Von Unionskreisen wird davor gewarnt, sich im Stadtstaat Berlin in eine Koalition unter Führung der Partei Die Linke zu begeben. Über allen Einwänden stehendes Argument: In der Partei, insbesondere in deren Bezirksverband Neukölln, wimmele es quasi vor Antisemiten. Mit solch einer Partei könne und dürfe man nicht gemeinsame Sache machen; schon gar nicht in der Hauptstadt Deutschlands. Da hilft es auch nicht, wenn sich die Verantwortlichen der Linken von antisemitischen Ausfällen im Nachbarstadtteil Kreuzbergs distanzieren. Nicht nur jetzt. Auch vor der Wahl hatte die Linken-Führung inklusive ihrer Spitzenkandidaten und möglichen neuen Regierenden Bürgermeisterin Elif Eralp scharfe Kritik an derlei Ausfällen geübt und betont, Die Linke trete ausdrücklich für den Schutz von Jüdinnen und Juden auch in Berlin und für die Existenz des Staates Israel ein. Das Narrativ vom linken Extremismus, der sich gerade durch Antisemtismus auszeichne, ist gesetzt.
Es soll davon ablenken, wie fulminant der Sieg der Linken ausgefallen ist – und wie elend die Ergebnisse für die bisherigen Bündnisparteien CDU und SPD daherkommen. So elend, dass zunehmend darüber spekuliert wird, inwieweit Bundeskanzler Friedrich Merz die immensen Verluste seiner Partei in Berlin und das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde in Mecklenburg-Vorpommern auf Dauer ohne eigene persönliche Konsequenzen aussitzen kann. Die Erzählung lenkt freilich auch davon ab, dass CDU-Politikern selbst durchaus fragwürdige Verbindungen in extreme Kreise hinein vorgehalten werden. So etwa der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die als einstige Schatzmeisterin ihrer Partei mehr als nur losen Kontakt zum Finanzier der Rechtsaußen-Plattform Nius, Frank Gotthard, gepflegt haben soll. Oder nehmen wir die Teilnahme von CDU-Mitglied (KV Pankow) und ehedem Höcke-Anwalt Ulrich Vosgerau am dubiosen Potsdamer Geheimtreffen.
Der glücklose CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers, der um SPD und Grüne für eine Koalition in Berlin ohne Die Linke wirbt, was rein rechnerisch knapp ginge, sagte dem Tagesspiegel noch Ende August 2026, kurz vor den Wahlen: Wer Mitglied der CDU sein will, darf sich mit radikalen Parteien nicht gemein machen. Nur: Von einem erwogenen Ausschlussverfahren gegen Vosgerau ist, nachdem der gegen Details der Berichterstattung über das Potsdamer Geheimtreffen vor Gericht gezogen war, nicht mehr wirklich die Rede. Die CDU ist also, wenn schon, dann selbst nicht ganz frei von Mitgliedern, die offenbar der Versuchung nicht entgehen können, sich mit Leuten abzugeben, die einen ausgesprochen positiven Hang zum Extremen haben. Soll es doch beim Potsdamer Treffen insbesondere auch darum gegangen sein, wie man rechte Front gegen Migranten macht. Auch gegen jene, die schon sehr lange in Deutschland leben, aber ausländische Wurzeln haben. Stichwort. Remigration.
Wenn es also darum geht, der Linken vorzuwerfen, sie dulde Mitglieder in ihren Reihen, die sprichwörtlich nicht ganz koscher sind, dann ließe sich der Vorwurf durchaus erwidern. Oder man räumt gegenseitig ein, dass man natürlich nicht alle Mitglieder einer Partei von oben herab lückenlos zügeln kann, deren extreme politische Ansichten man nicht teilt. Mag sein, dass die CDU ihre schwarzen Schafe nicht als Bestandteile ganzer Herden sieht, Quertreiber bei der Linken aber schon. Man könnte es ja vielleicht so machen: Man zählt mal die einen ab – und die in der Union auch, die, sagen wir: eine Neigung oder gar Zuneigung zur teils als gesichert rechtsextrem geltenden AfD haben. Und das Etikett wurde der AfD von Behörden angeheftet, deren Kompetenz die CDU hoffentlich nicht bezweifeln will. Was käme dabei wohl heraus? Es ist also müßig, Die Linke in eine extreme Ecke etwa mit der AfD zu stellen, das geht nicht nur im Zweifel ganz schön nach hinten los.
Man kann es aber auch so machen, dass man zugibt, dass Die Linke mit ihrem Wahlkampf die Finger in die Wunden jahrelanger Missentwicklungen gelegt und damit den Nerv eines großenteils der Berliner Wähler/innen getroffen hat. Nimmt man allein mal den Mietwucher in der Stadt. Ich selbst habe zuletzt in einer 56-m2-Wohnung gewohnt, für die um die 27 € pro Quadratmeter verlangt wurden, Nachmieter sollen jetzt sogar 29 € zahlen – kalt!!!! Und weil das ein Neubau ist, der ja angeblich gegen Wohnungsnot helfen soll, lässt sich noch nicht mal so einfach dagegen vorgehen. Selbst wenn es keinen Volksentscheid gegeben hätte, der mehrheitlich verlangte, deswegen die Enteignung von Wohnungsbau-Unternehmen in Betracht zu ziehen: Die alte CDU/SPD-Regierung hätte von selbst drauf kommen müssen. Wenn sich nun die SPD zieren sollte, Die Linke als künftigen Bündnispartner vorzuziehen, dann herzliches Beileid!
Denn die Sozialdemokraten werden, darauf möchte ich Stein und Bein schwören, für eine Wiederauflage der Koalition unter CDU-Führung, selbst wenn die Grünen mitmachten, erneut in Haftung genommen. Will heißen: Sie werden eher noch schlechter abschneiden als dieses Mal. Wer dabei mitmacht, eine demokratische Partei, die von einem ARD-Moderator als last exit immer wieder schon rein altersmäßig nur im Sinne von Unsinn und mittlerweile Geschichtsklitterung als Ex-SED-Partei vorgeführt wird, per Extremismus-Verdacht ins Abseits zu verfrachten, dem sollte das Hufeisen, das er bemüht, auf den Kopf fallen. Die angebliche Rechts-links-„Logik“ lässt sich nicht mehr stimmenfänglich programmieren. Das Reden vom Abrutschen der Republik an die Ränder, weil rechts, unbedingt auch links, hat sich angesichts der politischen Realitäten totgelaufen. Und nur ganz schlaffe Kaninchen überm Zaun kauen weiter auf dieser abgenagten Rübe rum.

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