Vom feinen Editor at Large zu Sack und Asche. Da hat es den ehemaligen Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Stephan-Andreas Casdorff, nun also kalt erwischt. Kalt? Der 57jährige wusste, was er tut. Als er sich für seine Meinungsbeiträge Künstlicher Intelligenz (KI) bediente. Jetzt ist erstmal Schluss mit lustig. Die aktuelle Chefetage des Dieter-von-Holtzbrinck-Mediums hat Casdorff, der vor seinem KI-Debüt als EaL auch als Herausgeber fungierte, gebeten, alle publizistischen Aktivitäten ruhen zu lassen. Aus gegebenem Anlass das Übliche: Von beiden Seiten Bedauern. Er entschuldige sich von ganzem Herzen, ließ der Riesenfehler-Mann wissen. Blieb ihm allerdings auch nichts Anderes übrig. Damit geht für ihn eine lange Karriere bitter zu Ende. Er ist nicht der Erste und Letzte, den derlei Schicksal ereilt.
Jeder hat seine Hybris – oder: Bei allem Verstand ihn zwischenzeitlich verloren. Ein bisschen sieht Casdorff dem Ex-Zeit-Chefredakteur und Herausgeber Theo Sommer ähnlich. Auch den hatte auf letzter publizistischer Strecke ein Schreckensschicksal ereilt: Ein Jahr und sieben Monate auf Bewährung plus Geldstrafe. Wegen Steuerhinterziehung und Betrugs in seiner Eigenschaft als Herausgeber für das Verlagshaus Times Media GmbH. Ihm sei das peinlich, soll er laut Wikipedia gesagt haben. Für Familie, Kollegen, Freunde, Kritiker. Vor allem ihm selbst gegenüber. Auch damals Bedauern. Wovon man sich aber nichts kaufen kann. Wovon auch andere nichts haben. Weil auch wenn die Dinge nicht vergleichbar sind: Fehler färben ab. Und es dauert eine Weile, bis Gras darüber gewachsen ist. Eine weitreichende Beschädigung.
Natürlich heißt es bei Casdorff eingedenk seiner Laufbahn, man sei – ich übersetze – not amused, diesen Schritt gehen zu müssen, da S.A.C. über viele Jahre wertvolle Arbeit geleistet habe. Nur irgendwie muss ihn das Arbeitsethos am Ende verlassen haben, da er offenbar nicht mehr aus eigener Kraft texten konnte, sondern sich die Sache leicht machte. Es gehe, so ließ man die werte Öffentlichkeit wissen, um Glaubwürdigkeit. Ich ergänze: Solange Medien sie noch hochhalten können und wollen. Denn Casdorff hat im Grunde nur einer Praxis vorgegriffen, die viele, vor allem Sparfüchse, für das Non-plus-ultra zukunftsweisenden Journalismus‘ halten. Und die peu-à-peu Einzug in die Medienwelt hält. Erstmal auf kleiner, natürlich verantwortbarer Flamme. Später, da darf man sicher sein, auf großem leuchtenden Feuer.
Es gibt ja Menschen, die behaupten, man werde mit zunehmendem Alter wieder in den Zustand zurückversetzt, in dem das Leben begann. Also irgendwas mit Kind. Vielleicht ist es ja ein urfreud’scher Spieltrieb, der einen veranlasst, sich an diese neuen Baukästen heranzumachen, in die man was hineinruft – und dann kommt hinten was raus. Vorbei die Zeiten, da man haufenweise Klötzchen auftürmen musste, um sich ein Schloss zu schaffen. Heute kann man dicke Romane fremdschreiben, wenn man sich die Gebrauchsanweisung gut durchgelesen hat. Nur das Ende scheint gleich: Beim kleinsten Fehler purzelt das schöne Konstrukt jäh dahin. Als Kind lachte man sich kaputt. Ein Editor at Large aber fällt in sich zusammen wie ein Soufflé- und nichts liegt mehr vor Einem, was das noch einmal positiv rausreißen könnte.
Widerlegt scheint mit Fällen wie dem des Stephan-Andreas Casdorff, dass Alter schlauer oder gar weiser macht. Für clever mag Casdorff sich gehalten haben, als er – so stell ich es mir vor – ganz Sportsfreund seinen KI-Bro bat, ihm mal eine unverbrüchliche Israel-Soli-Nummer rauszuhauen. Mit ’nem bisschen Kampf gegen Antisemitismus drin. Das klang immer sehr schlicht. Nach fremdgesteuerter Staatsräson. Das hat er nun davon, sollte er sich dieses heikle Thema künstlich zurechtgeklöppelt haben. Jedenfalls sind auch diesbezügliche Texte im Tagesspiegel depubliziert. Von einem auf den anderen Moment offline geschaltet. Auf die Frage, was tun, wenn mir eines Tages was in dieser Richtung passieren würde, antwortete mir KI: Lassen Sie es mich wissen, ich helfe Ihnen gerne bei den nächsten Schritten.

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