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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Casdorffs Größte Schmach

Da hat sich Stephan-Andreas Casdorff alle erdenkliche Mühe gegeben, in Sachen israelischer Regierungspolitik der deutschen, vor allem aber auch der Staatsräson Israels das Wort zu schreiben – und nun das! Nicht nur der Tagesspiegel, für den er als Chefredakteur und Herausgeber tätig war und für den er zuletzt als Editor-at-Large Meinungsbeiträge verfasste – oder soll man sagen: verfassen ließ? -, sperrt ihn quasi bis auf Weiteres aus. Auch die Jüdische Allgemeine, für die sich Casdorff ins Zeug warf, depublizierte (wie es so schön heißt) zwei seiner politisch engagierten Haltungsartikel. Casdorff-Beiträge, so die Ausgangs-Causa, hatten beim Tagesspiegel offenbar in größerem Umfang mit Hilfe Künstlicher Intelligenz das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

Nach dieser schon an sich hinreichenden Depublizierungs-Schmach fügt sich Casdorff, ganz at Large, eigen“mächtig“ weitere Schmach hinzu. Jedenfalls lässt sich ein Satz in dem Depublizierungshinweis der JA nicht wirklich ehrenwert interpretieren. Dieser Satz ist im Alltag auf ein oder andere Weise nicht unbekannt. Er lautet hier: Die Jüdische Allgemeine hat bisher vergeblich versucht, Casdorff zu erreichen. Der 67jährige ist also, was man in anderen, deutlich prekäreren Affären so sagt: untergetaucht. Nach einem kurzen Statement der Reue – gipfelnd in dem Wörtchen Riesenfehler – ist öffentlich, so weit ich das überblicken kann, nichts mehr von Casdorff zu vernehmen. Das ist, wäre dem so, kein Zeichen dafür, dass noch was zu Retten sein könnte.

Unbestätigt sind Mutmaßungen, Casdorff könnte sich mit ähnlich verdienten „Kolleg(*innen)“ wie Claas Relotius oder Tom Kummer zusammengetan und eine der Problemlage insgesamt angemessen vielseitige Selbsthilfegruppe gegründet haben. Dem ebenfalls unbestätigten Vernehmen nach soll die Gruppe von Matthias Döpfner, Gabor Steingart und – in Krankheitsfällen – Julian Reichelt gecoacht werden. Die allesamt sehr viel weiter sind als Casdorff, als dass ihnen Larmoyanz fremd sein dürfte. Dort dürfte es weniger darum gehen, ob etwa Erleichterungen bei der inhaltlichen und technischen Verwirklichung selbstbehaupteter Berufung ethisch vertretbar sind, als vielmehr darum, sich offensiv lustig zu machen.

Und zwar über jene noch in der Mehrheit befindliche Schar der so genannten Vierten Gewalt, die doch tatsächlich noch immer nicht den tieferen Sinn von Work-Life-Balance verstanden haben. Von Work-work-Balance, wenn man so will, schreibt auf dem Branchenportal kress der Chefredakteur des Weser-Kurier namens Benjamin Piel. Er hat die geniale Idee vom dritten Weg in der KI-Debatte. Der bereits in einem schulischen Feldversuch mit seiner Tochter getestet und für gut befunden worden sei. Danach geht es nicht darum, ob, sondern wie man Künstliche Intelligenz nutzbar macht. Wenn Sie jetzt den Eindruck haben, dieser Einfall sei alt, schon tausendmal eingespeist und könnte deswegen KI-generiert sein, liegen Sie vermutlich nicht falsch.

Ich überlege, den dritten Weg der Ordnung halber beim Plagiate-Jäger Dr. Stefan Weber einzureichen. Der prüfen möge, ob dieser dritte Weg, einst als Weg zwischen sozialistischer Planwirtschaft und ungezügeltem Neoliberalismus gepriesen, so ohne weiterem Entlehnungshinweis ins Journalistische übernommen werden kann. Wer den dritten Weg aus Spaß mal bei Google eingibt, wird schnell erkennen, welche Fallstricke da lauern. Dort spuckt KI als erstes eine gleichnamige Neonaziorganisation aus, die Verfassungsschützer verfassungfeindlich nennen. Die hat Piel sicherlich nicht gemeint. Aber wer weiß, was KI in ein paar Jahren unter seinem Namen und dem Begriff vom dritten Weg offenbart. Und ob da dann schnöde Feldversuche helfen.

Eingeordnet hat Chefredakteur Piel seinen dritten Weg in in der Mitte zwischen Dumm- und Schlau-Nutzung Künstlicher Intelligenz. Seine Quintessenz: KI macht nur noch sichtbarere, worauf es im Journalismus schon immer angekommen ist. Möglicherweise hat Casdorff den Satz, angenommen Piel hätte ihn schon vor Casdorffs Schmach ausgesprochen, eher so verstanden: Worauf es im Journalismus schon immer angekommen ist, wird um so cleverer kenntlich, wenn man KI unsichtbar macht. Da hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn solange KI noch debattenfähig und nicht selbstverständlich ist, ist Stefan Weber nicht weit. Und Casdorff nicht der letzte Branchist, der irrt, wenn er meint, mit KI Ruhm befeuern zu können.



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