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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Levit Und Kunstfreiheit

Die Aufführung des Klavierkonzerts von Hans Pfitzner in der Berliner Staatsoper Unter den Linden und mein kritischer Beitrag dazu hat in meiner Umgebung eine Diskussion über die Freiheit von Kunst und Künstlern losgetreten. Denn am Flügel saß an diesem Abend Igor Levit, Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille, die ihm 2024 wegen seines Engagements gegen jegliche Form von Antisemitismus verliehen worden war. Und weil Levit jemand sei, der, wie es hieß, Musik und politisches Engagement zusammendenke. Hans Pfitzner war ein deutscher Komponist und zugleich erklärter Antisemit. Darf dessen Musik in Zeiten, in denen so leidenschaftlich wie selten zuvor nach dem Holocaust zum und gegen Anbtisemitismus Stellung bezogen wird, gespielt werden? Ist Kritik daran übertriebene wokeness. Oder wird gar die unbestritten wertvolle Kunstfreiheit beschnitten, um die es in vielen Debatten auch mit Blick auf die Politik Israels immer wieder geht?

Zunächst: Kunst muss frei sein wie die Kritik an ihr – und die Beleuchtung der Umstände, in die sich Kunst einbettet, denen sie sich fügt, gegenüber denen sie gleichgültig ist oder gegen die sie aufbegehrt. Ich bin gegen Verbot und Boykott. Man muss nicht alle Kunst und Künstlerinnen einladen, sollte sie aber auch nicht auf Druck einseitiger Interessen ausladen. Ich bin für Debatten, auch harte. Das müssen Kunst und Künstler, das müssen Politik und Gesellschaft aushalten. Wir sollen sie ja auch im Zweifel aushalten. Nur schweigen muss, darf und sollte man nicht. Zum Nichtschweigen gehört die Kritik, auch die scharfe Kritik. Das zeigen auch die jüngsten Diskussionen rund um die Biennale in Venedig. Aus diesem Grund habe ich mir auch erlaubt, Igor Levit zu kritisieren. Und Kritik daran zu üben, dass er, der von Künstlern, zumindest in schwerwiegenden Zusammenhängen, Haltung verlangt, kommentarlos einen Hans Pfitzner intoniert.

Sich auf das vielfach verminte Terrain künstlerischer Freiheiten zu begeben, ist, zumal in diesen kulturpolitischen Zeiten, heikel. Und Herausforderung. Im neuen Monopol-Magazin hat der Kolumnist Oliver Koerner von Gustorf darauf hingewiesen, dass die Forderung nach entpolitisierter Kunst vor allem in rechtskonservativen Kreisen immer lauter werde. Dabei werde der Kulturkampf skrupellos weitergeführt und Meinungsfreiheit eingeschränkt. Eine Entwicklung, die auch in Deutschland zu erkennen ist. Die Konflikte um die Politik von Kulturstaatsminister Weimer sind beredtes Beispiel. Von Gustorf hat sich in seinem Beitrag besonders die schweigende Duldung durch den progressiven Kunstbetrieb dazu vorgenommen. Aufgehängt an der Met-Gala in New York, der Benefizveranstaltung im Metropolitan Museum of Art, abgehalten im Sinne von Trumps Monster-Kapitalismus, in dem nur Geld, Besitz und Skrupellosigkeit zählten.

Für ihn, Gustorf, habe sich dort die liberale Hölle der Popkultur aufgetan. Wie immer habe es so ausgesehen: Ein buntes, diverses Spektakel mit queren, trans- und afrofuturoistischen Einsprengseln, mit vielen Popstars und Hollywood-Schauspielern aus der „Resistance“, die einfach nicht genug Haltung hatten, der Werbeveranstaltung des große ICE-Unterstützers und Gewerkschaftsfeindes Bezos fernzubleiben. In Anlehnung an Hannah Arendt stand die Moral plötzlich ohne Hülle da. Kulturkampf von rechts in bunt, sozusagen. Auch hierzulande sieht Gustorf ein langweiliges, freudloses Vakuum, ohne dass nennenswerte Gegenwehr stattfinde. Die Rechte habe es nichtmal nötig, so versuche ich sinngemäß zusammenzufassen, eigene rechte Kultur zu installieren. Sie verlaufe sich im Postulat, dass Kunst apolitisch zu sein habe, in Belanglosigkeit. Begleitet von entsprechenden Feuilletons. Linkes Aufbegehren nirgend. Stattdessen Partizipation.

Rechter Kulturkampf als mainstreamingen Performance. Und alle, siehe die Met-Gala, machen offenbar bereitwillig mit. Gustorf gießt seine Kritik daran in bittere Polemik. Wer sich in aufwühlenden Zeiten partizipativer Einlassung beugt, macht es den Rechten leicht: Super, weitermachen! Dann haben wir weniger Arbeit, euch abzuschaffen, das macht ihr schon selbst, gibt Gustorf das nurmehr unheimliche rechte Credo wieder. Die Kritik? Man dekolonialisiert, kritisiert, aber ohne die Verhältnisse wirklich anzutasten. Alles bleibe ausgedehnt vieldeutig. Vor diesem Hintergrund, mit Verweis auf Venedig, kritisiert der Autor, dass sich niemand offen die Frage stelle, wieso wir gerade jetzt, wo die ganze Welt zur Hölle fährt das Morden im völlig zerstörten Gaza nicht aufhört, Menschenrechte, Tierrechte mit Füßen getreten werden… eine Ausstellung brauchen, die uns einlädt, den beharrlichen Signalen der Erde und des Lebens bei Matscha-Tee zu lauschen.

Das ist angriffslustig, überspitzt. Wenn Gustorf uns wissen lässt, wie sehr aus seiner Sicht Proteste untergehen, Skandale zum Politereignis gemacht werden, um sie über die Entpolitisierung der Kunstkritik bis zur Unkenntlichkeit zu entschärfen. Und damit zu einer Normalisierung der Rechten beizutragen. Schweigende Bigotterie sei das, so übersetze ich. Damit aber wieder zurück zu Igor Levit. Es mag für sich genommen kein Unglück sei, die Musik des Antisemiten Pfitzner auf die Bühne zu bringen. Es ist ein Unglück, dies als jemand, der Antisemitismus bekämpft und dafür eine Medaille bekommt, kommentarlos zu tun. Am Ammersee tobte nicht lang her ein hitziger Konflikt um ein Pfitzner-Denkmal. Dabei verwies die Pfitzner-„Expertin“ Sabine Busch-Frank darauf, dass der Komponist kein struktureller Antisemit gewesen sei und jüdische Freunde hatte: zB den Schriftsteller Paul Nikolaus Cossmann – der allerdings zum katholischen Glauben konvertiert war.

Eher erwähnenswert scheint mir ihre Einlassung, dass, wenn man ein Gegner des Pfitzner-Denkmals sei, man ja auch andere Leute seiner Generation eliminieren müsse: Dazu gehöre etwa Carl Orff. Der hatte es aus der Sicht namhafter Historiker verstanden, sich zu Gunsten des eigenen Schaffens mit dem NS-Regime einzulassen und zugleich nach außen ein Bild von sich als einem unpolitischen und auch an Politik nicht interessierten Komponisten zu zeichnen (Wikipedia). Das verfängliche Arrangement muss nicht kleingeredet werden, wiewohl es sich von dem Hans Pfitzners doch einigermaßen unterscheidet. Ich würde allerdings auch Orff, den ich als Kind in der Musikschule aufführte, nicht mehr spielen, ohne einen Kommentar zu seiner Nazi-Nähe. In diesem Blog habe ich Mal gefordert, Bayreuth wegen Wagners Antisemitismus einzustampfen. Es wäre jedenfalls besser als so zu tun, als würde sich die Wagner-Verehrung im Unpolitischen bewegen.

Im September 2025 hatte BBC Proms eine live-Sendung unterbrochen. Es ging um ein Konzert des BBC Scottish Symphony Orchestra. Der israelische Dirigent Ilan Volkov wandte sich unmittelbar im Anschluss an das Konzert an das Publikum und verurteilte in einer emotionalen Ansprache das Vorgehen der Regierung seines Landes in Gaza. Die BBC erklärte, man sei über die Rede im Vorfeld nicht informiert gewesen. Im gleichen Monat wurde der israelische Dirigent Lahav Shani mitsamt den Münchner Philharmonikern von einem Festival in Belgien ausgeladen. Ich halte Beides für falsch. Vielmehr müsste es darum gehen, die Debatten, die mit Sende-Unterbrechungen und Ausladungen ja nicht aus der Welt geschafft werden, im öffentlichen Raum auszutragen. Der Politik in der Kunst mehr Raum zu geben und der Kunst mehr Politik abzutrotzen, statt die Räume entgegen den Realitäten zu entpolitisieren. Und der politischen Rechten derart auf den Leim zu gehen.

Als in Berlin der Berlinale-Eklat hochkochte, war es Kulturstaatsminister Wolfram Weimer der dafür sorgen wollte, dass kritische Stimmen zu Israel und Gaza unter den Teppich gekehrt würden. Weimer kommt stets mit dem Argument, das auch Feuilletonisten konservativer Medien gern im Munde führen: Irgendwann müsse ja mal Schluss sein, Kunst, Künste und Künstler alle Nase lang in politische Kontexte zu manövrieren. Als ob sie darin nicht unentwegt verwoben wären. Es gibt immer wieder Kultur-Protagonisten, die das selbst glauben. Das war auch bei der Berlinale der Fall, weswegen es nicht nur Empörung über Weimer gab. Man würde der Rechten einen großen Gefallen tun, als Kunst und Kunstschaffende in eine Szenerie gerückt zu werden oder gar aus eigenem Antrieb zu rücken, die sich vermeintlich unpolitisch gibt. Das gilt auch für Igor Levit. Wenn er Hans Pfitzner spielt, kommentarlos, und das im Zusammenwirken mit dem erklärten Wagner-Fan Christian Thielemann.



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