illustres bietet. Geht es freilich ein wenig intelligenter als in solch quasseliger Würfelbude?

Was für ein Tag, das weiß ich, lautet im Beginn des Originals So ein Tag… (so wunderschön wie heute). Aber es wäre wundersam, würde hier nicht ein Zusammenhang bestehen. Vielleicht wäre die vierte Zeile passender: Und wer weiß, wann wir uns wiederseh’n. Vor allem wenn überhaupt, und wenn ja, in welchem Zustand. Diese Frage stellen sich vermutlich schon eher die vielen Menschen, denen Was für ein Tag! stets auch Ungemütliches mitgibt. Etwa im bitteren Kontext des „Reform“eifers schwarz-roter „Sozial“politik. Mag sein, ein Bisschen Aufmunterung, die der Newsletter allabendlich bereit hält, schafft es irgendwie, die trüben Wolken aus unseren Köpfen zu vertreiben. Wären da nicht die anderen Newsletter der Zeit-Konkurrenz, die dafür sorgen, dass sich gleich wieder der dunkle Himmel der Trübsal über uns legt.



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