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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Amann Schlicht Unframed

Die neue Digital-Chefin der Funke-Zentralredaktion in Berlin, Melanie Amann, startet ihren Podcast Amann unframed. Und das offenbar völlig ungeskripted. Denn wie sonst sollte man auf die Idee kommen, zu den ersten Gästen des Gesprächsformats Ben Berndt, Harald Martenstein und Ahmad Mansour einzuladen. Ach ja: Gespräche, die den Rahmen sprengen, so lautet der vollständige Titel des Podcasts. Das sollte man nicht unterschlagen. Allein weil dies die intellektuelle Dürftigkeit des Starts ausmacht. Melanie Amann möchte, wie der Mediendienst Kress sinngemäß wiedergibt, mit ihrem Baby bewusst dem wachsenden Vorwurf einseitiger Berichterstattung und des Ausblendens unbequemer Stimmen, die gegen große Medienhäuser erhoben werden, begegnen. Offenbar mit einer einseitigen Gästeliste.

Das nenn ich einen gekonnten Konter! Es gehe um Offenheit, Reibung und echte Debatte, zitiert Kress die Digital-Kraft von Funke. Also: Raus aus der Schublade. Rein in die Diskussion. Amann möchte, wie es weiter heißt, verstehen, wie Gesprächspartner*innen, manche unfair geframed, zu ihren Positionen gekommen sind, wie sie sich selbst sehen und ob sie ihr Handeln hinterfragen. Das ist jetzt auch ganz wichtig, weil man ja nirgends erkennen kann, ob sie etwa letzteres tun. Sie tun es nicht. Kann man lesen, ohne dass Melanie Amann auch nur eine Minute ihres Formats verschwenden müsste. Aber angebrachter ist es, zum hundertsten Male die Haltungen von Berndt, Martenstein und Mansour durchzunudeln. Also zu wiederholen, was man von ihnen und über sie durch geballten Medien-Output längst schon wissen kann.

Lustig ist, was auch bei Kress steht. Nämlich dass Kritiker befanden, dass man Berndt, der in seinem eigenen Podcast ungeskriptet zuletzt mit Björn Höcke die rechteste aller AfD-Galions-Figuren eingeladen hatte, in der Debatte darüber nicht zu Wort kommen lasse. Das ist nicht krude, derlei ist, mehr fällt mir dazu nicht ein, völlig bekloppt. Ausgerechnet Berndt, der 1) hoch und runter zu seiner Talk-Strategie befragt wurde, die 2) laut seinen eigenen Auslassungen darin besteht, vor allem die anderen zu Wort kommen zu lassen – als Höcke viereinhalb Stunden unplugged, so durfte man erleben -, also selbst wenig zu reden und schon gar nicht zu hinterfragen, soll nun befragt werden und beredt Auskunft geben. Ich weiß nicht, ob das auf Amanns Mist gewachsen ist – oder ob sich das ein Plem-plem-Medien-Guru ausgedacht hat.

Es scheint mir eher, dass Amann, die sonst, beispielsweise in Talk-Runden von Caren Miosga, eine eher aufgeklärte und aufklärende Rolle spielt, sich irgendwie bei ihrem Premieren-Gast Berndt infiziert haben muss. Der aus meiner Sicht ein camouflierendes Geschäftsmodell aus Harmlosigkeit und politischer Provokation pflegt. Eine Mixtur, die es erlaubt, offenbar auch fragwürdigste Gestalten zu „beherbergen“. Harald Martenstein ist, soweit ich weiß, in nahezu allen liberalen Verlagen verbrannt. Seine Texte waren selbst für Meinungsvielfaltfreunde nicht mehr erträglich. Einer seiner Gipfel-Texte befand, dass das Tragen von Judensternen auf Corona-Demos sicher nicht antisemitisch sei. Da war denn auch beim geduldigen Berliner Tagesspiegel, wo der Müll in einer Kolumne stand, nach Leserprotesten Aus die Maus.

Aber viellicht hält es ja Amann wie damals die taz. In der eine Autorin meinte, das Löschen der Kolumne, das auf die Proteste folgte, sei feige und Leute wie Martenstein gehörten zur Debattenkultur. Das tun sie. Und das Löschen des Textes war sicher eine blöde Art, Dinge nicht geschehen sehen zu wollen. Man hätte Martenstein sehr viel früher von sich aus hinauskomplimentieren müssen. Mit dem Hinweis, dass sich sicher in aller Meinungsfreiheit andere Medien um ihn reißen würden. Das taten sie auch. Martenstein landete zielsicher bei der BILD. Derweil steht Ahmad Mansour kurz davor, eine Medaille für die authentischste Stimme gegen alles Islamische verliehen zu bekommen. Der deutsch-israelische Psychologe arabischer-palästinensischer Herkunft hat sich einen Namen gemacht, in dem er dem Islam in Deutschland sippenhaftige Nähe zum Islamischen Staat unterstellt.

Berndt, Martenstein, Mansour: Das ist ein Dreisatz, der politisch-mathematisch in ähnliche Richtung weist. Die da ist: Wir spitzen die Dinge mal bis zum geht nicht mehr zu, um anschließend die Unschuldslämmer zu spielen. Melanie Amann hat ihnen jetzt einen kleinen, aber feinen medialen Stall mit Heu ausgelegt. Auf dem sie, natürlich knallhart, ihrer Schafspelze beraubt werden. Aber, hoppla, sind sie das nicht längst? Ein Blick in Wikipedia oder meinetwegen KI, und die Funke-Digitalchefin könnte die wertvolle Zeit ihres Podcasts für Klügeres als für einen populäreren bzw populistischen Provo-Talk nutzen. Es gibt eine Menge Menschen, denen es tatsächlich verwehrt scheint, ein wenig Publikum für kluge Gedanken zu bekommen. Aber um die scheint sich niemand wirklich kümmern zu wollen.

Stattdessen schaut man in der Asservatenkammer, welche Quotenwaffen man entsichern könnte. Mal wieder. Nee, Frau Amann, originell geht anders! Andere (wenigstens tatsächlich ungehörte) in Meinungskämpfen erschöpfte Herren (eine Dame fand sich erstmal nicht in der Kress-Aufzählung) ließen sich offenbar nicht finden. Keine Spur von Einfallsreichtum. Das sollte Menschen eher zur Abstinenz bewegen. Ist jedenfalls zu hoffen. In der Reporterfabrik ließ man Amann in der ersten Folge des Workshop-Formats High Noon gegen Ulf Poschardt antreten. Etwa zur Frage, wie man rauskommt aus der eigenen Bubble. In einer solchen Bubble sucht sich, so könnte man meinen, Amannn ganz unframed einseitig einzurichten. In dieser Bubble sind Namen vor allem wichtig, wenn sie ordentlich Klicks bringen, Dafür ist auch das Trio Infernale recht. Auch wenn es da nix Neues gibt.



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