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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Jetzt Noch Fotografieren?

Ich bin ein begeisterter Leser der Prosa von Robert Seethaler. Echt. Seit dem Trafikant warte ich sehnsüchtig auf jedes neue Buch von ihm. Aber jetzt auch fotografieren? Och nö. Natürlich ist es Kunstschaffenden, auch Literaten gehören zu ihnen, gegönnt, sich auch auf anderen Feldern der Kultur niederzulassen als auf denen, auf denen sie bereits gesät und erfolgreich geerntet haben. Aber woher kommt der Drang, sich auch anderweitig profilieren zu wollen? Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin dafür, dass sich jeder und jede, nicht nur Künstlerinnen und Künstler, an Dinge heranwagen oder heranmachen, für die sie anderen zunächst fremd wirken. Aber muss es sein, dass damit gleich abgefärbte Aufmerksamkeit zuteil wird? Warum sieht, wer schreibt, das Fotografieren nicht als Hobby? Just for fun.

Nun ist es also geschehen. Robert Seethaler fotografiert. Da lässt sich nichts mehr zurückbiegen. War es das, weswegen jetzt das Kulturmagazin monopol seiner neuen vermeintlichen Profession auf die Spur gegangen ist? Wenn man seine Fotografien anschaut, die er erst seit Kurzem mache, sieht man diesen leisen Autor sofort, schreibt Tobi Müller. Nun, wahrscheinlich bin ich nicht bewandert genug. Aber ich sehe in den Fotografien nicht Seethaler. Und schon gar nicht sofort. Ich sehe da eher Fotografien, die vielleicht eine eigene, aber keine besondere Sicht auf die Welt, den Alltag in Berlin zeigen. Und als würde dieses Nichtbesondere den Tobi voll erwischt haben, kommt ein Text daher, notgedrungen, der mehr von der nichtssagenden Fotografie Seethalers hat, als von seiner wahrlich vielsagenden Prosa. Klingt böse? Sorry.

Kostprobe? Bitte: ...Kirchen, Schatten von Stühlen oder Bäumen, Porträts von alten, eher armen Menschen, vielleicht Wohnungslosen. In der ersten langen Serie ist es immer Winter, der in Berlin eine kleine Eiszeit war. Oder so: Manchmal bleiben dann nur noch Oberflächenstrukturen übrig, etwa von Leder aus extremer Nähe, oder vom Fell eines Pferdes. Und die Haut der Alten, meistens Vereinzelten, erzählt auch eine eigene Geschichte. Sind das die Einsamen, die auch Seeethalers Texte durchwandern, oder warum sieht man selten Gruppen, stets Einzelne? Mir hat mal ein Chefredakteur nach einem längeren Stück über einen Kaufhausdetektiven, der sich überschwänglich für meine journalistische Zuneigung bedankte, zugeflüstert: Da hat es der Mann aber gut mit Ihnen gemeint. Ich hatte in der Tat ein bisschen dick aufgetragen. Und empfand die Bemerkung meines Chefs fies, aber treffend.

Zumal es damals um meinen Beruf ging. Ich vermied stets das Wort Berufung. Denn berufen fühlte ich mich nicht, selbst wenn ich von meinem Schaffen leben musste und ja auch wollte, und entsprechend Herzblut ins Recherchieren und Schreiben legte. Ich beobachte seit jeher, dass es – mit wenigen Ausnahmen – bei anderen anders verläuft. Dort scheint sich eine Berufung, etwa als Autor oder Schauspieler, an die andere zu reihen. Wenn etwa Ulrich Tukur neben seiner Kunst vor der Kamera noch die Rhythmus Boys zusammenruft, dann hat das freilich für mich eher Spielerisches. Nicht grundlos nennt er die Gruppe augenblinzelnd Tanzkapelle. Aber niemand würde das überhöhen. Schon gar nicht Tukur selbst. Und wenn sie in der Music Hall von Worpswede spielen, dann scheint das wie musikalische Ironie.

Dabei könnte man es auch bei Robert Seethaler belassen, dem seine Ausritte in die Welt der Fotografie gegönnt seien. Aber im monopol noch krampfhaft eine Verbindungen seiner grandiosen Autorschaft zu seinen Fotografien herstellen zu wollen, ist doch ein bisschen, wie man in der Kultur im weitesten Sinne sagt: überkandidelt. Mir gehen diese übergreifenden und bisweilen übergriffigen Beweihräucherungen schon lange auf den Keks. Irgendwann dachte ich, müsste ich das mal loswerden. Und es ist ja nicht so, dass, wie beispielsweise beim Tukur-Kollegen Armin Mueller-Stahl, sich Alter mit Bescheidenheit mischt. Weswegen man seine Malerei in vorsichtigen Worten goutieren kann. Armin Mueller-Stahl selbst wirkt, wo immer seine Kunst gehängt wird, darob irgendwie nach außen fast peinlich berührt.

Tobi Müller aber übt fast schon Verrat, indem er textet, dass man angesichts Seethalers Fotografien und seines neuen Romans Die Straße, durchaus in Versuchung komme, die Fotografien als Bebilderung seiner Prosa zu verstehen. Das rückt, auch wenn Müller es nicht so gemeint haben dürfte, schon nahe an Beleidigung. Mir war es, man kennt es vor allem aus harmlosen Lyrik-Bändchen in zarter Leinenoptik, immer ein Graus, wenn Literatur bebildert wurde. Weil derlei Schmuck oft Hinweis drauf war, dass die Worte nicht taugen und man sich anschickte, sie also hübsch zu flankieren. Das ist bei Robert Seethaler mitnichten der Fall. Und also der Satz von Tobias Müller mehr ein Fauxpas, als kenntnisreich. Vielleicht ist es so, dass nicht alles, was ein Künstler noch so macht, ins Schaufenster sollte. Sonst landet er eines Tages noch am Campinggrill in einer dieser prominenten TV-Kochshows.



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