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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Ben’s Höcke Festspiele

Nochmal und nochmal und nochmal wird der Höcke-Monolog im Podcast des Ben Berndt beleuchtet. Als wäre ungeskriptet der „journalistische“ (?) Nabel der Welt. Ja, der viereinhalbstündige fragwürdige Sackgassen-Talk hat in nur wenigen Tagen drei Millionen Aufrufe generiert.
Jedoch wen, bitte schön, wundert das?
Giovanni di Lorenzo, den Chefredakteur der Zeit offenbar. In einem YouTube-Video seines Hauses zeigt sich di Lorenzo laut dem Medienportal kress irritiert: Ich verstehe diese Interviewreihe überhaupt nicht, dass Björn Höcke interviewt wird – nahezu vier Stunden ohne eine einzige kritische Gegenfrage.
Tja. Da hat er Ben Berndt tatsächlich nicht verstanden.
Dessen Agenda es ist, quasi jede und jeden zu Wort kommen zu lassen. Berndt ist BWLer. Es zählt, was sich verkaufen lässt. Allem voran auf ungeskriptet. Dem Temu-Ableger der Talk-Welt.

Man kann das Meinungsvielfalt nennen. Wie das beispielsweise auch vermeintlich honorige Verlage tun. Erste erscheinen sie seriös. Dann tauchen in den Auslagen zunehmend Autor*innen auf, die ausgesprochen zweifelhaften Gesinnungskram ausschütten. Verschwörungstheoretiker etwa, Querfrontler auch, allerlei Literat*innen mit rechtslastiger oder dezidiert rechter Gesinnung.
Der Verlag schwört auf Bandbreite. Und will doch aus ökonomischen Gründen das Feld weit halten. Da sind ihm Alle recht. Und plötzlich, siehe da, ist das Portfolio immer weiter nach rechts gerückt. Natürlich nicht absichtlich. Sondern, weil ja mal geschrieben werden dürfen muss, was man frei von der Leber weg denkt.
Das klingt dann bei Ben Berndt so: Ich halte nichts davon, Gespräche nur noch mit Menschen zu führen, die vorher den Gesinnungstest der etablierten Medien bestehen. Diskurs und Öffentlichkeit verlieren ihren Sinn, wenn nur noch innerhalb derselben Blase gesprochen wird. Dann produziert man keine Erkenntnis mehr, sondern nur noch Selbstbestätigung.
Und das ist natürlich das Allerletzte, was Berndt will.

Die Frankfurter Rundschau schrieb über den Podcast ungeskriptet: Ben Berndt habe mit Querdenkern, mit Verschwörungsgläubigen, aber auch mit Jan van Aken, dem Koch Steffen Henssler und dem Komiker Kaya Yanar. Man könnte ihn einen nützlichen Idioten nennen, der Höcke eine Bühne als ganz normaler Mensch gebe.
Bei TikTok illustriere der BWLer freilich einen Höcke-Zusammenschnitt mit Schwarz-Rot-Gold, der Podcast geht viral. Vermutlich nicht zu Ben Berndts finanziellem Nachteil.
Das ist es, was ich meine. Geld trifft rechten Agitprop.

Wenn der Stern ehedem über Ben Berndt unter der Überschrift Die Kunst des guten Zuhörers textete: Richtig Zuhören sei eine Kunst. Vor allem bei Meinungen und Sichtweisen, die nicht die eigenen sind. Wer das kann, der ist ein Vorbild für ein besseres Miteinander. Einer mit dieser Gabe sei Ben Berndt. Und dann sternförmig ausschweift: Der grundsympathische Enddreißiger würde mit sonorer Stimme und entwaffnendem Lächeln mit sehr unterschiedlichen Gästen über alle möglichen Themen des Lebens sprechen. Sein Geheimnis sei es, sehr genau zuzuhören, punktgenau die richtigen Fragen zu stellen und von anderen lernen zu wollen. Dann trifft dieses Märchen vom angeblichen Gutmenschen haarscharf Berndts Geschäftsmodell.
Glücklich sei er nie gewesen, zitiert ihn der Stern.
Jetzt, da er auch AfD-Rechtsaußen Höcke sein wertes Ohr geschenkt hat, müsste Berndt eigentlich außer sich vor Freude sein. Höcke, die Klickperle im kunterbunten Muschelland von ungeskriptet, hat ihm, ganz unverhofft, Publicity gebracht.
Der Name Höcke ist gleichsam künftiger Freifahrtsschein.

Dass Ben Berndt ein guter Zuhörer ist, der nicht dazu neigt, sich irgendwie mit dem Dahersprechenden gemein zu machen, von Interview mag man (siehe Giovanni di Lorenzo) nicht reden, und das ist ja auch nicht Berndts Dreh, ist immer wieder durch freundliche Kritiker*innen beschworenes ungeskriptet-Narrativ.
Auf dem YouTube-Kanal Die Deutschen lässt er der Camouflage ihren Lauf. Nur ein minimaler Teil seiner Podcast-Folgen seien Folgen mit Rechten, nur eine Folge gebe es mit einem AfD-Politiker.
Weil die Rechten die Bösen seien, sei nun auch er ein Böser. Rechts sei ja böse, keine erlaubte Meinung, also wolle man ihn und seinen Podcast auch rechts Framen. Wie unverschämt.
So genau sieht das Versteck aus, das sich Podcaster wie Berndt und andere in der vielgefächerten Meinungsbranche gerne bauen. Man verharmlost andere, etwa Höcke, und damit sich selbst.

Auf dem Portal die-deutsche-wirtschaft.de, dem, so gepriesen, Informationsnetzwerk der führenden Unternehmen Deutschlands, verrät Ben Berndt: Dass das Gespräch mit Höcke Wellen schlagen würde, sei ihm klar gewesen. Dass manche im Medienbetrieb so reflexhaft Schnappatmung bekommen, ehrlich gesagt auch. Sofort sei es losgegangen mit: ‚Das macht man nicht.‘ ‚Dem darf man keine Bühne geben.‘ ‚Mit so jemandem spricht man nicht.‘ ‚Das muss man einordnen, das war zu unkritisch, so geht das nicht.‘
Ehrlich gesagt, so Berndt, halte er einen Teil dieser Empörung ganz einfach für verletzte Eitelkeit. Zur eigenen Beruhigung erklärt er: Da waren einige dabei, die sich geärgert haben, dass sie dieses Gespräch nicht selbst geführt haben.
Ist also Alles vor allem eine Neiddebatte.

Weil die öffentliche Gelegenheit günstig scheint und das dieser Tage eine vielgeübte Schleife ist, wird gleich noch die Konkurrenz ins Visier genommen. Am Ende, so Berndt, reden wir hier nicht über irgendeinen belanglosen Podcast-Moment. Das Gespräch habe eingeschlagen, weil die Leute gemerkt hätten, dass da keine fünf Journalisten im Halbkreis sitzen, die sich gegenseitig moralisch bestätigen.
Sondern da sitze jemand und spricht. Ohne Studiokulisse, ohne vorbereitete Empörung und ohne dieses ewige Schauspiel aus Unterbrechen, Zuschreien und Haltungstheater.
Höcke demnach at his best!

Statt ewig die Gäste zu grillen, worauf man sonst im TV scharf sei, wollten die Zuschauer verstehen, wie Menschen ticken, gerade auch bei kontroversen Personen. Sie wollten nicht ständig erklärt bekommen, was sie moralisch zu denken haben. Sie wollen sich selbst ein Bild machen. Das sei übrigens kein Rechtsruck, sondern schlicht ein erwachsener Umgang mit Öffentlichkeit. Da framet sich Berndt nun allerdings vermutlich ungewollt selbst.
Die Höcke-Show wird nicht als rechtsdriftend dargestellt, doch das Wort rechts fällt, ein mit Grünzeug getarnter Fauxpas, Sigmund Freud würde sich freuen. Wer das mit dem erwachsenen Umgang bestreitet, sei, so soll man schlussfolgern, nichts weiter als kindisch.
Talk-Runden in etablierten Medien, vor denen Gäste Gesinnungstests bestehen müssten, funktionieren nicht mehr, so Berndt. Klassisches Roasten sei tot. Das hört sich ziemlich nach dem an, was AfD und das rechte Kulturkampf-Lager immer wieder in die Welt setzen. Dabei zeichnen sich, so sei hier eingeflochten, Talk-Shows im deutschen Fernsehen, zumal in den öffentlich-rechtlichen Sendern, eben nicht dadurch aus, dass irgendwer gegrillt wird, im Gegenteil.
Aber die Story muss raus.
Um das eigene Format nach allen Seiten zu pushen, braucht Berndt diese populistische Tirade.
So sehr wie die gebetsmühlenartige PR-Agentur-Lesart, die nach Kritik an dem Podcast mit Höcke, laut Focus so klingt: Das Gespräch selbst beschreibe er (Ben Berndt, d.Red.) als ruhig, kontrolliert und angenehmer, als viele erwartet hätten.
Björn Höcke trete darin nicht als lautstarker Agitator auf, sondern als reflektierter Gesprächspartner, der seine Positionen strukturiert darlege. Gerade diese Diskrepanz zwischen öffentlichem Bild und persönlichem Eindruck mache für Berndt den Kern des Interviews aus.

Dass der FAZ-Kollege Michael Hanfeld alle Finesse aufbietet, um Angriffe gegen ungeskriptet der Überreaktion zu überführen, wundert nicht. Zumal der schärfste Angriff von Ex-SPD-Chefin Saskia Esken kommt, von der man annehmen darf, dass sie nicht zu Hanfeld Lieblingspolitiker*innen gehört.
Esken, so der FAZ-Mann, reagiere auf das Höcke-Gastspiel bei Ben Berndt, so falsch wie man nur falsch reagieren kann. Und nicht allzu komplex.
Zwar vergibt auch Hanfeld nicht gerade gute Noten für den Berndt-Podcast. In dem sich Höcke als liebender Familienvater, barmherziger Samariter und glühender Patriot, der schon immer dem Guten, dem Großem dienen wollte, präsentieren dürfe. Erst nach zweieinhalb Stunden gehe es, so Hanfeld, zur Sache.
Dann käme der Sprech von einer zerstörten Vertrauensgesellschaft, der kulturellen Kernschmelze und den Kartellparteien, die sich angeblich ein neues Volk schafften und ein großes Mordkomplott gegen das deutsche Volk schmieden würden.
Das Alles höre sich der nette Berndt ebenso verständnisvoll an, wie die Schilderungen persönlichen Leids, die Höcke zuvor losgeworden sei. Ins Schwitzen käme Höcke nur, weil es im Studio so warm sei. Weswegen der AfD-Recke sein Jackett ablege.
Doch dann folgt, was man als Hanfelds schon vielfach geübte Spezial-Wende betrachten kann.
Seit einem Spiegel-Verriss und darauf folgender Kritik, heißt es, gehe es Schlagzeile um Schlagzeile um den Höcke-Auftritt. Inklusive Saskia Esken, die dem Podcast den Hahn abdrehen wolle, wie es Hanfeld ausdrückt. Damit mache sie genau das, wonach ein vermeintlich unpolitischer Harmlosheini wie der durchtrainierte Podcaster Berndt und erst recht Höcke und die AfD lechzten.
Am Ende würde man mit derlei Vorstößen die AFD nur immer größer machen und dem Land und der Regierung, zu der auch die SPD gehöre, maximal schaden.
Was nichts anderes meint, als dass die Kritiker*innen solcher rechten Ausfälle, wie sie im Podcast ungeskriptet zu begutachten sind, den Ausfällen im Zweifel eher Vorschub leisten. Erst recht, so sei ergänzt, wenn sie von links kommen. Was ist das? Schon eine Art Inschutznahme von Harmlosheinis?
Man mag es zugunsten von Hanfeld nicht denken.

Womit man wieder bei Giovanni di Lorenzo landet. Und seinem Unverständnis angesichts der Höcke-Festpiele auf Ben Berndts ungeskriptet.
Nein, Giovanni di Lorenzo, das Höcke-Gastspiel bei ungeskriptet ist nichts, was bloß irritieren sollte. Es ist das, was man Bühne frei für die AfD nennen darf – und es ist schnuppe, was Ben Berndt in seiner Unschuldshaltung selbst darüber meint. Derlei Unschuldshaltungen sind symptomatisch für Harmlosheinis, wofür Hanfeld Podcaster vom Schlage des BWLers hält.
Denen es ja nur um die Meinungsfreiheit geht. Und nicht möglicherweise oder ganz bestimmt darum, mit dem Teufel Geld zu machen.

Ein Kommentar im Netz vergleicht Ben Berndt mit Joe Rogan und seinen Maga-Gästen. Es ist die FAZ gewesen, die diesen US-amerikanischen Podcaster kritisch in Visier nahm, der auf Spotify präsent war, nach Protesten namhafter Künstler*innen die Plattform verließ oder sie jedenfalls nicht mehr exklusiv bespielt und offenbar auch wieder in der Apple-Sphäre sendet und dort seinem Wesen freien Lauf lässt.
Die FAZ ordnete Rogan, so bei wikipedia zu lesen, als Teil der rechten Szene ein, der es schon lange nicht mehr darum gehe, alternativen Stimmen Raum zu geben. Sondern um Tabubruch und Provokation.
Der Podcaster spanne, wie wikipedia die FAZ zitiert, einen Gegenentwurf zum rationalen, von Expertise getragenen politischen und wissenschaftlichen Diskurs, womit er – wie andere Podcaster aus der sogenannten Manosphere – dickes Geld verdiene.

Klingelt’s? Was immer Giovanni di Lorenzo irritieren mag, zu Recht, und Sakia Esken, wie Hanfeld schreibt, auf die Palme treibt: Ben Berndt ist alles andere als das Unschuldslamm, als das er sich darstellt.
In einem irrt Hanfeld deswegen gewaltig: Nicht Kritik macht ihn und die AfD im Zweifel stärker, sondern sein Podcast. Mit dem Berndt so tut, als ginge es ihm um nichts weiter als die heroische Verteidigung der Meinungsfreiheit gegen die ideologische Engstirnigkeit der etablierten Konkurrenz.
Das mag er vielleicht sogar selbst glauben.
Ich glaube ihm kein Wort!



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