Deutschland ist nicht mehr Deutschland! So lautet die Headline des Tagesspiegel am Tag nach der Niederlage der Fußball-Nationalmannschaft gegen Paraguay bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko. Nicht mal im Elfmeter-Schießen kriegt die Nationalmannschaft es noch hin. Was aber erwartete Kommentator Stefan Hermanns, der im Beitrag mit einer erdrückenden Kaskade von Vorwürfen der Elf von Julian Nagelsmann den Garaus macht? Und zwischen den Zeilen alten Zeiten nachjammert. In Boston hätten die deutschen Kicker ihre schwarze Serie fortgeschrieben. Ihr Ziel (mal wieder Weltmeister zu werden) habe das gesamte Team, inklusive des Bundestrainers, krachend verfehlt. Das mag im Kleinen unglücklich gewesen sein. Im Großen aber nicht. Weil die Mannschaft ihren eigenen Anspruch nie untermauern konnte.Weil zuviele ihrer Form hinterherhechelten. Letztlich falle das auch auf Nagelsmann zurück. Der keine glückliche Figur abgegeben habe. Darin habe er sich nicht von seiner Mannschaft unterschieden.
Warum freilich sollte die Nationalmannschaft besser sein als Bundeskanzler Merz und sein Kabinett? Würde man nur die Elf und die Namen austauschen: Der Text, jedenfalls in benannten Auszügen, ließe sich ohne Weiteres auf den Zustand der deutschen Regierungspolitik münzen. Wenn es stimmt, was ehedem Karl Marx formulierte, dass nämlich das Sein das Bewusstsein bestimmt, so dachten sich vielleicht die deutschen Fußballer: Lass uns so sein wie jene, die für uns, für unser Land Politik machen. Lass uns Merz, Klingbeil und Co zum Vorbild nehmen. Ungenaue Pässe, Sturmschwäche, offene Flanken in der Verteidigung – das können wir, also wir Kicker im Trikot der allmächtigen Heimat, auch. Niederlagen: Oh ja, davon können gerade die Sozis ein bitteres Lied singen. Elfmeter-Schießen, das ist wie Fünf-Prozent-Hürde. Das Scheitern liegt, wenn man sonst Alles schleifen lässt, in der Luft. Und potenzielle Profiteure – stehen allemal am Spielfeldrand und betrachten das Ganze mit gewisser Genugtuung.
Man darf sich auf allerlei absurde Debatten einstellen. Können die Deutschen denn gar nichts mehr und so weiter….so ahnt die taz, was, wenn Nagelsmann und Entourage in Deutschland gelandet sind, auf das Land zukommen wird. Und sich nur Stunden nach dem WM-Aus beim Warming-up der medialen Kanäle abzeichnet: Die auch vom Spiegel mit der Überschrift begleitete Verzwergung einer einst großen Fußballnation. An der vor allem großkotzige Medien ihr Mütchen kühlen, die erst das Schweinerl fütterten, um am Ende über mangelnden (Mit)-Gewinn zu klagen. Nirgendwo ist Sport der Politik ähnlicher als im Fußball. Und die Berichterstattung? Wäre sie nur andeutungsweise so mutig und so vernichtend bei der Betrachtung von Politik wie beim Fußball, man könnt den Medien einigen Respekt bezeugen. Aber dort, auf dem politischen Spielfeld, versagt ihre Courage. Oder sie machen sich zum Komplizen. Und sei es, dass sie Deutschland ist nicht mehr Deutschland den Kickern in die Schuhe schieben.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals einer Politikerin wie Agnes Strack-Zimmermann von der FDP, die sich sonst durch ziemlichen politischen Unsinn auszeichnet, Recht geben muss. Aber ich tue es. Im Zusammenhang mit dem, was Bundeskanzler Merz laut ntv den deutschen Spielern nach der Niederlage gegen Paraguay zurief: Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel!..Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch, so wird Merz* Social-Media-Enthusiasmus zitiert. Die FDP-Dame meinte dazu: Ich weiß gar nicht, was schlimmer war. Das Spiel oder diese Analyse. Möglicherweise hat Merz eben das erkannt, was ich meinte: Die Nationalelf als Spiegel seiner Politik. Mit dem Unterschied, dass es im einen Fall um Fußball geht, also um nicht wirklich Spielentscheidendes. In der Politik aber schon. Spendete da Merz angesichts seiner miserablen Umfragewerte also vor allem sich selbst Trost? Ich kann’s mir nichts anders erklären.

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