An Greta Thunberg scheiden sich die Geister. Das war bei den Klimaprotesten so. Und das ist jetzt wieder so. Da die Aktivistin mit ihrem Schiff nach Gaza gereist ist. Um Hilfe für die Menschen in dem komplett zerstörten Küsten-Streifen zu bringen. Und um ihre Empörung über die Politik der israelischen Regierung kundzutun. Die einen, häufig mit antideutschem Schaum vorm Mund, tun das Ganze als antiisraelische und antisemitische PR-Aktion ab. Die anderen gestehen Greta eine durchaus ernstgemeinte menschliche Attitüde zu. Und fragen sich, was daran so schlimm ist, wenn eine junge Frau, die zur Galionsfigur grenzübergreifender Aktionen geworden ist, ihre Prominenz in die Waagschale zunehmender Kritik am Vorgehen Israels wirft. Und, ja: nur spärliche Hilfe mit politischem Aufschrei verbindet. Beide Positionen finden sich dieser Tage im Berliner Freitag wieder.
Da ist der Autor Leander F. Badura, dem eine Art antideutscher Gehorsam gegenüber der israelischen Lesart in der Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten anhaftet. Und da ist Elsa Koester, die in Greta-Manie vieles ausblendet, was man durchaus kritisch an Aktionen der schwedischen Kämpferin auf hoher See betrachten könnte. Und auch an dieser Diskrepanz zeigt sich, dass vielleicht das eine und das andere in seiner Überzogenheit sich selbst keinen Gefallen tut. Indem es in gewisser Weise auf Gefallen setzt. Badura gefällt sich in der Rolle dessen, der auch noch in der kleinsten pro-palästinensischen Haltung irgendwo Antisemitismus zu entdecken vermag. Koester gefällt sich offenbar in der Rolle derer, die sozialromantischer Symbolkraft allemal etwas abgewinnen können. Einem Pathos, das bei vielen im Affekt Zweifel auslöst, ob es denn dabei wirklich politisch integer zugeht.
Jedenfalls spitzt sich das Für und Wider Greta Thunberg, mal wieder, derart in den Medien zu, dass es schwer fällt, hier einen eher distanzierten Blick zu wagen. Und vielleicht die Absichten zu erkennen, die hinter der ein oder anderen Sichtweise liegen. Badura etwa nutzt Berichte darüber, dass sich Greta bei ihrer maritimen Protestaktion mit Aktivisten an Bord schmücke, die in ihrer pro-palästinensischen Hybris Israel das Existenzrecht ab- und dem islamistischen Terror Sympathie zusprächen, um (mal wieder) seine Version des Antisemitismus zu verbreiten. Wonach jeder, der zuerst die Lanze für Palästinenser*innen bricht, jüdinnen- und judenfeindlich ist. Koester wiederum geht gar nicht erst darauf ein, dass Greta Thunberg sich womöglich wirklich allzu leichtfertig mit windigen Matrosen umgibt. Um menschlicher Geste und den Palästinenser*innen die Ehre zu erweisen.
Beides wird, so möchte ich es formulieren, den verheerenden Realitäten nicht gerecht. Wenn Badura alles, was an furchtbarer antisemitischer Gewalt in den vergangenen Jahrzehnten verbrochen wurde, zusammenfügt, um dies in Kontext zu Greta Thunberg zu stellen, wird das der zerstörerischen Gegenwart in Gaza nicht gerecht. Weil sich hier gerade eine Gewalt des israelischen Staats Bahn bricht, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Wenn Koester die Aktion von Thunberg über alle Zweifel erhaben schreibt, dann wird sie denen nicht gerecht, die weniger heroisch täglich fürs Überleben der Menschen in Gaza kämpfen. Der Konflikt, den Israel völkerrechtsfeindlich anheizt, in dem Minister wie Israel Katz seinerseits den Palästinenser*innen ein auch nur staatsähnliches Existenzrecht abspricht, eignet sich nicht für Positionen und Aktionen, die auch nur ansatzweise fragwürdig erscheinen können.
Manchmal hilft es ja, in Auseinandersetzungen politisch zu polarisieren. In jedem Fall hilft es, die Realitäten in Konflikten klar zu benennen. Um sich klar darüber zu werden, welche Gräben zu überwinden sind, um – auch über Proteste – zu Lösungen zu kommen. Selbst wenn dies nahezu aussichtslos scheint. Wenn allerdings Klarheiten in ideologischer Absicht, wie bei Badura, oder in auslassender Empathie, wie bei Koester, verloren zu gehen drohen, dann widme ich mich doch lieber Bemühungen, die abseits Aufsehen erregender Aktionen laufen, um das Schreckliche, das in Gaza, im Westjordanland und in Israel geschieht, doch noch irgendwie aufhalten zu können. Und derzeit vor allem Forderungen an die Staaten in der Welt, Israel zu Räson zu bringen. Wer den abscheulichen Hamas-Terror, zu Recht, verurteilt, kann vor der kriegerischen Gewalt der israelischen Regierung nicht Halt machen.

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