Haben Pantisano alle guten Geister verlassen? Diese Frage stellt Freitag-Autor Lutz Herden. Anlass: Die Linke-Co-Chef Luigi Pantaisano hatte im ZDF-Sommerinterview der CDU andeutend signalisiert, dass seine Partei eine Wahl von Sven Schulze zum künftigen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt unterstützen könnte. Wenn denn damit eine Machtübernahme durch die AfD verhindert würde. Ohne auch nur die geringste Gegenleistung, wie Herden schäumt, wolle Die Linke in dem Bundesland, in dem am 6. September ein neues Parlament gewählt wird, dafür Sorgen tragen, dass alles so bleibt, wie es ist. Eine Gratis-Offerte an eine Partei der sozialen Verheerungen und unverholenener Kriegsvorbereitung. Staatstragend statt akutem Staatsversagen die rote Karte zu zeigen. Hier werde ein erschreckender Realitätsverlust offenbar, der werde sich, sinngemäß, rächen, poltert Herden durch sein Freitag-Pamphlet.
Man könnte die Frage nach der geistigen Verfassung allerdings auch Lutz Herden stellen. Die neueste Umfrage, im Tagesspiegel veröffentlicht, zeigt, dass die AfD mittlerweile auf 42 Prozent der Stimmen käme, das BSW von Galionsfigur Sarah Wagenknecht auf fünf Prozent. Nimmt man Wagenknechts Aussagen ernst, dann ist eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit der beiden Parteien geritzt. Sie sind in wesentlichen Punkten auf einer Linie: Russlandfreundlichkeit, Migrationsfeindlichkeit, Systemsprengung (Angriff auf staatliche Institutionen inkl. öffentlich-rechtlicher Medien). Das müsste inhaltlich reichen. Wer das Programm der AfD vor Ort liest, weiß, was sich da Bahn zu brechen droht. Dieses Neue will Herden im Zweifel in Kauf nehmen, damit das Alte weicht? Welche Synapsen sind da denn durchgebrannt? Aber halt. Wenn Herden so eindrücklich schreibt, macht das Sinn!
Russlandfreundlichkeit ist eine Spezialität von Herden. Das BSW ein Pferd, das Freitag-Autor:innen reiten, bis es durch ist. Ressentiments gegenüber dem System, Verharmlosung von AfD-Anhänger:innen: Bingo! Gerade trat eine Dauer-Ostversteherin ihre Verwunderung darüber breit, dass Menschen ihren Ostsee-Urlaub aus AfD-Gründen stornieren (Heuchelei). Eine Soziologin sprach übers gütliche Leben mit AfD-Nachbarn : Wir sind aufeinander angewiesen. Da wundert es nicht wenn Lutz Herden beim Verdacht, eine Linke auf CDU-Kollisionskurs könnte der AfD zuspielen, vorbaut: Die Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich gegen die derzeitigen Verhältnisse am 6. September zur Wehr setzen wollen, sind weder unverbesserliche Faschisten noch verführte Dumpfbacken. Sie haben das Gefühl, keine andere Wahl zu haben als jene, die sie an jenem Tag treffen wollen. Pantisano hat sie in diesem Gefühl bestärkt.
Wenn, so Herden, Pantisano angesichts des breitgefächerten Desasters, das die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz anrichtet, mit seinem Votum alle guten Geister verlassen haben, fragt man sich, wes Geistes Kind denn der Freitag-Autor ist. Und der Freitag, dass man dort jeden denkbaren Unsinn lesen darf. Zuletzt etwa von Velten Schäfer, der autoritären Figuren (bsp. im Iran) frönte, weil die ach so belesen, sprich intellektuell sind. Oder von Johannes Varwick, der angesichts von Drohnen-Gefahren wieder mal Russland beiseite sprang. Oder warum ein Ex-Stasi-IM dem Freitag zu Diensten ist, der ehedem den selbsternannten Volkssatiriker Uwe Steimle persilscheinte, als schon die Spatzen dessen Rechtsdrall von den Dächern pfiffen. Die Kette derlei kruder Parteina(h)men ließe sich unendlich verlängern.
Dass es um unser Land nicht gut bestellt ist, attestieren Medien nahezu täglich. Die Bundesregierung wirtschaftet es nach Herzenslust weiter runter. Wenn allerdings Faschisten an die Macht kommen, dann brauchen auch Linke nicht mehr drüber reden, wie man den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Dann steckt er fest im blaubraunen Sumpf. Angesichts dessen Politmüll von Lutz Herden lesen zu müssen, ist fast so schlimm wie Waterboarding. Vor einiger Zeit haben Autor:innen dem Westend Verlag ihre Zusammenarbeit aufgekündigt. Weil er, der schon lange ins Verschwörungslager greift, immer weiter nach rechts rücke. Vielleicht sollten Autor:innen des Freitag überlegen, ob nicht auch dort das Fass der Fragwürdigkeiten überläuft. Ob Diversität dafür herhalten muss, jeden politischen Quark in Umlauf zu bringen. Oder ob dem Freitag alles wurscht ist, Hauptsache Medium.
Zumal es ja nicht so ist, dass die Geschichte des Freitag frei wäre von obskurem Allerlei und sich erst in jüngerer Zeit eine diesbezügliche Schlagseite zeigt. Als man dort 2017 etwa auf die Idee kam, Jürgen Todenhöfer den Posten eines Herausgebers zu gönnen, schlugen die Wellen in der Redaktion hoch. Damals soll Verleger Jakob Augstein den Kurzzeitherausgeber laut wikipedia einen völlig unabhängigen Publizisten genannt haben. Wie Freitag-Autoren heute gerierte sich Todenhöfer immer wieder Mal als eine Art pazifistische Speerspitze. Und tat, als würde er mit Autokraten-Besuchen etwa im Iran und Syrien als Handlungsreisender in Sachen Frieden unterwegs sein. Kritiker hielten und halten ihn dagegen für rechts, manche auch für antisemitisch. Einen, der entsprechend vergiftetes Lob erntet. Was medial besagen mag: Politische Verirrungen gehören offenbar zur Genese des Freitag.
PS: Einen noch größeren Unsinn schreibt, kaum dass dieser Blog-Beitrag raus ist, Freitag-Autor Kevin Gensheimer. Im Tenor Herden gleich, stärker im „Abgang“, verweist er darauf, dass der Linken ein ähnliches Schicksal blühen könnte wie dem BSW, das in Thüringen an CDU und SPD anschloss und nach Wagenknecht-Lesart seine Wähler:innen verprellte. Auch hier schlug die BSW-„Kämpferin“ im Zuge ihrer Kritik am eigenen Lager eine Bürgerregierung vor, mit der sie jetzt in Sachsen-Anhalt hausieren geht. Eine volksnahe Lösung, mit der sie ihre Annäherung an die AfD reklamiert. Das aber kommt Gensheimer nicht in den Sinn, wenn er Die Linke anpinkelt. Zudem: Die Wahlergebnisse in Thüringen (2024) und Sachsen-Anhalt (9/2026) dürften nicht vergleichbar sein. Aber man kann ja versuchen, mittels Linken-Schelte ein BSW-AfD-Stelldichein kleinzureden. Wo ein Herden ist, sind Lemminge nicht weit.

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