Was macht eigentlich der Freitag nach einem BSW-Crash in Sachsen-Anhalt? Baut die Redaktion schon an einer Arche Noah? Wo trifft sich die Selbsthilfegruppe für Kreml-Süchtige? Wer hat die Fühler nach einer passenden Trauma-Therapie ausgestreckt? Ist schon ein Veteranen-Stammtisch mit Sahra Wagenknecht gebucht? Wird im Hamburger Miniatur-Wunderland bald das Märchen von der Bürgerregierung aufgeführt? Und werden schon eifrig Wimpel für den KGV Niedergang genäht? Ich sehe schon, wie der Archivstaub aus der EPaper-Ausgabe 34/2026 rieselt. Ach, was waren das für Zeiten, als wir noch Hoffnung hatten, das BSW könnte eines Tages Kanzlermacher spielen. Und Frieden schaffen mit immer weniger Waffen. Hat das Wahlvolk nicht kapiert, dass das mit dem Flirt Richtung AfD bloß ein cleverer Schachzug war, um Wagenknecht ans Ziel ihrer Träume zu bringen? Die wackere Kämpferin, die einzig fleischgewordene Demokratie.
Wer sich fragte, ob auch der Freitag ein Tendenzbetrieb ist, konnte sich bei der erwähnten Ausgabe die Augen reiben. Dort durfte sich auf Seite 1 Daniela Dahn über das Demokratie-Modell des BSW ausmären. In der Dachzeile hielt es die Redaktion nicht mal für nötig, den Begriff in Anführungszeichen zu setzen. Offenbar ist Dahn der Hypnose mächtig. In diesem Sinne schwadronierte sie darüber, wie man aus dem Koalitionskorsett steigen und sich des toxischen Fraktionszwangs entledigen könnte. Der sei nicht mehr zeitgemäß. Nieder mit der Brandmauer! Es entspräche dem fundamentalen Repräsentationsprinzip viel mehr, wenn sich Regierende Mehrheiten immer neu suchen müssten. AfD nicht in der Regierung, aber irgendwie doch. Über Aushandlungsprozesse. Überparteilich könnte ein künftiger Ministerpräsident sein. Eine Bürgerregierung nennt Wagenknecht das. Der Gastbeitrag von Dahn ist keine Wahlwerbung. Iwo. Er bringt nur ein bisschen Schwung in die Wählerschaft.
Und weil der Beitrag keine Wahlwerbung ist, wird auch offen erwähnt, dass Daniela Dahn parteiloses Mitglied der BSW-Grundwertekommission ist. Als solches erzählt sie auch, dass das BSW für sich ausgeschlossen habe, mit irgendeiner Partei zu koalieren (sollte die Wagenknecht-Truppe über 5 Prozent kommen). Die Rede ist vom BSW als der Seele der Opposition. Deren Medienspräsenz sei unübersehbar geschrumpft. Denn vieles störe die Medien am BSW, obschon ihre Galionsfigur einen der höchsten Bekanntheitswerte unter deutschen Politikern habe.Es sei also wichtig, dass die Stimme des BSW nicht erlischt. Das Demokratie-Modell, so die Hoffnung, könnte es richten. Hat aber, wenn etwa die CDU nicht mitmacht, womöglich nur mit der AfD eine Chance. Nämlich dann, wenn die Rechten nicht die absolute Mehrheit einfahren. Und Brautschau betreiben. Eine Koalition will das BSW nicht, aber über einen gemeinsame Vorstoß für eine Bürgerregierung ließe sich reden.
Letzteres hat Sahra Wagenknecht über alle Brandmauern hinweg mehrfach offen signalisiert. Eine Bürgerregierung, klingt das nicht fantastisch? Die, die derzeit gegen die Phalanx der Altparteien moppern und dem System ein Schnippchen schlagen wollen, sind blitzverliebt in das, was Wagenknecht da hohepreist. Ob so blitzverliebt, dass das dem BSW ins Landesparlament von Magdeburg hilft, bleibt abzuwarten. Die Sehnsucht baut möglicherweise darauf, dass auch weniger BSW-freundliche Menschen von dem, was da so basisdemokratisch daherkommt, derart geblendet werden, dass sie nicht sehen, wie rechte Schatten über dieses Demokratie-Modell ziehen. Oder dies bewusst goutieren. Die Russland-Fankurven und Soziomigrantenfeindplätze (an unserem armen Dasein sind allein die Flüchtlinge Schuld) sind gut besetzt. Warum also sollte man nicht einen vielleicht letzten Versuch wagen, einen seligen Wunsch Wagenknechts Wirklichkeit werden zu lassen?
Vielleicht, damit das Jammern über mangelnde Medienpräsenz aufhört, hat also der Freitag Daniela Dahn auf Seite 1 ein warmes Stühlchen hingestellt. Aber es ist ja nicht nur dies, was in mir seit Längerem den Verdacht weckt, das Medium aus dem Hause Jakob Augstein pflege doch einen starken Hang zum BSW. Die Balalaika-Klänge, die außenpolitisch mitschwingen, Interview-Partner:innen aus dem Umfeld des Wagenknecht-Sprech, Ostver(w)irrungen mitsamt mehr oder weniger versteckter Verharmlosung rechter Ausläufer, Sympathien für jene, deren Neoliberalismus-Kritik in zweifelhaftes System-bashing inkl. Zweifel an demokratischen Institutionen (Stichwort ÖRR) mündet, lassen mich immer wieder aufhorchen. Passt das nicht kongenial in das Bild, das von Wagenknecht gezeichnet wird? Bin ich jetzt etwa auch schon ein Verschwörungstheoretiker? Erliege ich bereits einem Mir-Drushba-Komplex und muss deswegen auf die Couch?

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