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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Hillebrand Muss Bleiben!

In linken Kreisen durfte man früher Mitglied in allen möglichen „Vereinen“ sein. Es war die Hochzeit der K-Gruppen. Die Auswahl an Kampfgemeinschaften war, man kann es nicht anders sagen, immens. Marxisten, Leninisten, Trotzkisten, Maoisten rissen sich um frisches Blut und ideologiewillige Geister. Es gab Parteien, Gruppen, Untergruppen. Gegnerschaften wohl, man kratzte sich bisweilen gern die Augen aus. Aber nicht auf Leben und Tod. Denn nur millimeterweit rechts stand der Klassenfeind. Wer noch ein Leben neben der Revolution führen wollte, dem war zugestanden, Mitglied im Kegelclub (als Sammelraum der stets umgarnten Arbeiterschaft) oder im Kleingartenverein zu sein. Obschon die Zugehörigkeit zu Heckenschneidern das Spießertum touchierte. Es wurde als Teil notwendiger Unterwanderung hingenommen. Gern freilich mit regelmäßigem Rapport und rotem Wimpel an der Hütte.

Bei einem Verein war allerdings Schluss mit lustig. Wer Mitglied im ADAC werden und sein wollte, dem war geraten, dies im linken Freundeslager streng geheim zu halten. Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club galt als eine Art militärischer Arm der konservativen bis rechtskonservativen Blechwirtschaft und politischer Anhänger. Böse Zungen sprachen von einer Terrororganisation des Kapitals, die über rasche Hilfe in Not die Heerschar von Mobilisten an ihr einziges Ziel zu binden suchte: Das gemeine Volk, damals bevorzugt männlich, für immer und ewig ans Auto zu fesseln. Unabhängig davon, wieviel Pferdestärken da unterwegs waren. Weil die Strategie aufging, geriet der ADAC schnell zur einzig wahren Lobby deutscher Autokonzerne. Soviele Jünger hatte kein anderer Laden. Der ADAC wurde schnell zum Monopol-Verein.

Nur schwach versuchten linke Autofahrer:innen, dem entgegenzusteuern. Auf der Straße mit seinem beispielsweise Käfer liegengeblieben, schob man das Ding lieber in den Seitengraben, als auch nur einen Hauch seiner Gedanken darauf zu verschwenden, einen der „goldenen Engel“ zu rufen. Die waren in ihren heißen Einsätzen nicht nur angehalten, beleidigt ruckelnde oder vermeintlich fahruntüchtige Karossen fachmännisch wieder flott zu machen. Sie zückten, gewahr, dass ein Autofahrer am Rande des Wahnsinns zu jeder von anderen so gescholtenen „Schandtat“ bereit, aber noch nicht Teil der ADAC-Gemeinde war, das Aufnahmeformular. Bevor auch nur ein Kabel im Motorraum geprüft wurde. So kam es, dass der ADAC wuchs und wuchs. Und die Zahl der Menschen mit unbändigem Hang zu motorisierter Selbstbeförderung in den Himmel reichte. Mit gravierenden Konsequenzen.

Der ADAC wurde zu einem verkehrspolitischen Machtinstrument. Wer immer sich fortan mit Fragen der Automobilität beschäftigte, kam um die Münchner Zentralstation nicht herum. Das betrifft auch zunehmende Überlegungen, dem Verbrenner den Kampf anzusagen. Und zwar nicht nur von linken, sondern auch von liberalen und konservativen Politikern, die dem Klima und damit der Umwelt zuliebe Vorliebe für E-Mobilität zeigen und alter Stinker-Liebe ade sagen. Dass ihre Anhängerschaft wächst wie einst die des ADAC ist denen, die diesem Club die Treue schwören, mehr als ein Dorn im Getriebe. Und deshalb gerät jeder, der nur aus einem Funken Verstand nicht unverbrüchlich pro-Dreckschleuder ist, unversehens in den Verdacht, dem eh traktierten Volksfahrer auch noch den letzten Spaß nehmen zu wollen.

Wie wenig die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs ihrerseits Spaß verstehen, bekam dieser Tage die ADAC-Führungsetage zu spüren. Weil deren Verkehrsexperte Gerhard Hillebrand sich für die CO2-Bepreisung stark gemacht hatte, die das Tanken (von Benzin und Diesel) teurer macht. Wütende Autofahrer kehrten ob des obszönen Plädoyers, und das kurz vor Weihnachten, dem ADAC den Rücken. Eine Zahl nennt der Club nicht. Die „Bild“-Zeitung berichtet von zehntausenden Kündigungen. Hillebrand legte jetzt sein Amt nieder. Dass er den Umstieg vom Verbrenner zu Alternativen anreizen wollte und zugleich lobte, dass sich die EU in dieser Richtung Zeit gebe, „um die Belastungen nicht zu stark werden zu lassen“, bekamen die aufgebrachten Autofetischisten schon nicht mehr mit.

Der Rückzug Hillebrands helfe, den „Reputationsschaden“ zu schmälern, zog der ADAC Bilanz. Hillebrand bedauere, „dass seine Äußerungen Mitglieder verunsichert und verärgert sowie Glaubwürdigkeit gekostet haben“. Das klingt fast wie früher in den K-Gruppen, in denen der Abtrünnigkeit vom Glauben bezichtigte Funktionäre ähnlich dem ADAC ihren Hut alias die Che-Guevara-Kappe nehmen mussten. Und die denunziatorische Kraft einer ideologiebesessenen Meute, so sie genügend Schub fand, selbst entgegen bester Argumente ihr ganzes Vernichtungspotenzial entfaltete. Da wurde nicht mehr diskutiert und Meinungsaustausch gepflegt. Da wurde nicht lange gefackelt und exekutiert. In diesem Unsinne fordere ich – als ADAC-Mitglied – die sofortige Rückkehr von Gerhard Hillebrand auf seinen Posten!



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