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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Merz‘ Sauerländischer Dreisatz

Kennen Sie den sauerländischen Dreisatz? Niemand beherrscht ihn so perfekt wie Bundeskanzler Merz. Dieser Dreisatz geht so: Wir sind zutiefst schockiert und können nicht zur Tagesordnung übergehen (1). Deswegen ist meine Entschlossenheit, den Reformkurs fortzusetzen, ungebrochen (2). Und (3)? Gibt es nicht. Müsste heißen: Und weil ich nicht kapiert habe, dass (1) und (2) ein komplett dämlicher Widerspruch ist, trete ich zurück. Weil aber der Bierdeckel-Sauerländer nun, sagen wir mal, nicht wirklich gut zählen kann, nahm sich die Pressekonferenz des Kanzlers nach der Wahl in Sachsen-Anhalt, freilich auch das nicht neu, wie eine Satire aus. Die Rechte siegt vor allem wegen der desaströsen Politik in Berlin, was quasi wie der AfD den Ball auf den Elfmeterpunkt gelegt ist, und Friedrich Merz, dem über Jahre selbst aus den eigenen Reihen niemand so richtig den Kanzler-Job zugetraut hat, bestätigt alle Ressentiments ihm gegenüber.

Weil er aber der Friedrich ist, der nun mal mit dem Lars, also dem Mann, der Kanzler ist, wenn Merz mal nicht kann, regiert, müssen Land und Leute mit dem klarkommen, was der Sauerländer so auf der Pfanne hat. Potthucke nennt man das, wo Merz herkommt. Deftiger Kartoffelkuchen aus Kartoffeln, Speck, Sahne und Mettwürstchen. Es ist nicht gerade die feine Küche, die die Menschen aus dem Landstrich da auf den Teller hauen. Sich und anderen. Aber sie halten es für haute cuisine. Das ist es denn, was den Kanzler so völlig abstinent gegen guten Geschmack macht. Sonst würde er merken, welchen Unsinn er da in wenigen Sekunden Abstand von sich gibt. Aber er merkt nichts. Spürt nichts. Denkt sich nichts dabei. Nur, dass es irgendwie weitergehen muss. So irgendwie wie in Sachsen-Anhalt eben. Auf jeden Fall mit ihm. Dem Kanzler, dessen Politgewäsch ihm jetzt wie Potthucke um die Ohren fliegt.

In diesem Sinne darf man befürchten, dass sich zum einen auch fürderhin in der Sozialpolitik nichts tut, was für den Menschen sein möge. Und dass zum anderen, die Weidel-Truppe auch 2029 auf der Simson zum Wahlsieg brettert. Und die SPD? Klammert sich weiter daran, dass man einstellig wenigstens an die zehn Prozent kommt. Für derartige Hoffnung hätte die Basis ihre Führungskräfte vor Jahren noch durch den Fleischwolf gedreht. Heute aber scheint es solch eine Basis gar nicht mehr zu geben. Der Lars, der unbestätigten Berichten zufolge Gefallen an Potthucke gefunden hat und in seinem Amt sprichwörtlich aufgeht, klammert sich nicht nur an höhere Einstelligkeit, sondern auch an sein Amt, von dem er tatsächlich glaubt, so um die neun, vielleicht 13 Prozent rechtfertigten seinen Verbleib an Parteispitze und in der Regierung. Die Basis scheint darob völlig unaufgeregt.

Während also Union und SPD weder den Dreisatz beherrschen und dem Neoliberalismus max dazu verhelfen wollen, sich zumindest einen sozialen Anstrich zu geben, spricht Heidi Reichinnek im Interview mit der ARD nicht etwa mit dem Moderator, der ihr gerade eine Frage gestellt hat. Sondern sie flötet munter und stets gleichgesichtig direkt in die Kamera. Zum Volk. Habt keine Angst ihr Menschen da draußen, wir sind bei euch. Die Linke, die in Sachsen-Anhalt auch Federn lassen musste, aber wo Federn sind, da fliegen wenigstens Vögel. Hey, ihr, wir sind bei euch. Wir lassen euch nicht allein. Luigi, der Partisano, sorry Pantisano, betet für euch jeden Abend aus dem Manifest. Nun, da wird sich der VW-Arbeiter freuen, dem gerade der Job unterm Hintern weggekürzt wird. Wie war das nochmal? Wollte Die Linke nicht vor den Werkstoren stehen? So jedenfalls rühmten sich diverse Klassenkämpfer im Zentralorgan Jacobin.

Und die Grünen? Aus dem verhältnismäßig weit entfernten Ländle weht das Narrativ vom Beben herüber in den Osten. Das muss für alle demokratischen Kräfte bedeuten, dass nichts mehr bleiben kann, wie es ist, dass wir unsere Politik und unseren Politikstil grundlegend überdenken müssen, sagt ausgerechnet Ministerpräsident Cem Özdemir, der als jene Sorte Politiker gilt, der grüne Politik schwarz anstreicht. Vielleicht ist er ja nah beim Trauzeugen und Berater Boris Palmer. Der spricht von der Rache des abgehängten ländlichen Raums. Der Angst vor Überfremdung. Russischem Gas, das man kaufen müsse, und no weapons to the Ukraine. Darüber muss man streiten. Das habe mit Faschismus nix zu tun. Da ist er wieder, der Boris, dem Özdemir im Zweifel respektvoll Vertrauen schenkt. Aufs der grünen-Zentrale derweil nur empörtes Gemurmel. Über die AfD. Und allerlei Zuspruch für die eigenen Reihen.

Velten Schäfer, ein BSW-Getreuer beim Freitag, hat derweil eine prima Idee für einen Neuanfang. Warum, wenn das mit einer BSW- und AfD–Projekt-Regierung in Sachsen-Anhalt nicht klappt, die Wagenknecht-Vision von einer überparteilichen Regierung nicht an andere verscherbeln. Die Linke, nach Wahlergebnis eher auf absteigendem Ast, könnte sich neue Meriten verdienen, indem sie sich hier anschließt. Und all die verhassten Altparteien gleich mit, die das BSW gestern noch ans Kreuz nageln wollte. Weil es mit den Rechten nichts zu werden scheint, schmeißt sich Schäfer schonmal stellvertretend ans bürgerliche Lager ran. Headline: BSW-Angebot an CDU, SPD, Grüne und Linke: Mehrheit ohne AfD nutzen. Sagt mal, liebe Wagenknecht-Freude, geht’s noch dümmer? Gestern wolltet ihr die Union zur Hölle schicken, heute mit ihr irgendwas mit Projekt machen? Das ist ja fast so deppert wie der Sauerland-Sprech.



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