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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Wer Kultur Zerstört

Kann die kulturelle Infrastruktur eines Landes durch rechte Politik zerstört werden?
Und wenn ja, wie kann sich der Kulturbetrieb davor schützen?
Darüber, so die taz-Autorin Jette Wiese, haben dieser Tage Teilnehmer einer Veranstaltung des Literarischen Colloquium Berlin diskutiert.
Und damit Fragen aufgeworfen, die sich derzeit überall dort stellen, wo Sparprogramme der Kultur zu Leibe rücken. Wie etwa in Berlin.
Dort allerdings formiert sich breiter Protest.
In der Hauptstadt sind angesichts von Millionenkürzungen zahlreiche kleine und kleinere Kulturprojekte neben beispielsweise große Bühnen existenziell bedroht. So berechtigte Befürchtungen. Die kulturelle Vielfalt, die die diverse Szene ausmachte, wird in atmenraubender Weise geschrumpft.
Und zwar nicht nur auf Betreiben der CDU und ihres Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner. Sondern auch ohne hörbaren Protest der koalierenden SPD.
Haushaltszwänge. Das Schlagwort muss für einen beispiellosen Kahlschlag herhalten.
Bei einem Konzert im Pianosalon Christophori in Pankow zitierte ein Musiker auf der Bühne, was er einen Tag zuvor im Auto auf der Fahrt nach Berlin gehört habe.
Joe Chiallo, seines Zeichens Kultursenator, habe angesichts der Klagen über die Einschnitte darauf hingewiesen, dass die Menschen in Tansania, woher der christdemokratische Eleve kommt, viel ärmer seien, aber dennoch fröhlich. Die Bemerkung korreliert, wenn sie so gefallen sein sollte, was nicht wundern würde, mit vielem anderen, was der Provinzpolitiker so von sich gibt.

Nun könnte man meinen, dass es ja nicht weiter schlimm sei, mal den Gürtel ein bisschen enger zu schnallen. Da müssen ja gerade alle ran.
Das ist wahrlich kein gutes Argument. Weil alle die sind, die überlebensdringend finanzielle Unterstützung brauchen. Nicht nur in der Kultur, sondern auch im Sozialbereich.
Anderen wiederum soll Geld in den Hintern geblasen werden, damit sie in Stimmung bleiben oder kommen. Unternehmen etwa, deren freundlich-gierige Lobbyisten Robert Habeck die Bude einrennen. Und drohen, abzuwandern, wenn nicht kräftig Förderknete fließt.

Was schwerer wiegt als die schlichten Rechnungen, die geldklamme Regierungen, auf welcher Ebene auch immer, aufmachen, ist eine weitreichende Fahrlässigkeit.
Denn wer kleine und große Kulturbetriebe austrocknet, mit welcher Begründung auch immer, muss gewahr sein, dass er rechten Kräften den Boden bereitet.
Kultur, das ist der Betrieb, der auf den ersten Blick als Accessoire der Demokratie gelten mag.
Das Salz in der Suppe gewissermaßen.
Im Grunde freilich ist der Kulturbetrieb – neben der Belastbarkeit sozialen Zusammenhalts – der Fonds der Demokratie. Kultur bemisst die Freiheit, auf die eine Gesellschaft baut. Sie lässt zu, stößt Räume auf. Sie schützt Bewahrenswertes und versucht sich an Ideen. Sie ist konservativ und progressiv in bestem Sinne. Sie bietet kreativen Schutz, inspiriert und ist bisweilen provokant und anstößig. Sie ist unverzichtbare Triebkraft einer Gesellschaft.
Wenn diese Gesellschaft denn lebendig und lebenswert sein will.
Wer der Kultur sukzessive den Hahn zudreht, nimmt der Gesellschaft die Luft zum Atmen.
Das tun Politiker gerade. Ohne die weitreichenden Folgen zu bedenken.
Und zu bedenken, dass das nun wirklich nichts ist, worüber man lachen könnte.

Denn wer der Kultur, wie auch immer, ans Fell geht, geht rechten Kräften in die Falle.
Die lauern geradezu darauf, dass unliebsame Kultur ausgehungert wird und mit der Zeit verschwindet.
Ob auf finanziellem Wege oder anderweitig.
Wer sich an der Förderung kultureller Projekte vergreift, schließt auf Dauer nicht nur Einrichtungen, Institutionen, Theater, bringt Verlage ins Straucheln – mitsamt ihren Protagonisten.
Er sperrt auch Köpfe und Gedanken ein. Ob sie einem bisweilen gefallen oder nicht.
Genau das ist es, was die zunehmend vitalen Erben fataler deutscher Vergangenheit wollen. Sie schüren neofaschistische Ressentiments gegen nahezu jede Form von Kultur. Sie halten Kultur, außer schlichter Deutschtümelei und nationalistischem Tschingderassabum, für überflüssig. Alles andere wurde schonmal verbrannt, abgehängt, ausgemerzt.
Wer es hinnimmt, dass Kulturbetriebe ab- und aussterben, wer ihre Befürchtungen abtut wie es der Berliner Kulturssenator Joe Chiallo macht, leistet einer rechten Kulturabwehr Vorschub. Unbewusst oder bewusst. Das ist nicht mehr nur konservativ. Oder auf dem Mist einer sozialdemokratisch intonierten finanziellen Misswirtschaft gewachsen.
Das ist brandgefährlich.
Und unterhöhlt Demokratie und alles, was sich daran knüpft.

Um die Anfangsfrage aufzugreifen: Ja, kulturelle Infrastruktur kann zerstört werden. Aber nicht nur durch eine rechte Agenda. Sondern auch durch vermeintliche Sachzwänge.
Die ihrerseits helfen, kulturelle Infrastruktur zu zerstören.
Das ist, mag sein, nicht per se rechte Politik, wie sie in der Fragestellung anklingt.
In ihren langfristigen Auswirkungen verrichtet sie aber das Geschäft der Rechten. Ob sie das wahrhaben will oder nicht.
Es spielt keine Rolle, warum lebenswichtige Kultur verschwindet.
Das Verschwinden an sich ist das Fatale. Das einer aufgeklärten, diversen, aufgeschlossenen, menschen- und demokratiefreundlichen Welt das Wasser abgräbt.
Umso tragischer ist es auch, dass gegenwärtig in der Debatte um Antisemitismus einem offenen und, je nach dem, auch ans Erträgliche gehenden Diskurs von verschiedenen Seiten das Leben unmöglich gemacht wird.
Auch über staatsräsonierende Resolutionen und Förderaspekte.
Offenbar schicken sich die Politik und eine opportunistische Gefolgschaft an, Kultur und kulturelle Auseinandersetzungen mittels finanziellen Hebeln in Grenzen zu halten. Im Keim zu ersticken oder von vornherein unmöglich zu machen.
Wie sich der oben erwähnte Kulturbetrieb davor schützen kann?
Indem er sich gegen jede Gängelung zur Wehr setzt.
Sei sie finanziell oder ideologisch gefärbt.





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