ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


FAZ-Autor Für MDR-Vaterlandsliebe

In Magdeburg machen Läden dicht. Der MDR sendet ohne Ton und mit Schwarz-Bild. Protest gegen das, was droht, wenn sich die AfD in Sachsen-Anhalt künftig durchsetzt. Für Simon Strauß, Redakteur der FAZ, sind das alles Angsthasen, Vaterlandsverräter. So lässt es sich sinngemäß an seinem Kommentar dazu ablesen. Weil Simon Strauß auch vielbeachtete Prosa schreibt, die, wie es Prosa eigen ist, nicht unwesentlich aus Fantastischem schöpft, sollte man meinen, dass sich seine Kritik in entsprechenden Bahnen bewegt. Statt dessen wirkt sie, nun: Irgendwie erschöpft. Wenn er gewissermaßen zu einem längst müden Kalauer gegen die ansetzt, denen die Vorstellung, die AfD könnte demnächst zum ersten Mal in einem Bundesland mit absoluter Mehrheit regieren, ein Graus ist. Und der geht so: Wer abschaltet, schaltet die Rechten an. Tausendmal gespielt, tausendmal gehört. 

Dass der MDR, dem andere Mut attestieren, wenn er angesichts der rechten Kultur-Agenda eines Ulrich Siegmund und seines Einflüsterers Hans-Thomas Tillschneider mit Schwarzblenden Farbe bekennt, denn zur Agenda gehört auch eine Art Abwicklung des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ist für Strauß Anlass, vom letzten Gefecht zu sprechen. Immer wieder ist zynisch davon die Rede, dass es jetzt besser wäre, wenn die AfD die absolute Mehrheit bekäme, denn dann würde man zumindest nicht in irgendwelche kompromittierenden Regierungsbildungen verwickelt, lässt Strauß zur Politik wissen. Mehr Angst als Vaterlandsliebe – so hätte man das wohl früher genannt, als Vaterland noch ein Begriff war, den nicht deutsche Russlandpatrioten gekapert hatten. Vaterland ist jetzt AfD-Heimat. Ach, würde sich nur auch beim MDR Vaterlandsliebe gegen Ängste behaupten. Von wegen den Rechten zum Trotz? Auch im größten Zweifel eher ihnen zuliebe.

Denn Simon Strauß ist einer, dem Angst fremd ist, also sollte sie auch anderen fremd sein. Sieben Nächte von Simon Strauß, das war ein Buch, das die Kommentar-Länge der FAZ gesprengt hätte. In dem er freilich sein ganzes Arsenal an Heimat-mystifizierenden Sätzen ausgepackt hat. Neoromantisch, pathoslastig, Schicksal, Wehrhaftigkeit, Freund-Feind-Geraune und – ja: Heimat; das waren Stichworte, mit denen Kritiker:innen Strauß vorwarfen, seine Prosa setze gleichsam Denkmäler und Denkmuster der Neuen Rechten, wie es (selbst) Künstliche Intelligenz treffend zusammenfasst. Vorwürfen nostalgischer Weltflucht stand die Verteidigung entgegen, wonach Strauß literarische, suchende Texte liefere, die existenzielle Fragen nach Sinn, Gemeinschaft und Sehnsucht stellen, anstatt starre politische Programme zu formulieren. Für Vaterlands-Seelen ist der MDR und sein bei allem Mut doch noch zaghafter Protest zu plakativ. 

Seiner Weltflucht-Prosa, die im Gewand einer gewissen Zugewandtheit gegenüber angstfreier Annäherung ans rechtswabernde Lager daherkommt, wird Simon Strauß erwartungsgemäß auch in seinem Kommentar gerecht. Dabei holt er weit aus. Herbert Grönemeyer, Sandra Hüller, Busse, die jetzt durchs Land führen, um auf die potentiell verheerenden Folgen der AfD hinzuweisen, erinnerten doch sehr an den britischen Wahlkampf vor dem Brexit. Auch damals hatte man den Eindruck, Gegner des EU-Ausstiegs hätten nur dystopische Drohszenarien im Angebot, während die Befürworter des radikalen Bruchs mit dem Gewohnten von Neuheit und blühenden Landschaften schwärmen konnten. Der Brexit kam. Ergo gelte: Die politische Anziehungskraft von Warnungen vor dem, was Schlimmes passieren könnte, wenn die politischen Gegner gewinnen, hält sich in Grenzen.

Was das mit der AfD zu tun haben könnte? In Sachsen-Anhalt geschehe nun gerade genau das, was die Parteistrategen unbedingt verhindern wollten: Es verdichte sich der Eindruck, dass alle anderen Parteien vor allem vor der AfD warnen, während die AfD freihändig Simson-fahrend mit breitem Grinsen und großem Abstand am Wahlsonntag als Erstes ins Ziel knattert. Soweit zur Kraft Simon Strauß’scher Prosa. Die freilich dann schon der vermeintliche Höhepunkt des Evergreens vom Abschalten, das die Rechte anschaltet, ist. Letzte Felle schwämmen davon, es würde um Solidarität gebettelt, Titanic-Kapellen spielten da auf – dabei müsste der MDR doch nur Eines: Senden, senden und immer noch besser senden, auch wenn alle anderen schon ängstlich vom sinkenden Schiff springen. Denn wenn es nach Simon Strauß geht, gilt: Der Kapitän geht als Letzter von Bord. Und sei es aus Vaterlandsliebe. Und sei es der AfD zum Gefallen.



Hinterlasse einen Kommentar