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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Journalismus und Macht

Der Mediendienst Kress schrieb dieser Tage, wie Springer-Chef Mathias Döpfner den jüngsten Angriff auf ein festliches Dinner mit US-Präsident Donald Trump in Washington erlebt hat. Döpfner saß demnach ziemlich nah dran an Trump. Als vor dem Saal die Schüsse fielen. Viereinhalb Minuten duckte er sich unterm Tisch weg, so schilderte er The Pioneer (sagt Kress), dem Portal von Ex-Spiegel-Mann Gabor Steingart. Unterm Tisch, an dem Politico-Leute Platz genommen hatten. Für Döpfner gefühlt eine Ewigkeit. Die in ihm, so gibt es Kress wieder, Assoziationen an den Terroranschlag auf den Pariser Konzertsaal Bataclan geweckt habe. Nicht auszudenken, so sinngemäß, der Springer-Chef, wenn der Täter in den Saal gelangt wäre. Das war tatsächlich sehr, sehr knapp. Und weiter: Ich glaube, dass das eine nachhaltige Verunsicherung, auch was solche öffentlichen Zusammenkünfte betrifft, nach denen die Menschen eine große Sehnsucht haben, bedeutet.

Kommen wir, Stichwort Sehnsucht, zu öffentlichen Zusammenkünften. Bei denen Journalismus bisweilen nicht nur bloß auf Politik, sondern auf ihre ambitionierte Ausgestaltung, nämlich Macht trifft. Ein Thema, das auch mich in meinem Berufsleben immer wieder beschäftigt hat. Es gibt, das möge vielleicht auch Steffen Grimberg wissen, der im Freitag dazu schreibt, unterschiedliche Formen von so genanntem Access Journalism, auf banal-deutsch: Zugangsjournalismus. Der eine besteht darin, im Laufe von Recherchen natürlich Kontakt zur Politik suchen und aufnehmen zu müssen. Je heikler Geschichten sind, umso mehr, manchmal auch enger. Ohne abendliche Treffen in Kneipen, auf Parkplätzen und an anderen mehr oder weniger klandestinen Orten kommt Recherche, die nicht auf Anbiederung setzt, nicht aus. Das war in Zeiten ohne Internet so. Und ist es auch heute, da einem das www zur Hand liegt. Was nicht immer weiterführt.

Ob öffentliche Zusammenkünfte auf dem Weg zu journalistischen Erkenntnissen, die für die Allgemeinheit interessant sind, weiterhelfen, wage ich freilich zu bezweifeln. Natürlich: Parteitage, Versammlungen, Wahlkampf-Auftritte, Talkshows und was da sonst noch alles läuft, sind Gelegenheiten, um den oder die Politiker*innen dort, also in der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Und zu schauen, wie und mit welchen Worten und Gesten sie sich schlagen. Die Ausbeute ist allerdings meist eher gering. Und, das darf ich aus mehreren Jahrzehnten Journalisten-Dasein behaupten, so gering wie an den Sehnsuchtsorten, von denen Döpfner laut Kress spricht. Zusammenkünfte bei Dinner-Partys wie im Weißen Haus oder, sagen wir: auch auf deutschen Pressebällen, werden als Kontaktpflege gewertet. Doch wer sie kennt, weiß: Das ist dann auch schon die ganze Wahrheit. Mehr als läppischer Smalltalk springt bei diesen Veranstaltungen meist nicht raus.

Dass für Mathias Döpfner, dessen journalistischer Ehrgeiz umgekehrt proportionalezu zu seinem verlegerischem Ehrgeiz geschrumpft ist, mag ein Grund sein, dass er öffentliche Zusammenkünfte an sich spannend findet. Und umso spannender, wenn sich im Hintergrund etwas wie in Washington, im Beisein des „Größten Präsidenten aller Zeiten“, abspielt. Ein Attentat, so bei Kress zu lesen, wobei es nicht mal sicher ist, ob es der Täter, der ja nicht in den Saal vordringen konnte, tatsächlich am Ende auf Trump abgesehen hatte. Auch wenn er offenbar zahlreiche Mitteilungen mit Anti-Trump-Hass verschickt hatte. Döpfner berichtet, wie er, noch unterm Tisch hockend, geistesgegenwärtig Bild-Chefin Marion Horn eine Nachricht schickte. Table-down als Text-Live-Stream. Auch der Journalist in ihm reagierte reflexartig, so Kress. Schon wurde die öffentliche Zusammenkunft zur Heldenstory. Da kann man das mit der großen Sehnsucht natürlich schon irgendwie verstehen.

Nun hätte sich Döpfner, so wie der US-Präsident mit der Presse umgeht, auch eine andere Heldenstory verschaffen können: In dem er das Gala-Dinner Gala-Dinner sein lässt. Und Trump einen imaginären Vogel zeigt. Grimberg meint, mit Bezug auf etwa die Platznahme einer Journalistin beim Bundespresseball am Tisch des Bundespräsidenten, Kontakt, ja eine gewisse Nähe zum Ob- wie Subjekt der Berichterstattung zu haben, gehört im Journalismus dazu. Bis zum – pardon – Arschkriechen ist es aber noch ein weiter Weg. Da bin ich mir, ehrlich gesagt, nicht völlig sicher. Schon gar nicht mit Blick auf Springer-Kolleg*innen. Grimbergs Hinweis, man möge in der Debatte nicht übers rechtspopulistische Stöckchen springen, ist an dieser Stelle so richtig wie falsch. Bisweilen nämlich braucht es da, leider, gar kein Stöcken. Zumindest sollte man nicht so tun, als ginge es bei Dinner&Co immer nur um harmlose Tuchfühlung zwischen Journalismus und Macht.

Aufschlussreiche Stories abseits von allerlei Nettigkeiten und Arschkriecherei bei öffentlichen Zusammenkünften erblicken oft gar nicht das Licht der Öffentlichkeit. Oder über Umwege. Etwa auch dann, wenn sich nicht Journalist*innen nah an Politiker*innen ranwagen, sondern umgekehrt. Erinnert sei an die sexistischen Unappetitlichkeiten, die ehedem über den früheren FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle bekannt wurden. Stattgefunden bei einer öffentlichen Zusammenkunft mit einer Journalistin an der Hotelbar. Ich selbst erlebte bei einem Presseball in Hamburg, wie dem Pressesprecher eines Mineralölkonzerns, an dessen Tisch meine damalige Lebensgefährtin und ich auf Einladung saßen, in Folge späten Alkohholüberschwangs jedwede Unanständigkeit komplett aus dem Ruder lief. Schon das hat mich seitdem Abstand zu öffentlichen Zusammenkünften dieser Art halten lassen. Sie nagen ganz unterschiedlich an der Ehre des Journalismus.

Dabeisein, aber nicht dazugehören, sei eine journalistische Kerntugend, so Grimberg. Mit ihr lasse sich auf dem Bundespressball tanzen, Access-Journalism betreiben und eine gewisse Nähe zur Politik aushalten; immer im Dienste der unabhängigen Berichterstattung. Genau dieses Dabeiseinwollen halte ich für alles andere als tugendhaft. Bestenfalls handelt es sich um die vielfache Tugend, nach kostenfreien Canapés, shrimsbelegt, gekaviart und getrüffelt und mit Champagner serviert, Ausschau zu halten. Schlimmstenfalls von Herrenart garniert mit miesen Männerwitzen – über Frauen, versteht sich. Und, als Kür, mit dem Versprechen, die Politik auch künftig moderat anzufassen. Es gibt Ausnahmen, auf die weist Grimberg hin. Zur Regel gehören Branchen-Primi wie Döpfner, die im Rausch des Dabeiseins Stories abliefern, die Volontär*innen ruckzuck um die Ohren gehauen würden. Und wer veröffentlicht sie? Das Branchen-Portal Kress.



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