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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Freitag Versus? OAZ

Als der Freitag-Verleger Jakob Augstein und der Verleger der Berliner und neuerdings auch der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ), Holger Friedrich, im Januar auf dem Podium des Theater Ost in Berlin saßen, mochte man denken: Nun gut, da sitzen Zwei, die sich quasi auf medial-ökonomischer Augenhöhe bewegen. Dem einen gehört dieses, dem anderen jenes Medium, mit dem er versucht, in die Republik zu senden. Also nicht weiter ungewöhnlich. Doch deutlicher als anderen scheint Freitag und OAZ so etwas wie ein Sendungsbewusstsein eigen. Der OAZ wird vorgeworfen, eine Agenda teils nahe an der Welt der Neuen Rechten zu verfolgen. Wofür Autoren-Namen stünden. Beim Freitag kann man ohne bemühte Interpretationswucht erkennen, dass eine nicht unbedeutende Zahl von Autoren dazu neigt, Positionen zu stützen, die in nicht weniger Hinsicht denen des BSW ähneln .

Das ist grundsätzlich weder aufsehenerregend noch verwerflich. Schließlich sind Medien Tendenzbetriebe, die sich seit jeher politischen, bisweilen auch parteipolitischen Denkrichtungen, wenn nicht unbedingt verschreiben, so doch verbündet fühlen. Bei aller vermeintlichen Vielfalt sind stets Unwuchten erkennbar. Bestenfalls leisten sich Medien exklusive Meinungsbeiträge widerstrebender Haltungen. Als Zeichen der Bereitschaft zum Diskurs. Was einen gewissen politischen Eifer freilich nicht schmälert. Auch beim Freitag und der OAZ nicht. Das interessante ist hier allerdings weniger die eine oder andere politische Färbung. Das interessante ist, dass sich dabei politische Konvergenzen von BSW und AfD spiegeln. Mag sein mit unterschiedlicher medialer Energie. Das eher Subversive kann jedoch manchmal sehr viel mehr bewirken als das Zurschaustellung offener politischer Flanken.

Dass BSW und AfD nicht wirklich weit voneinander entfernt liegen, wird am Wagenknecht-Lager deutbar. Die früher links firmierende Gründerin selbst hat mit Blick auf drohende politische Einschnitte in Ostdeutschland andeutet, dass es Sinn machen könnte, die Brandmauer zur AfD zu kippen. Kein Wunder, eint doch Populismus die beiden Parteien: Migrationsfeindlichkeit, weitreichende Ressentiments gegenüber dem System inklusive der öffentlich-rechtlichen Medien, krude Vorstellungen über Meinungsfreiheit und Cancel Culture, ein gestörtes Verhältnis zu Europa und seinen Institutionen, eine wohlwollenden Haltung zu Russland – sind die Schnittmengen. Das BSW erweckt allenthalben den Eindruck, dass künftig weniger links und rechts zählen, sondern vor allem die Demokratie neu geordnet werden müsse. Etwa im Sinne Bürgerbeteilung gegen bestehende Elitenmacht.

Wie dem im Einzelnen sei, durchzieht auch die jüngste Ausgabe des Freitag ein Band gewisser BSW-Geneigtheit. Das mag Zufall sein. Aber Zufall ist die kleine Schwester von Absicht. Jedenfalls gibt es eine Themen- und Beitragshäufung, die schon einer Menge Naivität bedarf, würde man sie nicht mit politischer Gezieltheit in Verbindung bringen. Allem voran das gepflegte Narrativ, vor allem deutsche Kriegslüsternheit in Form von teuren Ukraine-Kriegshilfen sei die wesentliche Ursache nicht nur für fehlende Friedensaussichten, sondern auch für andauernden Sozialabbau, verläuft als unsichtbarer roter Faden durch den Freitag. Die Erkenntnis ist nicht falsch, größeres Gewicht darauf allerdings BSW- und darüber hinaus AfD-typisch. Dahinter stinken andere Konvergenzfelder ab. Was dem BSW hilft, sich nach außen je nach Nützlichkeit täuschend von anderen Nähebeziehungen abzugrenzen.

Ein Freitag-Autor, der es besonders gut meint mit BSW-kompatiblen Positionen, ist Wolfgang Michal. Nach einem Disput, den ich im Freitag mit ihm darüber hatte, ob denn eine Art, wie er es nannte: Alarm-Antifaschismus gegenüber der AfD angebracht sei – Michal meinte nein, lichtet sich mehr und mehr der Nebel. Im jüngsten Beitrag, auf dem Titel der digitalen Printausgabe in krassem Blau beworben, macht er sich in polemischem Tonfall über jene her, die eine Annäherung zwischen BSW und AfD sehen. BSW-Hasser bei BILD („Wagenknecht-Weidel-Pakt“), dem Tagesspiegel („Bringt Wagenknecht die AfD an die Macht?“) und taz (Warnungen vor einer „lila-braunen Mehrheit“) seien da unterwegs, um die idiotische Brandmauerpolitik (offenbar adaptiertes Zitat Wagenknecht) am Laufen zu halten. Solche, die dem BSW gezielte Steigbügelhilfe für Rechtsextreme vorwerfen.

Vom Brandmauerblues spricht Michal, angefangen beim Brandmauer-Gerede von Bundeskanzler Merz. Der Blues sei mittlerweile endgültig im Mainstream angekommen. Alles, was Mainstream ist, so paraphrasiere ich, gehört freilich im Sinne der Wagenknecht’schen oder BSW-Agenda abgeräumt. Die hier unausgesprochene Hoffnung scheint, dass die übermäßige Gewichtung auf die Kriegstüchtigkeit-Sozialabbau-Spirale greift. Sie nimmt, das sei eingeräumt, den realen Unmut über das reale Milliardengefälle (mitsamt Ukraine-Hilfen) in der Politik auf. Flankiert durch ein Interview mit BSW-Protagonist Michael Lüders und einem Artikel, der der Linken vorwirft, Sozialproteste nicht offensiv mit der Rüstungsfrage zu koppeln. Unter den Teppich fallen die anderen, eher fragwürdigen BSW-AfD-Vibes. Die eventuell einen Teil des potentiellen BSW-Wähler-Potenzials verschrecken könnten.

Es gibt über die jüngste Ausgabe hinaus etliche Indizien für die Annahme, dass eine Reihe von Autoren und, anders ist das nicht zu erklären, auch der Verantwortlichen in der Redaktion den Freitag als Spielfeld nutzen, um quasi dem BSW zu neuem Schwung zu verhelfen. Dem BSW, der jetzt glaubt, mit vermeintlich bürgernaher Strategie samt dem Aufbrechen der Grenzen zur Rechten seinen sonst absehbaren Untergang aufhalten zu können. Dass hier, wie bei der OAZ, ein Abheben auf ostdeutsche Befindlichkeiten eine Rolle spielen dürfte, hängt nicht zuletzt mit der Geschichte des Freitag zusammen. In ihm gingen einst der Ost-Berliner Sonntag und DKP-nahe Blätter auf. Der Untertitel hieß anfangs Die Ost-West-Wochenzeitung. Seitdem haben sich Schwerpunkte immer wieder mal verschoben. Es scheint so, als bestünde ein aktueller Schwerpunkt im Flankenschutz für die biegsame Politik des BSW.

Insofern saßen auf dem Podium im Theater Ost nicht nur zwei Verleger, die Holger Friedrich provokant in einen Verleger Ost (er selbst) und einen Verleger West (Augstein) splitten wollte. Sondern es saßen dort zwei Verleger, die sich, wie BSW und AfD, als Konkurrenten darstellen mögen, aber darauf schielen, dass sie idealerweise gleichermaßen bei der ostdeutschen Klientel abschöpfen können. Der Freitag hat eine Menge journalistischer Wellenschläge hinter sich. Es herrschte von Beginn an rege Fluktuation, die sich auch an jeweiliger politischen Ausrichtung entzündete. Als Höhepunkt gilt die Bestellung des umstrittenen Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber. Eine Zerreißprobe. Wären seine Querfront-Amibitionen nicht, mit seiner wohlwollenden Haltung gegenüber Russland würde er heute wieder Freitag-tauglich. Doch solche wie er sind inzwischen auf ganzer Linie verbrannt.

So hält man es wohl ein bisschen wie in Verruf gekommene Verlage. Etwa der Westend Verlag. Nachdem ihm Autor*innen wegen dessen rechtsoffener Neuausrichtung den Rücken gekehrt hatten und der Freitag darüber berichtete, hatte das Augstein-Medium nichts Eiligeres zu tun, als dem Verleger Markus J. Karsten ein Interview zu gönnen. Heraus kam die verharmlosende Selbstdarstellung eines Mannes, unter dessen Ägide Bücher von Ulf Poschardt und aus der Werkstatt vom rechten Nius-Betreiber Julian Reichelt publiziert werden. Gesprächstitel-Zitat Karsten: Der Begriff ‚links‘ wurde entleert. Das passt zur BSW-Agenda, wonach Vieles möglich ist, auch ein Tete-à-Tete mit der AfD. Wenn man es nur geschickt anstellt. Insofern könnte es ja auch sein, dass Freitag-Leser nicht merken, wie Ihnen in beträchtlichem Umfang Wagenknecht-Weisheiten untergejubelt werden.



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