Es gibt die Rede, dass allzu große Nähe zum journalistischen Objekt der Begierde die Sicht versperren kann. Nun weiß ich nicht, von wo aus der sonst hellsichtige Medien-Journalist Stefan Niggemeier seine neuen Erkenntnisse zum TV-Format Klar gewonnen hat. Und zwar dem Klar des Bayerischen Rundfunks mit Julia Ruhs. Zumindest legte er sie in der Süddeutschen Zeitung dar. Jenem Medium, das dem BR zumindest örtlich nahe ist. Wie Niggemeier dazu kommt, einem Islamismus-Beitrag des Ruhs-Formats, das jetzt im NDR von Tanit Koch geanchort wird, auf LinkedIn das Prädikat unaufregend auszustellen – und damit fast an FAZ-Autor Michel Hanfeld anzudocken (So kann und sollte öffentlich-rechtliche Informationsgebung aussehen)? Kann es diese Nähe sein – oder ist das schon eine Art Altersmilde…? Vielleicht, mag sein, nutzt sich kritische Betrachtung in der Häufigkeit auch einfach ab.
Eine Rezension auf t-online ist sich, wie Niggemeier, nicht sicher, was die Klar-Folge mit dem Titel Wo Islamisten Deutschland unterwandern an Erkenntnis(mehr)gewinn gebracht hat. Was Niggemeier journalistische Halbdistanz nennt, mit sehr unterschiedlichen Beispielen für ein größeres Thema, kann man auch als, bei Ruhs gewohnte Übung, Distanzlosigkeit betrachten, die eben kein größeres Thema ansteuert, sondern unterschiedliche Beispiele nimmt, um das Thema Islam in Deutschland einzuengen. Und dies für bekannte Ressentiments zu polieren. Zwar klingen unterschiedliche Aspekte an, aber sie alle dienen einer Erzählung. Wonach die Gefahr von Islamisten (… ) nicht erst mit Gewalttaten beginne, sondern dort, wo sich die Ideologie schrittweise in der Gesellschaft verbreite und beginnt, demokratische Werte zu untergraben (Fazit Ruhs, so t-online). Also überall..
Und überall ist auch Berlin-Neukölln. Nach Lesart Vieler, die dem Islam grundsätzlich Extremismus zuschreiben, die Berliner Kernschmelze allen religiös-fanatischen Übels. Blöd nur, dass dem Freitag in Berlin allerlei Beschwerden von Eltern einer Neuköllner Schule zu Ohren kamen. Die besagen, dass ein Dreh mit O-Tönen ihrer Kinder nicht, wie es ihnen mitgeteilt worden sei, für einen Beitrag über die Diversität an Neuköllner Schulen (so die Wiedergabe des Freitag) genutzt wurde. Sondern dass Bilder und Aussagen ihrer Kinder missbraucht worden seien, um ein vorgefertigtes politisches Narrativ zu bedienen. Es sei im Beitrag nur noch um Mobbing von Kindern durch muslimische Mitschüler*innen im Fastenmonat Ramadan gegangen. Als würde das Thema den gesamten Schulalltag prägen. Man fühle sich benutzt und getäuscht, habe auch die Schulleitung laut Freitag aufgebracht reagiert.
Es ist Alles in Allem ein, gelinde gesagt, nicht sonderlich gutes Zeugnis, das die Schule und die Eltern der Arbeit der Klar-Schaffenden ausgestellt haben. Vor allem ist es überdies auch eine Ohrfeige für Niggemeier und Hanfeld. Denn wer die Sendung gesehen hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass die Unterwanderung Deutschlands durch Islamisten mit einem nur scheinbar harmlosen Streit ums Pausenbrot im Ramadan anfängt und mit einem Anschlag wie dem eines Afghanen, der im Februar 2025 in München, so die Anklage, in eine Demo fuhr, eine Mutter und ihr Kind tötete und Viele verletzte, endet. Dazwischen, ganz divers, ein berüchtigtes Treiben am Neuköllner Hermannplatz, islamismus-verdächtige Literatur in Buchläden und fragwürdige Kleidungsstücke, dubios halal-zertifierte Lebensmittel, ein Bonner Lehrer in Todesangst und eine zwangsverheiratete bedrohte Muslima.
Da wird scheinbar Belastendes mit belastenden Fakten gemischt. Und Etliches ist ja tatsächlich beunruhigend. Auf der anderen Seite macht sich freilich nicht weniger Fragwürdiges breit. Es mag, wie Niggemeier sagt, nicht aufregend sein, wenn bekannte Erkenntnisse auch über extreme Auswüchse islamischer Umtriebe wiederholt zusammengefügt werden. Doch der Aufguss, um den es hier geht, folgt einer These, die im Titel der Ruhs-Sendung steckt und die ihrerseits gezielt zur unbedingten Glaubenssache gerät. Danach ist ein Pausenbrot-Streit der Beginn aller islamistischen und terroristischen Bestrebungen und kein dummer Zoff unter Kindern, der sich beilegen lässt. Quasi ein impliziter Hinweis auf die geteaserte islamistische Unterwanderung. FAZ-Mann Hanfeld betrachtet einen solchen Beitrag als vorbildlich für öffentlich-rechtlichen Journalismus. Man muss ein ganz schön dickes Fell der Verlogenheit haben, wenn man dies derart harmlos goutiert.
Wenn es stimmt, was im Freitag steht, dann kann der BR kein eigenes Fehlverhalten erkennen. Der Beitrag sei dementsprechend, so der Freitag, erstmal so erschienen, wie es die Eltern im Nachhinein empörte. Weil der BR aber, wie er jetzt in der Mediathek vermerkt, den Schutz von Minderjährigen sehr ernst nimmt, sei die Sequenz, in der Schülerinnen über das Thema Fasten gesprochen haben, auf Bitte der Eltern entfernt worden. In folgenden Sequenzen, die einen Bogen von der Pausenbrot-Causa, zu gefährlicher Intoleranz und notwendiger Toleranz schlagen, singen Kinder für Zusammenhalt. Hier habe man die Kinder gepixelt (unkenntlich gemacht). Beides geschah freiwillig, ohne Anerkennung jeder Rechtspflicht. Ist dem BR insgesamt doch nicht so ganz wohl gewesen? Unaufregend mag die Sendung finden, wer die Hintergründe nicht kennt. In der Schule aber ist die Aufregung groß.

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