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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Tagesspiegel-Autorin Macht XfürUvor

Ich dachte erst, ich lese einen Gastkommentar von Julia Ruhs. Aber nein, es ist Karin Christmann, Vize-Chefin des Hauptstadt-Büros des Berliner Tagesspiegel, die sich zur Abkehr von SPD, Grünen und Linken von der Musk-Plattform X zu Wort gemeldet hat. Und die doch tatsächlich meint, dass der gemeinsame Schritt, den die Parteien hier vollziehen, die Abkehr von einer wertvollen Debatten-Kultur darstellt. Statt sich auf X an Diskussionen zu beteiligen, verdrücke man sich in seine eigene kleine Wohlfühl-Blase. Und weiche Menschen aus, die etwa zornig sind angesichts der Probleme, die durch Migration ins Land gekommen sind. Dabei sollte man diesen Menschen aufmerksam zuhören. Auf X! Wo man Austausch pflege, der relevant sei. Das will doch die Tagesspiegel-Autorin Karin Christmann nicht im ernst behaupten wollen.

Aber ja doch, tut sie. Aus ihrer Sicht ist X so etwas wie eine notwendige und deswegen unbedingt zu absolvierende Mutprobe. Gewiss, so Christmann, würde der Austausch auf X mehr als früher von Störgeräuschen überlagert. Es seien Bots dort unterwegs und es werde Propaganda betrieben. Doch wenn nichtmal Spitzenpolitiker*innen das aushielten, wer bleibe dann noch übrig, um schwierige Debatten zu führen. Und die Demokratie zu verteidigen. Fragt Christmann. Und merkt nicht, dass sie sich damit selbst die Antwort gibt: Niemand. Genau das haben vor SPD, Grünen und Linken längst schon auch andere begriffen, die sich von X abwenden. Im Übrigen auch Journalist*innen, die die geballte Niveaulosigkeiten leid sind. Karin Christmann aber winkt fröhlich aus dem Jammertal der Ahnungslosen.

Munter bleibt sie bei ihrem schlichten Stiefel. Wer da hineinsteigt, hat nach Auffassung von Christmann bei X nicht nur die Chance auf wertvolle Debattenkultur, sondern auch Aussichten auf geistige Läuterung. Wer dem anderen Lager nicht zuhöre, der kann auch nichts dazulernen. Wer die eigene Weltsicht nicht hinterfrage, der kann keine Fehler korrigieren. Dazu bedarf es nicht umständlicher Beschäftigung mit komplexen Hintergründen, wie sich ohne Fantasie aus den Worten der Tagesspiegel-Spitzenkraft herauslesen lässt. Sondern einfach nur der Bereitschaft, die Ohren hochzustellen. Und gern auch mal die eigene Weltsicht zu hinterfragen. Statt sich Diskussionen wie im Leistungskurs Gemeinschaftskunde zu wünschen. Her also mit dem prallen Social-Media-Leben! Und sich nicht im Kollektiv verstecken.

Damit spielt Christmann darauf an, dass SPD, Grüne und Linke ihren Exit vom Musk-Portal in einer untereinander abgestimmten Aktion, mithin durchaus öffentlichkeitswirksam, erklärt haben. Der Rückzug betrifft Partei-Accounts, Accounts der Fraktionen sowie zahlreicher einzelner Politiker*innen, wie auf tagesschau.de zu lesen ist. Teils sollen die Accounts offenbar nicht gleich gelöscht, sondern erstmal deaktiviert werden. Parteimitgliedern werde, so bei table.briefings berichtet, empfohlen, sich der Aktion anzuschließen. Alles freiwillig, wie es heißt. Einige prominente Parteienvertreter wollten, wie Medien berichten, zunächst nicht mitmachen. Dabei soll es sich um solche handeln, die über besonders viele Follower verfügen. Die Macht der Klicks scheint größer als konzertierte Einsicht. Wundern kann einen das nicht.

Chaos, Hass, gezielte Desinformationen: Auf dem Portal des US-Milliardärs geht es bisweilen zu wie in der AfD-Parteizentrale. Seine Unterstützung für rechtspopulistische Bewegungen und US-Präsident Donald Trump, auf die tagesschau.de hinweist; dass er Schutzmechanismen zurückbaute, nach eigenen Angaben mit dem Ziel ,die freie Meinungsäußerung zu fördern; dass er, so weiter zu lesen, deutsche Politiker beleidigt hat und die Inhalte von Rechtsextremisten verbreitete – ist SPD, Grünen und Linken Ansporn, dem Schlammstadl den Rücken zukehren. Warum, die Frage ist mehr als berechtigt, sollte man sich abmühen, der Dreckschleuderei etwas entgegen zu setzen. Auch AfD&Co haben ihre Wohlfühlportale. Unter anderem eben X. Und zehren im Zweifel noch von verlorener Liebesmüh.

Der Rückzug, schreibt Christmann, lasse unweigerlich den Eindruck entstehen,  dass diejenigen, die sich daran beteiligten, von anderen Weltbildern, von konträren Ansichten lieber nicht so sehr gestört werden wollten. Wenn dies helfen würde, das Portal, auf sich Rechtsextreme im Wissen, dass der Head-Of ihr Bro ist, auszuhungern, wäre das durchaus ein Gewinn. Es ist anstrengend genug, den Rechtspopulismus an anderen Stellen zu bekämpfen. Und wäre nicht schlecht, die vielen Fragwürdigkeiten auf X ins Leere laufen zu lassen, statt ihnen überall die von ihnen gewünschte Aufmerksamkeit zu geben. Was für ein Fehler! sagt dazu die Tagesspiegel-Vize-Hauptstadtstudio-Leiterin. Könnte ihr einmal jemand ein Bisschen die PR-Welt erklären? Und wie das so ist mit den Multiplikatoren, die keine sein wollen?

Dass Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Regierungs-Entourage laut dem Beitrag bei tagesschau.de bislang nichts davon wissen wollen, dem meist wichtigtuerischen bis nicht selten braunen Treiben auf X mit kraftvoller Ignoranz zu begegnen, lässt nicht darauf schließen, dass sie die Dynamik von Social-Media durchschaut haben. Die mehr und mehr zum Instrument des von rechts angezettelten Kulturkampfes wird. Dem einige am besten damit zu begegnen glauben, in dem sie ihre Kräfte auf Portalen wie X zerreiben. Wo Millionen unterwegs sind, kann demokratische Kultur auch vor die Hunde gehen. Soll es schonmal gegeben haben. Es gibt effektivere Wege, den Meinungsdiskurs zu bereichern. Ohne sich wegzuducken. Man muss deswegen nicht, wie Christmann, die untersten Schubladen füllen.



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