Der Pianist Igor Levit ist vielleicht etwas zwiegespalten. Und insofern auch zwiespältig. In Debatten um Auftritte russischer Künstler nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine pendelte er deswegen zwischen der Freiheit der Kunst und der Verantwortung des Musikers als Bürger. Eine Auseinandersetzung, die die kulturpolitischen Wogen schon damals hochschlagen ließ. Und sich seitdem kaum wirklich beruhigte.
In einem 2023 von BR-Klassik zitierten Post meinte Levit freilich mit Blick auf die gewaltsame russische Aggression, eine unpolitische Haltung in einem solchen Fall mit dem eigenen Künstler-Dasein zu entschuldigen, beleidige die Kunst an sich. Eine Anspielung auf die Sopranisten Anna Netrebko, die damals wegen des Vorwurfs politischer Biegsamkeit ins Schussfeld öffentlicher Kritik geriet.
Dass Levit das im Zweifel dann doch nicht ganz so eng sehen wollte, zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 2015, aufgeschrieben von der Jüdischen Allgemeinen. Sie handelt von einem Konzert Levits in Wien. Dort intonierte er unter anderem das linke Kampflied El Pueblo Unido von Sergio Ortega, komponiert im letzten Jahr der Allende-Regierung in Chile . Von einem Zuhörer sei er, wie die Jüdische Allgemeine damals berichtete, gefragt worden: Wenn Sie so einen Kommunisten spielen, warum spielen Sie nicht auch das Horst-Wessel-Lied?
Levit: Mit Verlaub, die Nazis haben keine gute Musik geschrieben – zeigen Sie mir ein gutes Werk, und ich werde es spielen.
Nun hat er es getan, in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, in der Staatsoper Unter den Linden. Zusammen mit dem Dirigenten und erklärten Wagner-Verehrer Christian Thielemann. Was selbst den sonst vor Liberalität strotzenden Tagesspiegel einigermaßen irritiert. Unterschwellig spürt man gar ein bisschen Fassungslosigkeit.
Mit dem Klavierkonzert des erklärten Antisemiten Hans Pfitzner haute Levit in die Tasten, als wäre sein Appell an die Verantwortung des Künstlers als Bürger und sein Gerede von der Beleidigung der Kunst durch eine bestenfalls unpolitische Haltung an alle, nur nicht an ihn selbst gerichtet gewesen. Dabei ist Igor Levit, ebenfalls erklärtermaßen, nichts so politisch zuwider, wie der wachsende Antisemitismus. Und der Musiker in ihm müsste gefrieren.
Schon vor zwei Jahren forderte Levit die Deutschen auf, unmittelbar und direkt auf jedwede Form von Judenfeindlichkeit zu reagieren. Täglich höre er aus verschiedenen Richtungen, wie wichtig der Kampf gegen Antisemitismus sei. Und wie wichtig es sei, Haltung zu zeigen. Aber wenn er diese hehren Worte glauben solle, so zitierte ihn die Jüdische Allgemeine weiter, müsse eine Reaktion auf Judenhass vor Ort und sofort erfolgen, auch wenn sie gegen das geplante Protokoll verstößt. Dabei sei es egal, ob es um Vorfälle auf der Bühne eines großen Kulturfestivals oder auf der Bühne des Bundeskanzleramts gehe.
Und nun spielt er Hans Pfitzner, auf der Bühne in Berlin.
Den Hans Pfitzner, der sich stolz selbst den deutschesten aller Künstler nannte und den Thomas Mann als treudeutsch und bitterböse charakterisierte. Der Mann, der antisemitischer nicht sein konnte. Der einst in einem Brief an einen Freund meinte: Vielleicht ist das die richtige Stelle, an der ich erwähnen kann, dass ich mich hier in Berlin ganz besonders als Antisemit ausgebildet habe. Man hat hier die Gefahr und die Macht so nahe vor Augen. Der laut Wikipedia in den 1920er Jahren einen Gegensatz zwischen deutscher Musik und ihren jüdischen Zersetzern konstruierte. Der die deutschen Arbeiter vor russisch-jüdischen Verbrechern warnte. Der die Neue Musik hasste und ihren wohlwollenden Kritiker Paul Bekker, der aus einem jüdischen Elternhaus stammte, antisemitsch fertig machte.
Den Hans Pfitzner, der den Antisemiten Richard Wagner gegen die Verunglimpfung durch Thomas Mann verteidigte. Der vom Kampfbund für deutsche Kultur unterstützt wurde, welcher dafür sorgte, dass der jüdische und später als Kulturbolschewist gescholtene Generalmusikdirektor Otto Klemperer, der Pfitzner nicht an der deutschen Staatsoper spielen wollte, entlassen wurde. Der sich fleißig an Wahlkampfaufrufen für Hitler beteiligte. Und von Joseph Goebbels zum Mitglied des Reichskultursenats ernannte wurde, der wiederum für Volksaufklärung und Nazi-Propaganda stand. Nur einmal gab es offenbar Zweifel daran, dass Pfitzner ein waschechter Arier sei. Aber die zerstreute Pfitzner schnell. Er komponierte Musik für Kriegsverbrecher und hatte auch nach 1945 eine klare Meinung: Das Weltjudentum ist ein Problem & und zwar ein Rassenproblem…& es wird noch einmal aufgegriffen werden, wobei man sich Hitlers erinnern wird…
Der Kulturwissenschaftler und Publizist Jens Malte Fischer kommentierte Anfang der 2000er Jahre dazu, Hans Pfitzner sei ein verbitterter alter Krakeeler, der sozusagen erst nach Kriegsende zum wirklichen Nationalsozialisten…und ideologischen Spießgesellen des Massenmordes geworden sei.
In den Texten Pfitzners nach Weltkriegsende finden sich noch viele andere dezidiert rassistische Äußerungen. Zu den NS-Vernichtungslagern ließ er wissen, dass dort schreckliche Dinge geschehen sein mögen, wie sie freilich immer in solchen Umwälzungsprozessen vorkämen. Gern versuchte Pfitzner auch, Schuld gegen Schuld zu rechnen. Und immer wieder sein idealistischen Streben in den Fokus zu rücken. Dass er in Entnazifizierungsverfahren freigesprochen wurde, schien ihm Genugtuung.
Aber ach, die Musik! Man weiß nicht, was in Levits Kopf vorging, als er 2024 bei seiner Auszeichnung mit der Buber-Rosenzweig-Medaille an die Menschen in Deutschland appellierte, gegen Antisemitismus aufzustehen. Um sich jetzt an den Flügel zu setzen und ausgerechnet Hans Pfitzner zu spielen.
Damals würdigte ihn der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) für sein langjähriges Engagement »gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit, seien es Antisemitismus, Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung und für eine freie, demokratische und vielfältige Gesellschaft. Für den Musiker gehörten, wie in der Jüdischen Allgemeinen wiedergegeben, Musik und politisches Engagement zusammen.
Mag sein, der Tagesspiegel hat in seinem Versuch, zu verstehen, was Levit veranlasste, gerade jetzt ausgerechnet Pfitzner auf die Bühne zu bringen, Recht, wenn er schreibt: In Pfitzners Kunst könne – so wird vornehm getextet – dieser den Zeitgeist stets verneinende Komponist auch berühren. Nur: Welchen Zeitgeist meint der Tagesspiegel-Autor? Den im Nazi-Deuschland? Und was meint er, wenn er formuliert, dass Staatskapellen-Chef Christian Thielemann als bekennender Verehrer gerne auf die spröden Wunder der Künstleroper „Palestrina“ verweise. Und nun also das Klavierkonzert zur Aufführung bringe, das Pfitzners Widerborstigkeit ebenso spiegelt wie seine einsamen Versuche, Widersprüchliches unter das trutzige Dach einer national geprägten Ästhetik zu zwingen.
Soll hier mit dem Verweis auf die Gattung der Künstleroper, die sich um das Leben, Schaffen und Leiden etwa von Komponisten dreht, am Ende der musikalisch-politische Fauxpas von Levit und Thielmann doch noch irgendwie reingewaschen werden?
Dass der Tagesspiegel-Feuilletonist schließlich bemerkt, dass das anschließend an Pfitzner mit einer gleichen Liebe zum Klavierkonzert des italienischen Ferruccio Busoni, einem europäischen Humanisten, der hier Bach bearbeitet, nicht so recht geklappt habe, entwirft ein zusätzlich fragwürdiges Bild von diesem Abend.
Vielleicht hätte der vielgepriesene Pianist Igor Levit die Ehre, sich einmal ganz verbindlich an seiner Worte an anderer Stelle zu erinnern. Wenn die Sopranisten Netrebko auf der Bühne für den in der alten Sowjetunion geborenen Levit in Zeiten Putinscher verbrecherischer Kriegsführung nicht unproblematisch war, dann dürfte Hans Pfitzner Unter den Linden wahrlich die Blätter der historischen Bäume welken lassen. Im Sinne der Bekämpfung des Antisemitismus ist das nicht. Und längst nicht alles, was gut gespielt wird, klingt im übertragenen Sinne gut.
Einen Persilschein kann sich Levit dafür nicht abholen.
Quellen und Zitate sind, soweit nicht im Text ausgewiesen, der/aus dem Tagesspiegel, die/der Jüdische(n) Allgemeine und Wikipedia

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