Es ist eine Weile her. Da habe ich in einem Beitrag für einen linken Think-Tank geschrieben, dass Die Linke – oder die Linken – eine angemessene Sprache für ihre Politik braucht/brauchen. Retro mag zwar in mancherlei Hinsicht attraktiv sein. Als aufgetaute politische Vergangenheits-Terminologie taugt retro aber herzlich wenig. Vielleicht bin ich schon zu weit weg von alten Zeiten. Als K-Gruppen sich noch, in Verkennung der Verhältnisse, die sie besonders gut zu durchschauen glaubten, als Speerspitze der Arbeiterbewegung gerierten. Und dachten, wenn sie sich morgens vor den Werkstoren aufbauten, sei am nächsten Tag schon Revolution. Doch die blieb aus. Das hatte damit zu tun, dass es eine kulturelle Kluft zwischen denen, die nach dem Flugblattveretilen wieder ins Bett sprangen und Malocher*innen gab, die bis abends schuften mussten. Die Kluft ließ sich durch Blaumann-Anbiederung auf der einen und Sowjet-Sprech auf der anderen Seite nicht schließen.
Und nun kommt Luigi Pantisano (nicht zu verwechseln mit Partisano) und will im Retrolook Die Linke wieder oder weiter auf Vordermann bringen? Was im Jacobin-Interview zu lesen ist, klingt kämpferisch. Aber durchaus auch nach alten Tagen linken Scheiterns. Viele Menschen arbeiten. Richtig. Und vor allem sie sind Opfer eines schwarz-„roten“ Neoliberalismus. Der sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass er die einkommensabhängige Bevölkerung sozialpolitisch ausnimmt. Doch die Beschäftigungsverhältnisse haben sich verändert. Es gibt ihn noch den klassischen Industriearbeitenden. Parallel freilich haben sich Wirtschaftsstrukturen entwickelt und mit ihnen eine Arbeitswelt, die mit dem Begriff Arbeiterklasse weder gut beschrieben werden kann. Noch lassen sich Arbeitende damit politisch abholen oder gar gewinnen. Wer es versucht und im gleichen Atemzug von Kaderbildung redet, ist linker Revoluzzer-Romantik verfallen und schon draußen.
Bei Kaderbildung fallen einem zuvorderst zwei Bereiche ein, in dem der Begriff umtreibt. Der eine Bereich ist der Leistungssport. Wo bekanntlich Kaderbildung nicht ohne Weiteres einen guten Ruf hat. Geht sie doch nicht selten mit stramm-autoritären Strukturen einher. Ganz abgesehen von immer häufigeren Fällen mehr oder weniger sexualisierter Gewalt, die Schlagzeilen machen. Kaderbildung ist dort also zumindest sehr zweischneidig konotiert. Der andere Bereich ist die Politik. Auch hier schwingt mit der Kaderbildung nicht zweifelsfrei gute Laune mit. Bestenfalls geht es um straffe Parteistrukturen. Schlimmstenfalls, und das eher, erinnert einen das an radikal-autoritäre und so genannt ideologisch gefestigte sozialistische oder kommunistische Funktionärsklicken, ebenfalls oft im Kaderjargon geführt. Einst propagierte Lenin die Partei neuen Typs. Spätestens Stalin, später dann die SED in der DDR verhalfen dem Kaderdenken zu teils gefährlichem Ruhm.
Was andere nicht hinderte, diese Führungsform zu kopieren. Oder zumindest sprachlich wieder aufleben zu lassen. Pantisano, der als Nachfolger des abtretenden Partei-Chefs Jan van Aken gehandelt wird, sieht Die Linke, wie er Jacobin sagte, nicht mehr so tief in der Krise wie vor ein paar Jahren. Aber im Aufschwung befinde sich die Partei auch nicht mehr. Der Kandidat fürs höchste Amt führt als Beleg die vergeigten Landtagswahlen im deutschen Südwesten an. Anders als andere möchte er keinen KPÖ 2.0-Kurs, der weniger auf einen Klassenfokus setzt, sondern Themenbreite bevorzugt. Vielmehr sieht er die maßgebliche Aufgabe darin, Arbeiter*innen für die Linke zurückzugewinnen, die durch die verheerende Sozialpolitik in die Arme der AfD getrieben würden. Und dabei die Klimafrage und die antirassistische Frage mit einzubauen. Aber nicht auf der Kulturkampfebene, wie es die AfD gern hätte, sondern auf der Ebene der Beschäftigten.
Ausbeutung von Menschen gleich Ausbeutung von Natur, so fasst es Pantisano sinngemäß zusammen. Und die Migrationsfrage? Sei im Grunde eine Klassenfrage! Und die Klassenfrage auch eine Bildungsfrage. Deswegen müssen (wir) Bildungsarbeit machen und an der Basis, ganz am Anfang, beginnen: Was ist Sozialismus? Wer ist Marx? Wer ist Gramsci? Wir brauchen zusätzlich eine Kaderbildung, die auch vor Ort den vielen Ehrenamtlichen etwas an die Hand gibt, wie man organisiert, wie man eine organisierende Klassenpartei wird. Was man an den Haustüren gemacht habe, (…) müssen wir jetzt auch in Richtung Werkstore, Betriebe und Beschäftigte weiterentwickeln. Dafür brauche es eine Ausbildung und Bildungsangebote. Das klingt freilich wie vor vierzig, fünfzig Jahren bei der SDAJ, der Jugendorganisation der DKP. Ein kruder Sprech aus ferner Zeit, längst entschärft im Abklingbecken neuen jugendlichen Selbstverständnisses.
Die Linke selbst, an deren Spitze sich Pantisano setzen will, hat nach ihrem Erfolg bei der Bundestagswahl 2025 zu Recht mit Stolz darauf hingewiesen, dass ihr die jungen Menschen quasi die Bude einrennen würden. Und sich die Mitgliederzahl damit verdoppelt habe. Geht es nach Pantisano, sehe ich die Neuaktivisten schon in imaginierter Arbeiterkluft vor VW-Werkstoren stehen, um sich winters zähneklappernd eine Abfuhr nach der anderen einzufangen, wie ehedem der von Kadern in die Industriewelt entsandte K-Gruppen-Nachwuchs. Ob dieser Aufguss politisch von wachsender Zustimmung gekrönt würde, wage ich zu bezweifeln. Von der progressiv-modernen PR-Maschine des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, derzeit Vorbild der Linken, hat das wenig. Eher fällt mir da das sepiawirkende Plakat zum Bertolucci-Film 1900 ein. Aber kann sich damit der Arbeitende oder gar die Jugend von heute identifizieren? Ich denke: Wohl kaum.
In die Betriebe gehen, Arbeiter*innen zuhören, in ihren Alltag reinschauen, gar, wie sie Pantisano eingerichtet hat: eine Arbeiter-Hotline. Gut und schön, sofern die Hotline nicht zu einem Callcenter in Bangalore führt. Auch ein Stadtteilzentrum, um es Arbeiter*innen für Versammlungen zur Verfügung zustellen, mag zumindest ein Bisschen was bringen. Nur das, was der Noch-nicht-Vorsitzende der Linkspartei da sagt, vor allem, wie er es sagt, klingt nicht danach, als würde wirklich irgend jemand darauf warten. Der Proletarier-Slang, der allenthalben im Jacobin zu finden ist, hört sich bisweilen reichlich rostig an. Auch wenn er richtige Inhalte transportiert. Wer sich allerdings schon am Wort-Kostüm der Linken stört, dürfte sich kaum ihrem politischem Ansinnen öffnen. Für meinen Geschmack reicht es, wenn die AfD alten Nazisprech wiederaufbereitet. Ich finde auch Sprache muss mit der Zeit gehen. Zumal, wenn Die Linke wert auf Zukunft legt.
Kein Kulturkampf, sondern Klassenkampf? Mit dieser von mir leicht überzogen interpretierten Gewichtung politischer Notwendigkeiten, dürfte Pantisano seine Partei eher auf die Standpur manövrieren. Denn derzeit spielt der Kulturkampf, der wiederum eng mit der Bildungsfrage verknüpft ist, eine nicht unbedeutende Rolle. Nicht nur die AfD, sondern insbesondere auch das Mitte-Rechts-Lager um solch fragwürdige Figuren wie Kulturstaatsminister Weimer versuchen das Land über den kulturellen Diskurs nach rechts zu drücken. Nicht, um von wichtigen sozialen Fragen abzulenken, sondern um einen verheerenden Einklang herzustellen. In diesem Sinne gilt es, Die Linke breiter aufzustellen, statt sich fahrlässig vor allem auf Klassenkampf zu konzentrieren. Hier könnte man drüber nachdenken, ob Pantisano denn wirklich eine gute Wahl wäre. Mir ist sein Kurs deutlich zu verstaubt. Und wo Staub aufgewirbelt wird, ist die Sicht insgesamt schlecht.

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