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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Die Gauckler Kommen

Dass Altbundespräsident Joachim Gauck jetzt mit seiner Forderung nach einer Mischung aus Härte, er nennt das Zumutungen, und Erklärungen, warum dem Volk hin und wieder auch mal ein bisschen Einsicht verbal hineingeprügelt werden muss, in Medien von Zeit bis zum rechten Portal Apollo Widerhall erfährt, zeigt was? Unseren heimlichen Wunsch nach rigoroser Führung? Wer weiß. Aber um Gotteswillen nicht nach einem Führer, wie es eilends die Bild unserem Altbundespräsidenten hinterher kommentierte. Sigmund Freud hätte seine himmelschreiende Freude. Die Meinungen, die sich unter dem Apollo-Beitrag vesammeln, klingen alle vorerst in etwa so: Da schlage mal wieder eine vollgefressene Elite zu. Leute, die in Champagner baden, verordnen anderen Leitungswasser. Und, reicht auch das nicht, eben mal echte Durststrecken. Dort ist der Führer wahrlich nicht weit, aber einer im Namen des Volkes. Da könnte eine echte Führer-Diskussion im rechten Spektrum losgehen.

Man – ich umgehe das Wort wir, das Gauck benutzte, aber mit welcher Prokura? – brauche eine politische Führung, die die Kraft aufbringe, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssten. Derart im Namen aller sprechen zu wollen, ist einigermaßen dreist. Aber so sind sie, die von Gott auf die Erde gesandten Theologen. Im Zweifel haben sie den Segen des Herrn. Für welchen vom über- zum unterirdischen transformierten Unsinn auch immer. Gauck meinte, Jungpolitikern, oft von visionären Ideen getrieben, fehle bisweilen der Realitätssinn. Dachte er da etwa an den aalglatten Pascal Redding, Chef der Jungen Gruppe in der Union im Bundestag, der sich noch etwas mehr gewünscht hätte bei der Rentenreform? Etwas mehr Zumutungen selbstverständlich. Austarieren, nannte Redding das. Nur zwei Buchstaben weit entfernt vom ausradieren. Alle Wünsche nämlich, die Rentnern und Anwärtern noch immer im Kopf rumschwirren.

Der Herrgott war es denn wohl auch, der auf die Idee kam, die regulären Renten zu kürzen – und statt dessen zwei Prozentpunkte der Beiträge verpflichtend in eine kapitalgedeckte Renten-Komponente zu investieren. So groß der Unterschied zur gescheiterten Riester-Rente scheinen mag: In einem Punkt sind sich die Konzepte gleich. Sie verlassen sich auf einen unberechenbaren Aktienmarkt. Ist das ein Beitrag zur Rentensicherung? Mitnichten. Die geplante Pflicht, einen Teil der Renten durch Geldanlagen zu erwirtschaften, ist im Grunde noch perfider. Denn es wird damit auch das Rentenniveau (bis zu 70%) schöngerechnet. Was nach oben zuversichtlich beziffert wird, kann wie Riester an der massiven Volatilität der Finanzmärkte zerschellen. Menschen, die etwa in Versorgungswerke eingezahlt haben, können ein Lied davon singen. Sie durfte zugucken, wie die Auszahlungsperspektiven immer schlechter wurden. Am Ende stand häufig brutale Ernüchterung.

Natürlich, so Gauck laut Medienberichten, ersetze Führung keine Verhandlungen. Aber Führung heiße eben auch, wenn alles durchgekaut ist, auch mal anzuweisen. Sind derartige Sprüche ein Relikt aus einem Leben, das Gauck großteils in einer Gesellschaft verbringen musste, in der anweisen zum Grundprinzip des Zusammenlebens gehörte? Ist das eine Art altersbedingten Rachefeldzugs? Und darf man diesbezüglich danach fragen, wer es denn ist, der irgendetwas anweist? Könnten es vielleicht Politiker*innen sein, die offenbar keinen blassen Schimmer von Altersarmut, zuhause oder in Pflegeheimen haben, die auf bitter erarbeitetes Vermögen schielen, wenn sie mit dem Waschlappen oder der Bettpfanne anrücken. Wenn es einen gerechten Herrn im Himmel geben möge, dann wäre es mein Wunsch, jemanden wie Gauck, wenn er klingelt, woandershin umzuleiten. Zumutungen muss man schließlich akzeptieren. Das gilt dann freilich für Alle!

Gauck wolle keinen Führer, schreibt Bild. Und fährt, ihres Sarkasmus‘ offenbar nicht bewusst, fort, es können auch zwei oder drei sein, die das zusammen machen. Zwei oder drei Führer, das wird ja immer schöner. Gauck meinte natürlich zwei oder drei Personen mit Führungsqualitäten. Nun ist es in Tagen, da ein neuer Co-Linken-Chef die Union ansatzweise in die Nähe von Faschismus rückte, was ebenfalls eine Zumutung ist, fast an der Tagesordnung, dass sich Gedanken semantisch verwischen. Dafür allerdings tragen die Verantwortung, die mit Worten nicht immer glücklich hantieren. Nur bei etwa dem Thema Beamten und Renten kommt es zu keinerlei Verwischung. Da ist die Lobby derart gewappnet, dass nur ein Zwischenruf reicht und sie haben sich Zumutungen vom Halse gehalten. Davon zu hören ist natürlich bei Gauck kein Wort. Das nenn ich posttheologische Cleverness. Oder er ist so durch, wie aus Sicht Gaucks der SPD-Chef Klingbeil durch ist.

Nicht etwa der drastische Sozialabbau, den wir derzeit erleben, ist ein Grund, weshalb die Demokratie derzeit auf tönenden Füßen steht. Sondern der Mangel an einem positiven Bild von der Zukunft, der nicht durch politische Weicheier, sondern durch eine Regierung mit Risiko-Bereitschaft gedreht werden müsse. Die Parteien dürften am Ende nicht wieder vor ihren eigenen Bedenken kapitulieren. In diesem Sinne wärmte Gauck denn wieder einen tausendmal bemühten Spruch auf: Erst das Land, dann die Partei. Bis heute ist nicht klar, wer ihn erfunden hat. Immer mal wieder ist vom ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, CDU, die Rede. Da wäre dann schon der Namen so etwas wie Programm. Und ein Hinweis darauf, dass der Gegenspieler des Herrn im Himmel durchaus Interesse hätte haben können, uns den Gauck auf die Erde zu schicken. Den Prediger vor dem sozialpolitischen Zerfall. Gott bewahre uns!



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