Hey, ich bin ein Nicht-Jude und ich bin Zionist! So hat sich Springer-Ceo Mathias Döpfner jetzt in Stellung gebracht.
Ich schaue zwiespältig auf Vorwürfe kultureller Aneignung. Wiewohl diese Vorwürfe nicht selten ihre Berechtigung haben. Weil kulturelle Aneignung tatsächlich oft aus einer Warte der Überheblichkeit stattfindet. Und jene marginalisiert, die man kopiert. Und sie damit aus dem jeweiligen Kontext reißt und kommerzialisiert, worum es im tieferen Sinne geht. Bisweilen ist diese Kommerzialisierung auch politisch konnotiert. Solidarität kann dann oft bestensfalls lächerlich wirken, folkloristisch. Schlimmstenfalls hat sie durchaus etwas Übergriffiges und stellt sich damit selbst in Frage,
Ich bin ein Nicht-Jude und ein Zionist – dieser sinngemäße Ausruf Döpfners, verbunden mit der Appell Wir sollte alle Zionisten sein gehört in letztere Kategorie.
Was maßt sich Springer-Chef Mathias Döpfner also eigentlich an , wenn er sich als Nicht-Jude zum Zionisten erklärt? Und was ist sein teils berechtigter Vorwurf im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen im Kulturbetrieb wert, wenn er in der JA die Kälte und Herzlosigkeit, mit der die Schöngeister dem von Islamismus geprägten Zeitgeist nach dem Mund reden, anspricht – und selbst ein, wie es nicht wenige sehen, Redner-nach-dem-Munde ist?
Wenn man in seiner Solidarität ernst genommen werden will, ist es vielleicht gut, sich davor zu hüten, über überschwängliche oder bisweilen falsche Parolenhaftigkeit zu politischer Identität zu finden. Man muss nicht ein Palästinensertuch tragen, um sich und andere seiner Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu versichern, das von Israel terrorisiert und, in Sippenhaft für die Hamas, in Gaza Opfer von Völkerrechtsverbrechen und dort und im Westjordanland in seiner Existenz bedroht wird.
Der Universalismus, dem ich anhänge, erfährt keine besondere Geltung, wenn er im Ringen um Existenz- und Freiheitsrechte versucht, in jeder Facette mit denen, denen man seine Solidarität bekundet, identisch zu sein. Das würde dem Viefältgkeitsgedanken widersprechen, den auch und gerade der Universalismus hochhält. Man kann sich übergreifend für die Rechte aller Menschen stark machen, ohne übergriffig zu werden. Das macht im Zweifel Solidarität glaubwürdiger. Und wahrt die Möglichkeit, Irrtümer anzusprechen und Verletzungen von Völker- und Menschenrechten zu bekämpfen. Von welcher Seite diese Verletzungen auch immer kommen.
Wie trügerisch distanzlose und sich gemein machende Solidarität sein kann, das hat, so erlaube ich mir hier gerechterweise einzuflechten, auch die Linke erfahren müssen. Etwa am Beispiel Nicaraguas. Wo sie die Sandinisten unterstützte, um deren Anführer Daniel Ortega später als zerstörerischen Diktator zu erleben.
Die Zitate stammen aus einer Rede, die Mathias Döpfner in Genf gehalten hat. Beim World Jewish Congress. Sie gehört zur anbiedernden Klaviatur, die der Hobby-Pianist auch in einem Beitrag für die Jüdische Allgemeine (JA) bespielt. Man mag ihm abnehmen, dass er sich damit als besonders glaubwürdig bei der Bekämpfung von Antisemitismus darstellen möchte. Wenn er freilich Anderen und ihrem Nie wieder! ihre Glaubwürdigkeit abspricht und ihnen unterstellt, ihr Nie wieder! sei zu einer Phrase für Sonntagsreden geworden, dann überhöht er seine eigene vermeintliche Integrität gegen Antisemitismus doch reichlich.
Man könnte es auch so sagen: Würde man Döpfners Ruf Wir sollten alle Zionisten sein folgen, ließe sich böswillig daraus auch der Schluss ziehen, er selbst stellte das Existenzrecht Israels in Frage, das allenthalben auf so etwas wie einem exklusiven Zionismus beruht. Der der Gründung Israels zur Schaffung, Sicherung und Erhaltung eines souveränen, unabhängigen jüdischen Staates zu Grunde liegt.
Und wäre das dann nicht auch eine Art Antisemitismus?
Dieser, gewiss unerhörte Schluss ist sehr wohl äußerst sarkastisch, aber er bekommt zusätzlich Nahrung, als dass Döpfner in der JA vom verheerenden und menschlich widerlichen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 als einem Pogrom spricht. Was durchaus und ich behaupte bewusst den Bogen zu den Pogromen der Nazis und zum Holocaust schlägt. Aber war und ist die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden nicht singulär in der Geschichte der Judenverfolgung – wie es zu Recht auch seitens der Vertreter des Staates Israel heißt?
Wenn sich Döpfner also jetzt als Nicht-Jude und Zionist geriert, quasi den guten Zionisten spielen möchte, dann bringt das Probleme mit sich, die er bereits heute negiert. Da angesichts des Vorgehens der israelischen Regierung selbst jene zurückhaltender werden, die gestern noch eine umstrittene Staatsräson hochhielten. Wer Solidarität derart predigt, wie es Döpfner tut, schneidet sich alle Wege ab, universelle Rechte anzuerkennen – und deren tiefgreifende Verletzungen zu sehen. Heute im Nahen Osten, morgen anderswo.
Die Souveränität, die der Nicht-Jude Döpfer einfordert, in dem er den Slogan Wir sollten alle Zionisten sein in die Welt hinausposaunt, gilt auch für die Palästinenser*innen in Gaza und im Westjordanland, gilt auch für den Libanon, der nicht zu Israel gehört, aber behandelt wird wie eine Exklave, gilt auch für den Iran, dessen Mullahs man davonzujagen vorgibt, um gleichzeitig die Opposition wegzufegen.
Döpfner ist mit seinem selbstherrlichen Ausruf Ich bin ein Nicht-Jude und ich bin Zionist das Gegenteil eines Universalisten. Und macht sich mit dieser Anmaßung auch im Kampf gegen Antisemitismus unglaubwürdig. Döpfner fällt gewissermaßen über seine Gefallsucht. Das ist nicht solidarisch, sondern in höchstem Grade selbstgefällig.
Der Name Zion beschreibt einen Ort, die Stadt Henoch (siehe Mose 7, 18-21), das alte Jerusalem (Samuel 5:6,7 und Könige 8:1).
In neuzeitlicher Offenbarung wird Zion als die im Herzen Reinen definiert. Das ist zwar die christliche, gewissermaßen die religiös-theoratische Prägung und Ausgestaltung des Begriffs Zion, nicht die politische. Aber wer weiß….
Als im 19. Jahrhundert Jüdinnen und Juden insbesondere in Osteuropa bedroht, also Opfer antisemitischer Angriffe wurden, entstand als Antwort die Idee vom (politischen) Zionismus, dessen hauptsächlicher Begründer Theodor Herzl war.
Die Geschichte des Ortes Zion ist vielfältig. Sie umfasst die römischen Zerstörung Jerusalems im Jüdischen Krieg und teils gewaltsame innerjudäische Auseinandersetzungen, die christliche Kreuzfahrerherrschaft und die islamische Vorherrschaft, die zwischenzeitlich wieder durch christliche Dominanz abgelöst wurde. Bis 1948 israelische Truppen im Palästinakrieg den so genannten Zionsberg eroberten. Alles weitere ist bekannt.
Wenn Döpfer ein Zionist sein möchte, so sollte er wenigstens gewahr sein, dass auch Zionisten untereinander nicht immer sicher sind, was sie genau mit Zionismus meinen. Und was der Staat Israel in der berechtigten Verteidigung seiner Existenz unter Zionismus verstehen möge.
Die im Herzen Reinen wäre vielleicht einen Hinweis wert. Und würde auch Döpfner helfen, mit dem Begriff des Zionismus weniger auf die nicht-jüdische proisraelische Phalanx zu schielen und in diesem Zusammenhang auf alleinige anti-islamische Ressentiments zu setzen. Sondern auf einen Universalismus, der davon absieht, sich quasi über kultureller Aneignung Gehör zu verschaffen und fragwürdigen Heldenstatus zuzusprechen.

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