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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Ignoranz Am 8.Mai?

Es war der 8. Mai 1985. Da hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine denk- und gedenkwürdige Rede. In der er den bis dato als Tag der Kapitulation verzeichneten Mai-Tag zum Tag der Befreiung erhob. Was er vierzig Jahre zuvor auch war. Jedenfalls für die, die den Hitlerfaschismus nicht gefeiert haben. Sondern seine Opfer waren. Jüdische Opfer. Widerstands-Opfer. Ethnische und rassistische Opfer. Opfer von Homosexuellen-Hass. Euthanasie-Opfer. Undsoweiter. Die Mehrheit der Deutschen lief den Nazis freilich mehr oder weniger überzeugt hinterher. Die Heerschar der Opportunisten. Den Alliierten war es zu danken, dass der braune Spuk ein Ende hatte. Vorerst. Mittlerweile stehen die politischen Nachfahren in den Startlöchern. Als wäre nichts gewesen? Von wegen. Sie knüpfen unverhohlen an.

Um so erstaunlicher ist, dass Medien ann0 2026 darauf kaum zu berichten kommen. Dabei gäbe es ausreichend Anlass. Die Umfragewerte für die rechtsextreme AfD reichen in Ostdeutschland teils bereits über 40 Prozent hinaus. In Deutschland West ist die Partei weiter auf dem Vormarsch. Bundesweit liegt sie derzeit bei 27 Prozent. Es besteht Grund sich zur fürchten. Quasi wieder vor dem Nachbarn. Und vor Rechtskonservativen wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der mit seinen Verdächtigungen gegen Buchhandlungen demokratisches Selbstverständnis untergräbt. Vor Unionspolitiker*innen, die zumindest mit einem Auge darauf schielen, wie man es Rechten recht machen kann. Vor einer Regierung, die mit ihrer Sozialpolitik Frust sät und damit Angriffen aus dem Weidel-Höcke-Lager Vorschub leistet.

Es ist erschreckend, was aus den damaligen Befreiern geworden ist. Aus Russland, das die Ukraine überfallen hat und den Nachbarstaat am Liebsten aus der Welt schaffen würde. Ok, in Moskau regierte ehedem Stalin, und bei aller Dankbarkeit, was sollte man nach dem Zweiten Weltkrieg erwarten? Es gab die Perestroika, aber sie erscheint im Rückblick nur ein kurzes Zwischenspiel. Aus den USA, die mit US-Präsident Donald Trump heute eher einen Diktator an der Spitze hat, als einen der Demokratie verpflichteten Staatslenker. Was aus dem Weißen Haus und seinen MAGA-Freunden über den Atlantik schwappt, ist von Wladimir Putin und der Gefahr, die von ihm ausgeht, kaum mehr zu unterscheiden. Auch in Frankreich und Großbritannien sind Rechte längst ins Rampenlicht politischer Entwicklung gerückt.

Die Frage, wie man sich dem erwehren kann, bedarf freilich zunächst des Blicks ins eigene Land. Wer dort nicht in der Lage ist, den Rechten konsequent die Stirn zu bieten, hat außenpolitisch nicht sonderlich integre Karten. Selbst linke(re) Medien hatten am Morgen des 8. Mai 2026 allem voran die vom Kreml gefeierte großmächtige Auferstehung Russlands im Programm. Manchen mag man zu Gute halten, dass sie die Entwicklung der AfD, der Neuen Rechten und ihrer Umfelder ohnehin stets beleuchten. Warum sollte man also am Tag der Befreiung die Welle machen? Die Antwort lässt sich aus der Rede von Richard von Weizsäcker lesen. Der darauf hinwies, dass man die Kraft brauche, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen. Er meinte die Wahrheit des Faschismus und seiner Anhänger. Und die Millionen Opfer.

Alle Tage sind gut, sich dieser Kraft bewusst zu werden. Auch der Kraft, sich den neuen oder der Neuen Rechten eingedenk der Geschichte im Sinne der Demokratie entgegenzustellen. Aber dieser 8. Mai sollte es insbesondere sein. Eben weil er in den Jahren nach 1945 zunächst mit dem Jammerton derer einherging, die ihn als Kapitulation empfunden haben. Weil er, der Weizsäcker-Rede zuwider, als Tag der Befreiung in den Hintergrund rücken könnte. Und weil er von Medien nicht bewusst und offensiv in Zusammenhang mit dem Erstarken der Rechten, allen voran der AfD, gesetztwird. Sie mögen das dem Irrglauben schulden, dass derlei Zusammenhänge einer Stigmatisierung der AfD in die Hände spiele, und die Rechte daraus weitere Stärke generiert. Doch gutgemeinte Ignoranz könnte weit stärker nach hinten losgehen.



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