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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Ganz Normaler Masochismus

Die Erzählung von der Komplexität oder Überkomplexität der Welt wird seit geraumer Zeit arg strapaziert. Und doch treffen die Begriffe den Kern der politischen Entwicklung. Internationale und national. Für das Eine ist Us-Präsident Donald Trump das Paradebeispiel. Dem seine Ambitionen spür- und sichtbar über den Kopf wachsen. Wo er unterwegs ist, geht es drunter und drüber. Am Ende wächst kein grüner Grashalm mehr. Der Mann ist vor allem von sich selbst grenzenlos überfordert. Und stürzt andere in den Abgrund. Für das Zweite kann ohne Weiteres Bundeskanzler Friedrich Merz herhalten. Dem außen- wie innenpolitisch die Fäden aus der Hand laufen. Ob Klima- oder Sozialpolitik, ob Verteidigungs- oder Kulturpolitik: Es scheint, als habe er Orientierung und Handwerkszeug verloren. Ihm entgleitet jede Übersicht, so er sie denn je gehabt haben mag. Der Schuh des Kanzlers war ihm von Beginn an deutlich zu groß.

Die Frage, die kürzlich der Philosoph Harald Welzer im Freitag aufwirft:: Sind es einfach nur die falschen Politiker/innen, die die Geschicke der Geschichte zu lenken versuchen und scheitern? Oder ist es der Fortlauf der Dinge, den wir eben wegen seiner Komplexität gar nicht mehr im Griff haben können. Welzer verweist auf den Psychologen Dietrich Dörner, der bereits Ende der 1980er Jahre eine Untersuchung mit dem Titel „Die Logik des Misslingens“ vorgelegt habe, die Aufschluss gebe, weshalb komplexe Systeme scheitern. Nichts, so Welzer, deute darauf hin, dass sich im Strudel komplexer Veränderungen irgendwo ein Weg abzeichnet, diese Entwicklungen einzudämmen oder gar umzukehren. Die Politik, meine Dörner, reguliere immer nur den Zustand und nicht den Prozess. Auf diese Weise überlagerten sich Eigendynamik und Steuerungsvesuche. Dazu komme der Zeitdruck, der insgesamt alles nur noch schlimmer mache.

Man operiert, so lässt sich Gesagtes weiterspinnen, also hektisch am offenen Herzen. Man schaut nicht auf Vergangenheit und Perspektiven, sondern auf den Moment. Krisen äußern sich punktuell, weisen bisweilen zunächst gar nicht auf ganzheitlich Bedrohliches hin. Wo eine Krise auftaucht, scheint man sie noch bewältigen zu können, aber es brennt parallel an vielen anderen Stellen. Das mag eine Weile gut gehen, bis gegen die desaströse Gesamtentwicklung nicht mehr anzukommen ist und das Ganze zusammenbricht. Am Ende stünde, wie Welzer mit bitterer Ironie anmerkt,  Politiker vor den Mikrofonen und teilen mit, sie seien sehr überrascht. Zusammenfassend sehe man einerseits eine Unterschätzung der umfassenden Destabilisierung des Systems, andererseits ein hektisches, aber illusionäres Abarbeiten an Symptomen. Zusammenhänge werden nicht gesehen. Die Dynamik wird beständig ignoriert.

Welzer konstatiert Illusionen, von denen sich der Westen verabschieden müsse. Dass negative Folgen scheinbar unbegrenzten Reichtums kompensiert werden könnten, dass man Subjekt des Geschehens sei und deswegen alles im Griff habe, dass man sich einredet, alles trotz begrenzter Instrumente bewältigen zu können und man selbst in diesem Sinne zunehmend anachronistisch unbelehrbar an ein gutes Ende glaubt. Dagegen setzt Welzer die wachsende Notwendigkeit, zu priorisieren und Wohlstandsverluste hinzunehmen. Das Geld werde für Vieles nicht mehr reichen, will man ein Grundniveau erhalten. Vorschläge werden darauf hinauslaufen müssen, Gesundheits-, Bildungs- und Sozialversorgung aufrechtzuerhalten und gegen Bedrohungen abzusichern. Der Weg führe von der Expansion zur Reduktion. Von der Vulnerabilität zur Resilienz. ALLES zu reparieren, werde man sich nicht leisten können.

Ansonsten ist der komplette Systemzusammenbruch zu befürchten, nach dem dann nichts mehr funktioniert. Welzer spielt auf Hans Magnus Enzensberger an, der beispielhaft Michail Gorbatschow als Helden des Rückzugs nannte, seine zivilisatorische Haltung, den Rückzug anzutreten, bevor die Sowjetunion elend politisch explodiert wäre. Ein Rückzug, der auch den westlichen Demokratien bevorstünde in jenem Krieg der industriellen Revolution gegen unsere eigene Biosphäre. Aber was heißt das nun praktisch? Für unser Leben? Unser politisches Engagement? Die Politik? Ist es also richtig, dass etwa die Bundesregierung mit Verweisen auf pekuniäre Endlichkeit und angebliche systematische Überdehnung sozialer Flankierungen an uns appelliert, den Gürtel enger zu schnallen? Damit überhaupt noch Klinken laufen, Renten gezahlt und Familien halbwegs gut unterstützt werden können?

Das dürfte es nicht sein, was Welzer meint. Vielmehr gilt es, einzusehen, dass, wer ein Grundniveau erhalten will, das freilich gesellschaftlich und von der Politik erst noch zu definieren wäre, auf das Gesamtgefüge schauen muss. Es ist signifikant, wie sehr die Komplexität, also wie Alles mit Allem zusammenhängt, politisch bewusst ignoriert wird, um den Menschen zunehmende soziale Einschnitte als unabdingbar zu verkaufen. Angenommen Sozialleistungen, das, was die Menschen grundsätzlich gesichert wünschen, würden statt gekürzt ausgebaut, müsste geschaut werden, wie dies insgesamt kompatibel ist. Der Rückzug müsste nicht überall stattfinden. Aber es müsste insgesamt entschieden werden, wo man sich zurückzieht und wo nicht. Ansonsten wird der Kollaps kommen. Man kann mit unentwegten und nicht breit abgestimmten Adhoc-Korrekturen nicht mehr weitermachen.

Die Politik krankt derzeit daran, dass sie Alles zu wollen vorgibt, ihr aber nichts gelingt. Mit Blick etwa auf die Rüstungspolitik (die weitere Krieg schürt und damit noch notwendiger zu werden scheint), auf die Energieengpässe (eine teils unmittelbare Folge der Militarisierung von Konflikten), und auf den Klimawandel (hier etwa die Verkehrspolitik) fehlt es gegenwärtig an vernünftigen Rückzugs-Strategeien, die die Räume für eine gesellschaftlich notwendige Sozial- und Überlebenspolitik schaffen können. Die Menschen sollen glauben, dass erstens Alles, was gemacht wird, auch notwendig ist, und dass, wenn überhaupt, sie einen tiefgreifenden sozialpolitischen Rückzug in Kauf zu nehmen haben. Der einen Rückzug privater Bedürfnisse einschließt. Das freilich würde das Kollabieren nicht unwahrscheinlicher machen, sondern Alles so sein lassen, wie es ist: Komplex und unkontrollierbar.

Dazu noch einmal der von Welzer zitierte Enzensberger:  Statt sich der desaströsen Lage bewusst zu werden, übt sich unsere politische Klasse in albernen Siegerposen und selbstzufriedenen Lügen. Sie triumphiert, indem sie mauert, und glaubt der Zukunft durch Aussitzen Herr zu werden. Vom moralischen Imperativ des Verzichts ahnt sie nichts. Die Kunst des Rückzugs ist ihr fremd. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb Regierende selbst angesichts nahenden Untergangs an ihre Ämtern kleben. Rückzug ist ein NoGo. Er beschneidet aber auch ihre Ansichten von Würde und Respekt. Demnach gebühren sie dem, der als letzter vom sinkenden Schiff geht und nicht dem, der verhindert, dass sein Schiff überhaupt auf Grund läuft. Das hat etwas Masochistisches. Die Lust am Untergang scheint den Mächtigen implementiert. Da sind wir wieder bei Trump und Merz. Beide lieben offenbar auf jeweils ihre Weise die Apokalypse.



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