Es ist kein neues Phänomen, dass ehemals Linke sich in Wesen und Haltung wandeln. Man weiß nur nicht so genau, ob sie zuerst konvertieren und sich dann fragwürdigen Medien an den Hals schmeißen. Oder ob sie, etwa auf der Suche nach Selbstbestätigung, zuerst Tuchfühlung zu fragwürdigen Medien aufnehmen und sich dann schleichend politisch auf eine (oder die) andere Seite hinüberrobben. Oder zwischen allen Seiten mäandern. Was ähnlich widerlich ist. Denn vor allem auch, so wage ich zu behaupten, geht es darum, Aufmerksamkeit zu generieren.Und das kann man immer noch (und immer wieder) ziemlich gut, in dem man sich als Kronzeuge für Irrwege zur Verfügung stellt, die Medien gerne ausbreiten.
Gerade ist ein Buch auf den Markt geflattert, das als Beleg dafür gelten kann, wie dieses Opportunistenstadl funktioniert.Herausgegeben wird es von Ulli Kulke und Reinhard Mohr. Sie selbst sind lebender Beweis, wie das mit dem Konvertitentum läuft. Ulli Kulke, eigentlich Ullrich Kulke, hat eine rasante Entwicklung genommen. Einst taz-Redakteur und Referent bei den Grünen, hat er es über die Zeitschriften Natur und Wochenpost, über mare und Die Welt bis ins Getriebe der Achse des Guten geschafft, der publizistischen Wichs-Vorlage für rechte Gesinnung. Das Portal wird von Henryk M. Broder gesteuert, früher Spiegel, heute Kämpfer gegen alles, was nur den Anschein linken Anstrichs hat. Vor allem aber Kämpfer gegen Alles, was nach Islam riecht.
Reinhard Mohr hat eine ähnliche Laufbahn genommen wie Ulli Kulke. Erst war Mohr beim Frankfurter Pflasterstrand, der eng auch mit dem Namen Joschka Fischer verbunden ist. Dann ging es über taz, FAZ, Stern, Spiegel zu Cicero, die Welt am Sonntag und Neue Zürcher Zeitung. Dessen Chefredaktor Eric Gujer wurde vom Politfeuilletonisten Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung als jemand beschrieben, der das Kunststück fertig bringe, als Schweizer so deutschnational zu poltern, wie es in Deutschland selber niemand diesseits der AfD kann‘. In der Welt kritisierte Mohr die in fehlende Vaterlandsliebe in Deutschland als Integrationshindernis. Wer, so sinngemäß, nicht seine Nation liebe, könne die Liebe auch anderen nicht beibringen.
Kommen wir zu denen, die sich für die Sammelband von Kulke und Mohr hingegeben haben. Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider. Gemeinsam ist den Autor*nnen, die unter dem verheißungsvollen Titel Wenn das Denken die Richtung ändert aufgeboten werden, dass sie, jede(r) auf ihre/seine Weise provokant alte Gewissheiten abstreifen. Um es mit den Worten des Publizisten Andreas Püttmann zu formulieren: Die Milieugrenzen sind fließend. Er bezog sich auf Nahtstellen zwischen konservativ und rechts, klappt aber auch mit links und rechts/konservativ.
Die Grenzen sind dabei in der Tat ungenau. Sie auszureizen scheint aus Sicht der Buch-Autor*innen unterschiedliche Versuche wert. Mal mit Anbiederung an die Neue Rechte, mal mit pauschaler Islamfeindlichkeit, mal mehr oder weniger offen an Parolen der AfD gekoppelt, mal staatsräsonierend, mal im Sinne rechtsdriftenden Pochens auf ungezügelte Meinungsfreiheit, mal in streitbare Satire verkleidet. Stets freilich in bisweilen scharfkantige Ressentiments gegenüber eigenen Vergangenheiten gegossen. Das mag erfrischend klingen, ist aber, da Konvertitentum keine Erfindung der Gegenwart ist, am Ende reichlich abgestanden. Ausführlichen Besprechungen steht das freilich nicht im Wege, die Rechnung von Kulke, Mohr&Co geht also auf.
Eine, die das Buch bespricht, ist Katharina Körting, die nach der Corona-Zeit ihre sonst linksliberalen, bisweilen genauen Betrachtungen der politischen Realitäten in Richtung Querdenker-Lager modifiziert hat. Sie bespricht das Buch mit (selbst)kritischer Süffisanz und entlarvt es als selbstgefälligen Aufguss dessen, was man aus den Ecken der Autor*innen nicht zum ersten Mal hört. Insofern ist ihr Urteil über einen bei aller Kritik lesenswerten, zeitgeschichtlich lehrreichen Band am Ende nicht ganz nachvollziehbar. Aber vielleicht ist es ja, egal, wo man steht, tatsächlich interessant, zusammengerührte neualte Feindschaft gegen links nochmal im Pack Revue passieren zu lassen. Warum gerade in Berliner Zeitung und OAZ, ist kein Geheimnis .
Es ist offenbar nicht nur den Autor*innen des im Kohlhammer Verlag gerade erschienen Buches wurscht, Hauptsache gedruckt. Sondern auch Katharina Körting, wo sie ihre nicht unbrillanten Sätze loswird. Noch voriges Jahr hat sie im Freitag keinen Verriss, aber einen doch teils abständigen Beitrag zum Schaffen und Wirken des Verlegers Holger Friedrich geschrieben. Jetzt nimmt sie ausgerechnet dort, wo Einfalt Programm ist, das Kulke/Mohr-Buch in Betracht. Das kann man als Ausdruck besonders cleverer Finesse werten. Oder dann doch als in den Kinderschuhen befindliche Hingabe zur schlicht gestrickten Welt des Verlegers Friedrich. Der, davon darf man ausgehen, sicher das, was in dem Buch steht, toll gegen den Strich gebürstet findet.
Es wäre nicht das erste Mal, dass sich auch Buchbesprecher*innen mit Blick auf Objekte ihrer Kritik Gefahr laufen, sich mit ihnen anzufreunden. Schon allein dadurch, dass sie ihnen Aufmerksamkeit schenken. Ich, ich, ich befand der taz-Autor Stefan Reinecke, der das Buch las, über die am Ende eher biedere Selbstdarstellung der Autor*innen. Die im Übrigen in anderer Fassungen antiquarisch zu erwerben seien. Was das gequälte Aufmerksamkeitsheischen durch Anbiederung an konservativ-rechte Narrative unterstreicht. Nicht verstehen will ich den Befund, dass manche vom linken Kollektivdenken zu radikalisiertem Individualismus gewechselt sind. Denn allesamt haben sich die Autor*innen nur neuer zweifelhafter Massentauglichkeit verschrieben.
Man kann es hin und her wenden: Bücher wie die von Kulke und Mohr finden leicht ihren Markt. Bei Verlagen, Rezensenten, Medien. Auf diese Weise wird dann Ich, ich, ich doch zu einem, wenn auch zum Himmel stinkenden Wir. Und es wächst zusammen, was, wenn Einige das auch anders sehen mögen, zusammengehört. Katharina Körting verfasste unlängst einen Beitrag für den Freitag, in dem sie schreibt, warum sie Mitglied der SPD bleibe, bis zum bitteren Ende. Derlei Widersprüche verlaufen bei Vielen bis zum Lebensabschied ungelöst. Dies trifft, kann man sagen, auch auf die Protagonisten des genannten Buches zu. Sie verrennen sich im Ich. Und landen beim rechten Wir. Und schließlich in einer Buchbesprechung in Berliner Zeitung und OAZ.

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