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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Feindschaft &Oder Versöhnung

Zwei Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben. Oder doch? Es geht um Möglichkeiten: Die der Feindschaft oder die der Versöhnung.

Es war zum 80.Geburtstag meiner Frau Mama. Da beschloss die Familie, mit ihr nochmal dahin zurückzukehren, wo sie als Kind und Jugendliche zuhause war. Polen. Damals Ostpreußen. Wehrkirchen, so in Erzählungen lange nach dem Nazi-Krieg der Ort. Szittkehmen. Heute Zytkiejmy. Im Winter 1944/45 war es. Die Rote Armee stand quasi vor der Tür. Da brach Mama mit Mutter und Vater von einer auf die andere Minute auf. Flucht. Ihr Vater kam ums Leben. Sie und ihre Mutter überlebten. Unter anderem in Elbing, heute Elblag. Hinter Orgelpfeifen versteckt. Ein Russe entdeckte sie. Meine Mutter wurde von ihm vergewaltigt, dann gerettet. Er steckte sie in einen Zug Richtung Berlin. Dort wartete Verwandtschaft. So geht die Geschichte.

Weshalb ich sie kurz erzähle? Weil meine Mutter niemals Groll hegte. Weder gegen die Russen. Noch gegen Kommunisten. Weder gegen die von Stalin, noch später gegen die Nachfahren. Unsere Familie war linksliberal. Man wählt SPD, ein paar Mal sogar eine Partei weiter links. Mein Vater war Willy-Brandt-Fan. Meine Mutter auch. Beide und wir Kinder waren für Entspannungspolitik. Für Aussöhnung. Obwohl sich meine Mutter mit ihrer Vertreibung nie wirklich versöhnt hat. Sie wusste aber, und gab zu, dass es die Nazis waren, die schuld dran waren, dass sie aus Ostpreussen flüchten musste und ihr Haus nicht wiedersah. Bis zu ihrem 80. Als wir vor einem Geräteschuppen standen, der einmal das Haus war, in dem meine Mutter wohnte. Es flossen Tränen.

Die polnische Familie, die nebenan wohnte, auf dem Grundstück, auf dem das Elternhaus meiner Mutter stand, lud uns zu Kaffee und Kuchen ein. Wir waren plötzlich aufgetaucht. Beide Familien waren sich unsicher, ob das eine gute Idee war. Es brauchte eine Weile, bis die Unsicherheiten zaghafter Freundlichkeit wichen. Für einen Moment mag die polnische Familie gedacht haben, die Gäste wollen ihre Heimat zurück. Dann wurden es Stunden mit regem Austausch. Über die Geschichte. Die vergangene. Und die gegenwärtige. Wir fuhren wieder zurück ins nahe Goldap. Das auch auf polnisch so heißt. Dort hatte meiner Mutter einst eine Ausbildung zur Bankangestellten gemacht. Und es gibt ein Museum mit alten Fotografien. Und einer netten Museumschefin.

Weshalb ich von diesem Ausflug auch berichte: Weil es mir partout nicht verständlich ist, wie aus dem Holocaust ein Staat erwachsen kann, der heute seinen Nachbarn extrem feindlich gegenüber steht. Vor allem auch den Menschen darin. Den Palästinenser*innen. Der von Anfängen erzählt, die diese Feindseligkeit angeblich rechtfertigen. Weil ihnen die Feindschaft der Anderen zugrunde läge. Doch Andere erzählen von anderen Anfängen. Die wiederum ihnen nicht zumutbar waren und deren Folgen unerträglich seien. Fakt ist, dass es Gewalt gab und gibt. Auf beiden Seiten. Dass aber nun, da die Situation günstig scheint, die eine Seite ihr Narrativ bemüht, um die andere Seite zu vernichten. Und das nach den katastrophalen Erfahrungen des Holocaust.

Darf ein racheähnlicher Gedanke, darf eine racheähnliche Politik so weit gehen, dass ein neues Volk leiden muss? Man müsse sich vor jenen schützen, die einem das Existenzrecht streitig machen wollen, heißt es. Mit Verweis auf jene, die es tatsächlich tun. Doch besteht das benachbarte Volk gänzlich aus Extremisten, die auf Vernichtung aus sind? Oder vielleicht nur aus Menschen, denen ehedem aus dem Existenzrecht der einen Seite das eigene Existenzrecht genommen wurde. Die ihrerseits flüchten mussten. Ohne dass sie Schuld am Trauma derer hatten, die in deutschen Vernichtungslagern ermordet wurden. Spielt es eine Rolle, welche Anfänge beschworen werden, um das, was ist, versöhnlich zu einer für alle Seiten fruchtbaren Gegenwart zu bringen?

Geschichte und Geschichten müsse man irgendwann ruhen lassen können, sagte meine Mutter. Sonst bekäme die eigene Seele nie Frieden, seien Versöhnung und ein künftiges Leben nicht möglich. Was geschehen sei, könne man nicht rückgängig machen. Sie meinte damit nicht, dass es keine Geschichte gäbe. Aber es gibt, so führte sie aus, auch immer unterschiedliche Interpretationen. Wenn es aber in der Gegenwart Probleme gäbe, aus welcher Interpretation heraus auch immer, dann könne es trotzdem Lösungen geben. Wären also beide Seiten, Israelis und Palästinenser*innen bereit, eine für alle gute Lösung zu schaffen, könnte Geschichte und ihre Interpretationen überwunden werden und endlich einen versöhnlichen politischen Ausgang finden.

Darum geht es. Geschichte mit all ihren ganz und gar verheerenden Facetten nicht negieren, aber sie auch nicht nehmen, um jedwede Zukunft zu verbauen. Statt dessen nimmt sich die israelische Regierung im Beharren auf ihre Interpretation von Geschichte das Recht, ihre Nachbarn zu drangsalieren, zu terrorisieren, umzubringen. Zu Zehntausenden. Möglicherweise zur Gänze. Über Grenzen hinweg. Grenzen der Menschlichkeit und des Völkerrechts. Ein Akt kompletter Zerstörung. Der Krieg, den die Regierung Netanyahu nach dem Angriff der Hamas führt, wird, so würde es meine Mutter sehen, die nie versuchte, Geschichte in ihrem Sinne aufzuwiegen, von niederen Beweggründen flankiert. Versöhnung spielt keine Rolle.

Es gibt nichts, nichts Objektives und nichts Subjektives, was sich gegen den Gedanken der Versöhnung ins Feld führen ließe. Er ist der einzige Gedanke, der zukunftsfähig ist. Meine Mutter hat nie ein Hehl daraus gemacht, wie traurig sie über den Verlust von Heimat ist. Es wäre ihr aber auch nie in den Sinn gekommen, daraus ewige Ressentiments oder gar das Recht auf irgendeine Form von Gewalt herzuleiten. Sie war auf so genannten Ostpreussen-Treffen – und immer waren ihr die revanchistischen, rechten Reden zuwider, die dort zu hören waren. Und glaubten, aus der Geschichte territoriale Ansprüche schälen zu können. Sie wollte Freund*innen treffen „aus alten Zeiten“von früher“, wie sie sagte. Ohne an den neuen Realitäten zu rütteln.

Als wir in Polen vor dem Haus ihrer Kindheit standen, dachte sie nicht ein einziges Mal, es würde wieder ihr gehören müssen. Das unterschied sie von vielen, die gern einen neuen Feldzug gegen Polen ausgerufen hätten. Sie war Gewalt und Krieg leid. Sie bekam bisweilen etwas Strenges, das mich an die „Zeit“-Ikone Marion Gräfin Dönhoff, die ebenfalls aus Ostpreussen stammte, erinnerte. Es mag aus dem Verlust der Kindheitsorte rühren. Vielleicht war es wesenstypisch für Ostpreußen, bekannt für schwarze Tannenwälder und eisige Winter, die es gab und gibt. Politisches Kapital aus dem, was meine Frau Mama stets Vertreibung nannte, zu schlagen, wäre aber nie ihre Sache gewesen. Das Wort Rache gar nahm sie nie in den Mund.

Die Geschichte der Region, in der Israelis und Palästinenser*innen leben, ist lang. Ich habe diese Geschichte nachzuverfolgen versucht. Und bin nie wirklich richtig schlau geworden. Weil sie von den einen und den anderen erzählt wird. Und immer wieder anders. Die Geschichte, die meine Frau Mama erlebt hat, wird auch immer wieder anders erzählt. Sie ist freilich eindeutig. Es lässt sich weniger lügen. Die Urgeschichte von Palästina hört sich, je nach Erzähler*in, undurchsichtiger an. Umso mehr müsste es darum gehen, Täter und Opfer aufzuzählen. Nicht um neue Täter- und Opfergenerationen zu schaffen. Sondern um eine Generation des Friedens wachsen zu sehen. In beiden Geschichten gibt es einen zentralen Gedanken: Den Gedanken der Versöhnung.



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