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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Qual Der Wal/II

Alles, was ich kürzlich zum Drama um den in der Ostsee gestrandeten Wal, dem die Namen Timmy und/oder Hope gegeben wurden, geschrieben haben, ist, wenn, dann untertrieben gewesen. Die taz textet zum Schicksal des Säugers die bittere, aber wahrheitsgemäße, Zeile: Es ist unklar, ob das Tier in Freiheit schwimmt – oder schlicht verklappt wurde. Klar ist dagegen, dass das nichts weiter als selbstherrliche Unternehmen ein Fiasko darstellt. Und dass das, was die selbsternannten Retter*innen getan haben, an Tierquälerei grenzt oder schon Tierquälerei ist. Dass selbst der nicht weniger selbstsüchtige Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Michael Backhaus, plötzlich irritiert bis empört auf das Geschehen(e) blickt, zeigt das Ausmaß des vermeintlich aus Tierliebe geschriebenen Stücks. Doch man brauchte den Vorhang nur ein kleines Bisschen beiseite zu schieben, um das widerliche Schmierentheater zu erkennen.

Wäre die politische Alternative in dem Bundesland nicht, dass die AfD die Landtagswahlen im September gewönne, ich würde Backhaus und seiner SPD eine fette Niederlage an den Hals wünschen. Die hätten er und seine Partei unredlich verdient. Denn die Geschichte um den Wal zeigt fast schon exemplarisch, wie Politik funktioniert. Nämlich, derzeit jedenfalls, auf Kosten derer, die Hilfe brauchen. Und zwar Hilfe, die nicht auf Heuchelei baut. Was dem Tier jetzt widerfahren ist, widerfährt auch den Menschen. Wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein. Dieser Erkenntnis des Philosophen Arthur Schopenhauer ist nichts hinzuzufügen. Und wer nicht völlig verblödet ist, dem sprang die Grausamkeit des Walrettungsprojekts von Beginn an ins Auge. Und ins Hirn. Gepudert von zweifelhafte Geldgebern setzte eine Initiative Alles daran, dem Wal die Hölle beizubringen. Der Wal kann froh sein, die Bagage hinter sich zu lassen. Tot oder lebendig.

Dass die trostlose Schar der Pseudo-Retter*innen jetzt nicht mal mehr den Arsch in der Hose hat, Details IHRES Scheiterns zu offenbaren, zeigt das ganze Ausmaß der Erbärmlichkeit. Die – ich nenne es ohne Einschränkung: Verklappung des Wals, als würde man Dreck vom Schiff ablassen, in dem der Säuger auf die Nordsee befördert wurde, gerät posthum zu einer Schlammschlacht, quasi dem Gipfel des missratenen Unternehmens. Jetzt, da Ruhm definitiv nicht mehr zu ernten ist, kommt es zum großen Schuld-Schlagabtausch. Und die Medien, die die Erbärmlichkeit voyeuristisch begleiteten? Ich sehen Bilder von Schiffen auf dem Wasser. Doch holla, das ist ja die Straße von Hormus. Oder, neu, das Kreuzfahrtschiff, auf dem der Tod zu Gast ist. Wer was vom Wal wissen will, muss weit nach unten scrollen. So schnell fällt der Vorhang, vor dem sich auch die Journaille nicht wirklich ehrenhaft verbeugen kann. Man war nicht Beobachter, sondern irgendwie Mittäter.

Dass im Epilog verzweifelt die Frage erörtert wird, ob es wenigstens den ominösen Peilsender gibt, der den weiteren (und nicht unwahrscheinlich tödlichen) Verlauf des Wal-Dramas verfolgen ließe, zeigt nur wie verpeilt die Protagonisten sind. Sie wussten erst alles, und nun wissen sie nichts. Nur die BILD-Zeitung hängt noch blassen Hoffnungen an. Der Wal sende wieder. Wenn er schlau ist, führt er derlei Hoffnungsträger in die Irre. Die BILD kennt sich ja mit dieser Art von Scouting aus. Nimmt man das Ganze politisch, muss man sich nicht wundern. In die Irre führen ist derzeit die beliebteste Übung der Bundesregierung. Und die SPD, siehe oben, mischt eifrig mit. Das Wal-Kapitel ist nur eines von vielen traurigen Kapiteln, die der Öffentlichkeit gegenwärtig vorgetragen werden. Insofern spielen sich viele als Retter*innen auf. Nur Niemand rettet irgendwen und irgendwas. Nicht mal die Politik vor sich selbst. Es sieht schlimmer als mau aus, zu Wasser und zu Land.



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