Ein polemischer Nachruf auf den ESC und den Wal Timmy. Muss sein!
Ich weiß nicht, inwieweit ich vielleicht zu spaßbefreit bin. Aber was in diesen Tagen in Sachen ESC und Wal Timmy medial abgeht, ist weder kulturell noch politisch zu fassen. In dem einen Fall, ESC, geht es nicht mehr wirklich um Musik. In dem anderen, Wal Timmy, nicht mehr wirklich um das Tier. In beiden Fällen handelt es sich nurmehr um Transmissionsriemen für Dinge, die sich außerhalb der Reichweite intellektueller Bodenhaftung bewegen. Ginge es in dem einen Fall um Musik – es ließe sich nicht ernsthaft über Qualität reden. Was zu hören ist, ist – mit Verlaub – Schrott! Ginge es im anderen Fall um das Tier – es ließe sich nicht ernsthaft über die Liebe zur Fauna diskutieren. Der Wal wird seines natürlichen Daseins beraubt und zum Ocean-Model. Mit dem dämliche Touristen ihr Selfie-Unwesen treiben.
Wenn dem ESC noch irgendetwas abzugewinnen sein sollte, dann ist es eine tiefgreifende Erkenntnis: Davon, dass selbst größte musikalische Zumutung anscheinend gut dafür ist, in politischer Weltlage zu räubern. Unter pazifistischen Gesichtspunkten könnte man allenthalben meinen, dass sich die Auseinandersetzungen, vor allem im Nahen Osten, ja zumindest weniger vor Waffen strotzend auf und vor die Bühnen des internationalen Wettbewerbs verlagert haben. Von einem Musik-Wettbewerb kann nur sprechen, wer der Triangel nicht mächtig ist. Nachhaltigkeit erschöpft sich auch nach dem Kulturschwundereignis in Wien in mediokrem Schlagabtausch zugekiffter Feuilleton-Darsteller in der Frage, ob die Welt nun besser oder schlechter geworden sei. Und ob das Spektakel Teil von Diplomatie oder Krieg ist.
Wenn dem Wal Timmy wenigstens noch so etwas wie ein Trost bleiben sollte, dann der, dass Alles – anders als die sprichwörtliche Wurst – ein Ende hat. Auch politische oder pseudo-wissenschaftliche Tierquälerei. Dass nun, da der Wal auf Grund uferfernen Dilettantismus‘ endgültig vom Unwesen der Öffentlichkeit befreit schien, doch nochmal die ganze ballermannsche Wucht auf seinen Rücken trat, zeigt, wie gnadenlos im Meereshospiz gewütet wird. Man möchte den Menschen, die auf Körper und Seele des Tiers herumtrampeln, wünschen, dass sie mit ihm untergehen. Verdient hätten sie’s. Er, der Wal, nicht. Denn wenigstens die letzte Ruhe, von der immer die Rede ist, sollte ihm vergönnt sein. Es wurde gewarnt, er könnte xplodieren. Vor Wut, möchte man meinen. Und man könnte ihn wohl mehr als gut verstehen.
Es reicht der Welt offensichtlich nicht an Krisen und Kriegen. Es muss noch explizite populäre und populistische Quälerei dazu kommen. Damit auch der letzte Winkel kapiert, dass er sich nicht unbeschadet aus all dem Wahnsinn raushalten kann. Zu diesem Zweck hat man ja schließlich den ESC erfunden. Zu diesem Zweck lässt man auch einen Wal Timmy nicht so einfach sterben. Es scheint, als braucht es diese Art Quälerei, um dazwischen und danach das andere und das persönliche Chaos als Oase der Wellness zu empfinden. Dass am Tag nach dem ESC sich Spalten selbst linker Medien revueartig füllen, zeigt, zu welchem Ausmaß auch die Journaille fähig ist. Und wie sie sich zum Büttel einer Industrie macht, die es versteht, selbst schlechte Kultur, Kriege und Tierfolter im live-stream unter einen imaginären Hut zu bringen.
Es scheint mir ein gutes Zeichen, dass sich in diesem Jahr fünf europäische Länder aus dem diesjährigen ESC ausgeklinkt hatten. Und das zum sage und schreibe 70.Jubiläum! Wenn alles gut geht, wird man das 80. gar nicht mehr feiern. Auch wenn der ESC manchen als Hort jedweder Vielfalt gilt. Es gibt anspruchsvollere Gelegenheiten. Ohne sich fragwürdiger Verwertbarkeit, ökonomischer und politischer, zu beugen. Sie steht dem Ansinnen von Diversität eigentlich diametral entgegen. Aber das Fieber, mit dem sich da jährlich Weltbürger infizieren lassen, scheint alle Integrität abzufackeln. Da geht es beim ESC zu wie beim Wal-Rettungs-Projekt. Überschwang kann bewusstlos machen. Das scheint für den Augenblick schmerzfrei. Aber die Nachwirkungen haben es in sich. Am Ende ist das nur was für Masochisten.

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