In schöner Regelmäßigkeit und in verschiedenen Konstellationen wird darüber debattiert, ob Boykott-Maßnahmen in politischen Konflikten hilfreich sind. In der taz hat dies jetzt Julian Weber getan. Er erörtert die Frage anhand eines Boykotts gegen US-Waren, den die Berliner Veranstaltungs-GmbH Columbia Halle und Columbia Theater (Club) ausgerufen hat. Wobei, wie er süffisant vermerkt, das Liedgut vom Klassenfeind weiter zu hören sein werde. Es also so etwas gäbe, wie eine strikte Unterscheidung zwischen US-Kapital und US-Kultur, wie Weber den Veranstalter zitiert. Denn, so der weiter, viele Künstler*innen sind selbst die lautesten Stimmen des Widerstands. Und US-Präsident Donald Trump interessiere, so sinngemäßt, Kultur einen feuchten Kehricht. Nicht aber, wenn’s an die Warenwelt gehe.
Julian Weber sinniert dann noch ein Bisschen darüber, wie das so ist, wenn der Widerstand nun ausgerechnet in Hallen proklamiert wird, die gegenüber dem Tempelhofer Feld liegen. Auf dem, als der Acker noch ein ordentlicher Flughafen war, die Rosinenbomber der Amis landeten. Und quasi Berlin vor dem Hungertod retteten. Und damit am Ende den Weg der Republik bis heute vorzeichneten. Ob es, wie Weber ausführt, irgendjemanden juckt oder nicht, dass jetzt hier US-Waren boykottiert werden. Ob es mithin jemanden juckt, wenn die Veranstalter an Andere appellieren, es ihnen nachzutun. Er stellt, wie sinnig, den iranischen Boykott der Straße von Hormus dagegen. Was sei im Vergleich dazu der Tresen-Boykott von Columbia. Auf diese Weise kann man natürlich rasch kleine Feuer gegen das System Trump austreten.
Nur, sorry: Wie blöd ist das denn? Niemand wird, das nehme ich doch mal stark an, glauben, dass mit lokalen Boykotts die wirre Politik von Trump, die nach Niemandes Eindruck geeignet ist, beispielsweise Mullah-Diktaturen zu kippen, und die die globale Wirtschaft ins Chaos stürzt, gestoppt werden kann. Aber vielleicht geht es einfach nur darum, Zeichen zu setzen. Einzelne Zeichen, die einem zumindest das Gefühl geben, nicht völlig ohnmächtig zu sein. Oder auch gemeinsame, etwas größere Zeichen, die helfen, sich Trump und Konsorten nicht komplett erlegen zu glauben. Andere Bewegungen haben ähnlich klein angefangen. Sind gewachsen. Und haben Eindruck entfaltet. Die Anti-Atom- oder die Klimabewegung. Mit Sarkasmus zu kuschen, macht auf den ersten Blick was her. Ist aber auf den zweiten eher schwach.
Grundsätzlich gilt: Wenn man denkt, der individuelle oder gesellschaftliche Boykott ist nicht (mehr) en vogue, dann könnte man auch denken, dass die vielfachen staatlichen Sanktionen, die Druck auf Regime, Systeme und ihre Protagonisten ausüben sollen, für die Katz sind. Die gegen Russland und seine Politiker und Oligarchen. Auch die Rüstungssanktionen, die es in kleinerem Rahmen mit Blick auf Gaza gegen Israel gab. Ebenso die Kennzeichnung von Waren aus den Siedlergebieten im Westjordanland gehören in diese Kategorie, weil sie uns ermöglichen, sie beim Einkauf in den Kisten liegen zu lassen. Wenn es darum geht, Signale gegen Ungeheuerlichkeiten zu setzen, sollte man m. E. nicht die eine gegen die andere Form des Gegenhaltens abwägen oder gar ausspielen. Sondern sie zusammensehen.
In Bezug auf die Boykott-Bewegung BDS, die immer wieder als politisch übergriffig und, weil sie die Menschen in Israel in ihrer Identität und Existenz trifft, von Vielen als antisemitisch verurteilt wird, ist der Boykott, das schrieb ich hier schon, nichts, worauf Widerstand bauen sollte. Und ausdrücklich bin ich der Meinung, dass Boykotts etwa von Künstler*innen nicht gleichsam den kulturellen Nerv eines Landes treffen sollten. Der ja nicht ohne Weiteres mit Regierungen und Regimen deckungsgleich ist. Aber Waren? Natürlich versucht Boykott, und sei es sehr begrenzt, an den ökonomischen Brettern zu sägen, auf denen unliebsame Systeme „ruhen“. Aber welche Waffe bleibt, wenn man nicht zur Waffe greifen will? Das galt bis vor Kurzen auch für Sanktionen gegen den Iran, die Viele für deutlich effektiver hielten.
Inwieweit wir die Mittel des Boykotts oder (als Staat) der Sanktionen nutzen und in ihrer Reichweite einschätzen: Sie sind allemal Mittel, die uns befähigen, nicht als Zuschauer am „Spielfeld“rand zu stehen, wenn Andere meinen, sie könnten mit uns und der Welt machen, was sie wollen. Denn das, so sei es dem taz-Autoren Julian Weber als kleiner Tipp mitgegeben, ist die schwächste aller Positionen. Sich tatsächlich noch mit dem Gedanken zu schmücken, mit einem Boykott wie dem der Berliner Columbia-Hausherren würde man sich auf populistische Weise denen angleichen, die die Straße von Hormus blockieren oder Zölle verschärfen, man könne ja also auch Irans Safranläden geißeln, ist dann freilich die Kür journalistischen Blödsinns. Der ist Lichtjahre von überzeugenden Argumenten gegen einen Boykott entfernt.

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