Viele in der Medienwelt sinnieren dieser Tage drüber, ob der jüngste SPIEGEL-Titel mit dem Konterfei des AfD-Manns Ulrich Siegmund und der Mahnung: Der gefährlichste Mann Deutschlands so geschickt war. Und ob er nicht eher hilft, den Spitzenkandidaten der Rechtsextremen zur bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als AfD-Galionsfigur über das Negativ heilig zu sprechen. Es ist ein immer wieder bemühter Vorwurf, der besagt, zu viel Aufmerksamkeit, in welcher Richtung auch immer, würde die AfD und ihre Anhänger eher bestärken. In diese Kategorie fällt auch der Brandmauer-Streit. Ist die AfD durch Abgrenzung etwa schwächer geworden? Nein. Die Frage freilich, ob sie nicht auch ohne Abgrenzung stärker geworden wäre und wird, sie wird gar nicht erst gestellt. Sie aber führt zum Kern ihrer Politik.
Wenn es eine wirklich gerechtfertigte Kritik an der SPIEGEL-Aufmachung gibt, dann müsste sie die Frage stellen, ob der Inhalt des Beitrags hält, was der Titel verspricht. Oder ob die Geschichte belegt, was Siegmund-Freunde wie der Ex-Spiegel Kulturchef Matthias Matussek, der heute zum Lager der Neuen Rechten zählt, in der Weltwoche unterstellt: Ein kläglicher Plopp. Oder was sein Bro im Geiste, Ulf Poschardt, meint: Armselig! Derlei Angriffe waren erwartbar. Sie kommen aus einer Ecke, die eher offen als heimlich Ulrich Siegmund und seiner Partei den politischen Durchmarsch wünscht. Oder aus rechts-konservativem Antrieb Medien wie dem Spiegel den Teufel an den Hals kommentiert. Derlei giftige Rufe vom Spielfeldrand werden umso entlarvender, je stärker die Story hinter dem Titel ist. Genau das gilt es zu betrachten.
Und da hat die SPIEGEL-Geschichte Schwächen. Man kennt es von Lehrlingen der ungeachtet der braungefärbten Vergangenheit ihres Namensgebers renommierten Henri-Nannen-Schule. Die heute, auch nach Streit um Nannens NS-Vergangenheit, als eine Art journalistische Kaderschmiede gilt. Aus ihr gingen unzählige vielgekürte Reporter:innen hervor. Wenn der Schule freilich ein Makel angeheftet wurde, dann der, dass man dort alles über die Kunst der deutschen Sprache lernte. Über Dramaturgie. Dass sie quasi ein Schönschreib-Institut war. Das freilich nahelegte, Eleganz mit Relevanz zu verknüpfen. Und dass man stets an der Wahrheit entlang texten muss. Doch das, was in Fakten, Fakten, Fakten und heute im Investigativ-Journalismus seinen Ausdruck findet, spielte, so besagen Stimmen, eine eher untergeordnete Rolle.
Der SPIEGEl, einst, ihm ehedem geradezu ritterschlaghaft ans Revers geheftet, das Sturmgeschützt der Demokratie genannt, hat sich über die Jahre zunehmend in eine Schönschreib-Werkstatt verwandelt, begleitet von allerlei auch konträren Haltungen. Vom ehemals knallharten Fakten-Betrieb ist immer weniger zu merken. Nicht ohne Grund ging dabei das Gespür dafür verloren, wie wichtig es ist, gute Formulierungskultur durch noch bessere und in jeder Hinsicht enthüllende Faktenkultur zu untermauern. Und Geschichten, wie es in der Branche heißt, daraufhin abzuklopfen. Die Relotius-Affäre legt Zeugnis von einer problematischen Verlagerung der Gewichte ab. Fakten allerdings sind, allemal dann, wenn man den gefährlichsten Mann Deutschlands im Visier hat, das Fundament journalistisch erfolgreicher Breitseiten.
Sonst kann man auch die Ostdeutsche Allgemeine und ihre Gefühlsduselei lesen. Deren harmloses Tino-Chrupalla-Porträt in einer ihrer ersten Ausgaben hatte es darauf abgesehen, dem AfD-Spitzenpolitiker eine derart menschliche Seite zu geben, dass man seine rechte Gesinnung, ebenfalls gefährlich für Deutschland, als unbelesener Leser glatt vergessen konnte. Der Versuch des SPIEGEL, es hinsichtlich Ulrich Siegmund genau anders zu machen und also den Wolf im Schafspelz zu zeigen, ist nur mäßig gelungen. Viele mögen auch meinen, eher nicht. Es ist nicht einfach, die Stimmung um einen wie Siegmund einzufangen, und sie zugleich als gezielte Tarnung seines politischen Auftrags von den Schultern zu reißen. Dass AfD-Politiker:innen freundlich und, soweit männlich, saubermännisch wohlgescheitelt daherkommen, muss man daher nicht unnötig ausufernd beschreiben.
Wichtiger wäre es, das, was sich dahinter verbirgt, minutiös und ohne Schönsprache freizulegen. Denn der gefährlichste Mann Deutschlands ist Siegmund derzeit, weil er ansetzt, die demokratie- und rechtsstaatsfeindliche Agenda der AfD, ihren fragwürdigen Kulturkampf gegen jedwede demokratischen Institutionen im Land, der auch hinsichtlich unseres Grundgesetzes zweifelhaft erscheint, in Regierungsmacht zu gießen. Er ist nicht freundlicher und gefährlicher als andere Protagonist:innen seiner Partei. Seine Freundlichkeit, hinter der sich das unfreundliche Beugen unsere gesellschaftlichen Regeln versteckt, ist gefährlich, weil damit erstmals Machterübernahme verbunden ist. Diese Gefahr ist nicht damit beleuchtet, dass man schlicht Außen-innen-Widersprüche reportiert, sie könnten als clever herhalten.
Vielmehr hätte es der SPEGEL-Story gutgetan, das, was sie eher zwischendrin erwähnt, deutlich gravierender in den Mittelpunkt zu stellen. Und Siegmunds rechtes Netzwerk, das ihm politisch Halt und Rückendeckung bietet, nach allen journalistischen Künsten auseinanderzunehmen. Das Entré der Titel-Geschichte zieht sich gefühlt ewig hin. Es rückt all das ins Licht, was Siegmund für mehr als 40 Prozent wählbar macht. Süffisante Klima-Zitate und Quer-Schläger zur Identitären Bewegung verpuffen im Simpson-Strom. Anhänger dürfen erzählen, was ihnen an Siegmund so gut gefällt. Bürgerdialog, Vortragsabend, Familienfest. Derlei Begriffe drängen das Ziel vom autoritären Umbau der Gesellschaft, das erwähnt wird, vergleichsweise in den Schatten. Selbst Linke seien neidisch auf die Performance, lässt der SPIEGEL wissen.
Volksnah gebe sich der AfD-Mann, der immer gut aussehe, anders als andere Politiker, die in zehrenden Wahlkämpfen dick oder dünn würden. Die längst nicht mehr originelle Schwiegersohn-Nummer wird rangeschleift wie das Helfer-strömen-nach-Sachsen-Anhalt-Fieber und damit verknüpft der Siegeszug eines durchschnittlichen Kleinstadtmenschen. Mit wohlbehüteter Kindheit, dem seine Eltern beigebracht hätten, dass nichts vom Himmel fällt, ein gewisses Unrechtsradar inklusive. Es folgt die Familien-Sage mit Schulschwarm. Dann kommt, geprägt von Machtinstinkt, die Polit-Zeit. Auch sie ziert ein bürgerlicher Rahmen mit Distanz zu rechtsradikalen und nationalen Bewegungen. Erst in der Corona-Pandemie dann der Vertrauensverlust in Teile der Medienlandschaft und politische Institutionen. Nur: Das haftet auch Otto-Normalbverbraucher:innen an.
Bis hierhin ist also von allem anderen die Rede als vom gefährlichsten Mann Deutschlands. Erst über weitere Girlanden vergleichweiser Harmlosigkeit führt die Geschichte Leser:innen zu dem Netzwerk neonazistischer Männer, das Siegmund umgibt. Nicht ohne den Hinweis, dass es dem gefährlichsten Mann Deutschlands piepegal ist, was in eh staatshörigen Medien über ihn berichtet wird. Damit bricht das mögliche Investigative schon wieder ab. So wird fortgefahren, im Plauderton, mit der Übernahme von Adjektiven, die ihm im guten Licht anderer dastehen lassen. Bis es – endlich! – zum Programm der AfD geht, das allerdings frei verfügbar im Internet nachzulsen ist und auch nichts enthält, das über Bekanntes hinaus bestürzt macht. Zitate, die man anderswo schon gelesen hat. Ulli, Ulli-Rufe. Dann wieder auf Anfang.
Nein, liebe Kolleg:innen des SPIEGEL. Eure Story liest sich gut. Sie ist gut geschrieben und lässt nochmal (!!!) hinlänglich bekannte Etappen eines rechten AfD-Karrieristen Revue passieren. Bis in die Gegenwart hinein. Aber warum Siegmund der gefährlichste Mann Deutschlands ist, was ja stimmt, aber deswegen, weil seine Person für eine politische Zäsur steht, die erste rechtsextreme Zäsur in unserem Land seit dem Ende der Nazi-Herrschaft, bleibt ausgespart. Siegmund ist der von der AfD gewählte mögliche rechte Tribun der gefährlichsten Partei Deutschlands. Ein harmlos daherkommender rechter Handlanger führender Hintergrund-Köpfe. Höcke, Weidel. Sie geben den Ton an. Und haben eine funktionierende Marionette gefunden. Das hätte man Menschen sagen lassen können, die Ahnung von derlei Dynamik haben.
So aber verpasst die Geschichte die Chance, tiefer zu gehen, als es auch andere Medien tun. Und dafür, mit Verlaub, ist der Titel vom gefährlichsten Mann Deutschlands dann doch kontraproduktiv zum Mangel an journalistischer Schürfkraft. Denn diesen gefährlichsten Mann Deutschlands gibt es vor allem, weil im Hintergrund die gefährlichste (Neue) Rechte Deutschlands ungebremst am Niedergang der Demokratie arbeitet. Weil solche wie Ulrich Siegmund im rechten Räderwerk ihren Dienst tun, wie es ehedem Nazi-Politiker taten. Sie reihten sich opportunistisch in die braunen Reihen ein, je blonder, desto wirkungskräftiger. Im Zweifel war die Haarfarbe egal. Es wäre zielführender gewesen, das heutige Räderwerk unter die Lupe zu nehmen, als oberflächlich zu beschreiben, was jeder weiß. Ein Titel ist noch keine Geschichte.

Hinterlasse einen Kommentar